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Viel Heute im Gestern

Eine Reise durch die Westukraine, den ehemals äußersten Zipfel der Donaumonarchie, zeigt, dass wir auch heute noch viel miteinander zu tun haben.

„Die Einschätzung, ob es bei uns vorwärts- oder rückwärtsgeht, hängt vom Wetter ab“, meint Juri Durkot mit einem Augenzwinkern. An diesem sonnigen Sonntag lautet seine Prognose: Es wird besser. Der Lemberger Journalist kann zarte Reformen erkennen, beispielweise bei der Korruptionsbekämpfung, aber der Pessimist in ihm weiß genau, dass der Weg in Richtung westliche Demokratie noch weit ist. Das Land kontrollierten jene Oligarchen, die die Wirtschaft, Medien, Politik und Fußballvereine dominierten. Die „dicken Autos“ gehörten jedoch hohen Beamten, schärft Durkot den Blick der Gäste. Etwas Schmiergeld ebne häufig den Weg zu den ohnehin magereren Segnungen des Staates. In den vergangenen Jahren wurde die Landeswährung dreimal abgewertet. Besonders bitter sei das für alte Menschen, die im Schnitt 44,00 Euro pro Monat Pension haben. Sie müssen für Medikamente zahlen und für Behandlungen im Krankenhaus. Wer weder einen Hausgarten zur Selbstversorgung hat noch Kinder im Ausland, die Geld schicken, sei arm dran.

UNKLARE IDENTITÄTEN
Sucht man im Westen der Ukraine die Vergangenheit, landet man schnell in der Gegenwart. Die Region mit ihren berühmten Städten Lemberg und Czernowitz ist im Umbruch. Die große Vergangenheit ist im besten Fall eine Anzahlung auf den Tourismus der Zukunft. Momentan geht es um das Überleben und um Identität. „Wer sind wir?“, fragen sich die UkrainerInnen. „Am einfachsten können das alle beantworten, die nach 1992 geboren sind“, meint Juri Durkot. Für die anderen ist es schwieriger. Zuerst wurde das Gebiet über Jahrhunderte immer wieder zwischen Polen, Russland, Rumänien, Deutschland und Habsburg-Österreich aufgeteilt und herumgeschoben. Im Grenzland beugte man sich der neuen Herrschaft, kollaborierte einmal mit den einen, dann wieder mit den anderen. Im 20. Jahrhundert bauten sich die Spannungen in Galizien und der Bukowina, wie die Grenzregion zu Monarchiezeiten hieß, zulasten der jüdischen Bevölkerung ab. Deren Spuren verlieren sich in den Konzentrationslagern und der Emigration.

ZUWANDERN, ABWANDERN
Die meisten Deutschstämmigen sind nach dem Ende der Sowjetunion in den Westen übersiedelt. Die heutige Bevölkerung der Grenzregion ist ethnisch alles andere als einheitlich und sucht doch nach Eindeutigkeit. Die Abgrenzung geht für viele Richtung Osten, dort wo Russland ist, das sich vor drei Jahren mit Besetzung und Kampfhandlungen in das Land hineingeschoben hat. „Leben ist Leben und darum hat sich alles viel gemischt“, resümiert Pawel Piwtorak. Er ist in Czernowitz im Vorstand der Vereinigung der österreichisch-deutschen Kultur. Dabei ist er selbst kein Deutscher, sondern Sohn von ukrainischen Zwangsarbeitern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gelebt haben und erst 1958 in die Ukraine zurückgekehrt sind. Deswegen spricht er Deutsch. Das kommt Piwtorak zugute. Von seiner kleinen Pension könnte er nicht leben. Sein Zubrot verdient er als Übersetzer in einer Textilfabrik, die Damenunterwäsche für den deutschen Markt erzeugt. Eine ganz andere Geschichte hat seine Kollegin Tetjana Bereschna. Sie ist als Kind eines russischen Universitätsprofessors nach Czernowitz gekommen. Heute führt sie nicht nur deutschsprachige Gäste durch die Stadt, sondern betreut als Psychologin auch Drogenkranke. Nicht wenige sind Kinder von Frauen, die als Altenpflegerinnen, Krankenschwestern oder Kindermädchen in Deutschland und dem restlichen Europa arbeiten. „Die Kinder haben Geld, aber keine Liebe, und das macht sie zu einem leichten Opfer von Drogenhändlern“, sagt ­Bereschna. Sieben von 52 Millionen UkrainerInnen arbeiten im Ausland, drei Viertel sind Frauen. Weiterlesen in der Printausgabe…

Menschen von heute in der Westukraine:

Sofija Onufriv ist in Lemberg aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Die Übersetzerin und Reiseleiterin wurde wie viele zu Zeiten des Sowjetsystems geheim griechisch-katholisch getauft. Ohne es direkt zu sagen, hätten ihr ihre Eltern immer das Gefühl vermittelt, dass man sich nicht mit dem System identifizieren könne und dass „wir noch eine andere Geschichte haben“.

Juri Durkot, Journalist in Lemberg, hält die Sanktionen des Westens gegen Russland infolge der Okkupation der Krim und der Kämpfe in der Ostukraine für unumgänglich. Sie seien politisch notwendig, um gegen die Verletzung der Nachkriegsordnung in Europa zu protestieren. Auch wenn sie wenig erreichten, seien sie als einziges Mittel unabdingbar.

Tetjana Bereschna würde als Stadtführerin öfter Gäste durch Czernowitz führen. Aber viele bleiben wegen des Krieges im Osten der Ukraine aus. Dabei ist die Angst der TouristInnen, Opfer des Konfliktes zu werden, völlig unberechtigt. Viel mehr fürchtet Tetjana um ihren Sohn, der noch einberufen werden kann. „Er und seine Frau überlegen, jetzt ein drittes Kind zu zeugen, denn dann müsste er sicher nicht mehr einrücken.“

Evgenia Lopata organisiert das Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“, das heuer vom 7. bis 10. September stattfindet. „Wir hatten nichts mehr als das historische Fundament, wir hatten keine Gegenwart mehr“, sagt sie über ihre Motivation, bei den großen Dichtern Czernowitz’ wie Rose Ausländer und Paul Celan anzuschließen. www.meridiancz.com