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Vom Muttermythos gehemmt?
Frauenpolitisch tritt Österreich auf der Stelle. Die ewig gleichen Themen werden von den ewig gleichen Akteuren durchgekaut. Und der Rest der Frauen? Wartet auf das erste Enkelkind.

Eine der heftigsten Debatten im Kreis von Freundinnen drehte sich in jüngster Zeit um die Frage, warum Frauen nicht mehr gegen Ungerechtigkeiten, die sie betreffen, kämpfen. Denn ist es nicht erstaunlich? Ein Drittel weniger Einkommen, gläserne Decke bei den gut dotierten Führungsjobs und mehr Armut im Alter, das alles beten uns Statistiken und frauenbeauftragte Personen immer wieder öffentlich vor. Aber außer einem vagen „Wir bitten dich, erhöre uns“ kommt aus dem Chor der Betroffenen wenig zurück. Frauen sind keine homogene Gruppe, das wissen wir. Trotz allem sind sie noch immer nicht in der Lage oder nicht willens, sich so zu organisieren, dass sie nicht mehr übergangen werden können. Jede Regierung scheitert bei Schulreformen an einer stark organisierten Gewerkschaft, aber mögliche Aufstände wegen Frauenarmut und Schlechterstellung im Beruf verursachen bei den politisch Verantwortlichen offenbar nicht einmal ein Ohrenwackeln.

Was machen Frauen falsch? Meine Freundinnen, selbst Mütter und teilweise schon Großmütter, hatten verschiedene Erklärungen für dieses Phänomen. Die Schere von Einkommen und möglicher Armut geht bei Frauen in der Regel auf, wenn eine Familie gegründet wird. Beim ersten Kind schaffen es manche Paare noch, leidlich gleichberechtigt Baby und Beruf zu schaukeln. Spätestens beim zweiten Kind macht ganz Österreich aber nach dem Modell weiter, das die Lasten der Familienarbeit unverhältnismäßig auf die Frauen abwälzt. Stimmt nicht, die meisten Frauen sagen, sie täten das freiwillig. Sie wollten sich mehr als ihr Partner um die Kinder kümmern, sie wollten Teilzeit arbeiten, es mache ihnen nichts aus, weniger zu verdienen und zugunsten der Familie auf berufliche Entfaltung zu verzichten. Wer ihnen mit finanziellen Nachteilen in der Pension oder im gar nicht so unwahrscheinlichen Fall einer Trennung kommt, findet wenig Verständnis. „Das hängt damit zusammen, dass Frauen in der Phase mit Kindern einfach keine Kraft haben, auch noch für irgendetwas zu kämpfen“, sagt eine meiner Freundinnen. Mag sein. Aber was ist mit den älteren Frauen, die aus der Babyphase heraus sind und die schon wissen, wohin die Entscheidungen der jungen Jahre führen? „Die wollen endlich einmal ihr Leben genießen“, sagen meine Freundinnen. Die ersten Enkelkinder entschädigen für verpasste Chancen, und statt die jungen Mütter zu warnen, empfinden manche es als Bestätigung des eigenen Weges, wenn die Töchter es genauso wie die Mama machen. „Ich glaube“, sagte eine weitere Freundin, „dass es in Österreich einen ganz tief verankerten Muttermythos gibt.“ Sie meint, Frauen glaubten, dass Mutterschaft erst ihren Wert und wohl auch ihren Selbstwert ausmache und dass darüber alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen als zweitrangig verblassten. Soll ich das glauben? Eher ist mir plausibel, dass Frauen nicht aufgeben wollen, wofür sie anerkannt werden, und das ist die Mutterrolle. Frauen, die kämpfen, sind nach wie vor nicht gut angeschrieben. Aggressive Frauen sind nicht chic. Dabei gibt es sie, denn auch Mütter rasten manchmal aus. Und apropos Mutterschaft: Frauen, die beispielsweise das Wahlrecht für Frauen erkämpft haben, waren in der Regel vielfache Mütter. Gerade Mütter kämpfen hart, wenn es um ihre Kinder oder ihre Familie geht. Sie können es also. Warum nicht auch für sich selbst?

Weil sie ja nichts gegen Männer hätten, sagen viele Frauen, und man mit weiblicher Raffinesse weiter komme. Aha. Und warum gibt es dann noch die Nachteile? Wir sollten weiter denken. Frauen, die sich gegen Nachteile durch Familiengründung wehren wollen, müssten heutzutage die Väter als Verbündete suchen, denn auch unter diesen gibt es einige, die neue Modelle suchen, wie sie Elternschaft und Beruf verbinden können. Dazu müsste man Elternschaft als gemeinsames Thema sehen. Ich bin mir sicher: Hätten Väter ähnliche Nachteile wie Mütter zu gewärtigen, wäre ganz schnell Kampf angesagt. Kleiner Haken: Dazu müssten Frauen ein bisschen Mama-Macht abgeben, die Väter an die Babytrage lassen und außerdem auf gleiche Verteilung der Lasten der Familiengründung bestehen – also loslassen und kämpfen. Oh weh! Wahrscheinlicher sei, meinen meine Freundinnen, dass wir in 20 Jahren noch immer den Mutter­mythos diskutierten und die Nachteile daraus beklagten, wenn es schon zu spät sei. So geht es immer weiter im Kreis. ­Haben wir da in unserer Diskussion im Freundinnenkreis doch etwas übersehen? 

Christine Haiden fragt sich, warum Frauen, die Mütter werden, noch immer oder schon wieder so wenig für sich selbst kämpfen.

Manifeste Muttermythen

  • Der Muttertag, immer Anfang Mai mit Blumen und Selbstgebasteltem zur Rührung weiblicher Herzen gefeiert, ist eine amerikanische Erfindung.
  • Lange galt er als der Feiertag jener, die traditionelle Rollen in der Familie bevorzugen. Der Internationale Frauentag am 8. März kommt dagegen aus der ArbeiterInnenbewegung und galt lange als „linker“ Feiertag. Inzwischen existieren die beiden Frauentage friedlich nebeneinander. Der wirkmächtigere scheint indes noch immer der Muttertag zu sein.
  • Noch nie standen Kinder für ihre Mütter so im Mittelpunkt wie heute. Was sie mit dem Nachwuchs richtig oder falsch machen, wird allerorts kommentiert und trifft Frauen noch immer im Innersten ihres Selbstwertes.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/17 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at