11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Man muss kein Ballnarr sein, um auf Anhieb in bedächtiges Staunen zu verfallen, wenn Stephan Schwab-Trau zeigt, was er in den vergangenen vierzig Jahren zusammengetragen hat. Seine Sammlung kostbarer und teils kurioser Damenspenden erinnert an eine längst vergessene Ballkultur.

Auf einem Ball wird man Stephan Schwab-Trau vergeblich suchen. »Ich tanze nicht gerne.« Seine Frau Tiziana nickt zustimmend: »Mein Mann geht lieber auf Flohmärkte.« Dass Stephan Schwab-Trau heute die wohl einzige private Sammlung historischer Ballspenden dieser Art besitzt, hat der Zufall so gewollt. Eine kleine, unscheinbare Schachtel, die den Urgroßeltern gehört hatte, stand vieleJahre unbeachtet in einem Kasten.

Das Ehepaar Tiziana und Stephan Schwab-Trau besitzt die größte private Sammlung historischer Ballspenden.

Tiziana Schwab-Trau war es, die aus reiner Neugierde irgendwann einen Blick hineinwarf. Zum Vorschein kamen neunzehn kleine, kunstvoll gestaltete Objekte. »Erst bei näherer Betrachtung wurde uns klar, dass es sich um Ballspenden aus der österreichisch-ungarischen Monarchie handelt.«

JEDEN TAG ZUM TRÖDLER.
Der Grundstein für seine Sammlung wurde erst einige Jahre später gelegt, als Stephan Schwab-Trau beim Schlendern über den Flohmarkt drei Ballspenden entdeckte und sie mit nach Hause nahm. »Ich entwickelte eine regelrechte Sammelwut«, erinnert er sich und betont, dass für passionierte SammlerInnen Ausdauer und unermüdliche Energie unerlässlich seien. »Jeden Tag nach der Arbeit«, Stephan Schwab-Trau war damals Leiter der Kreditabteilung einer renommierten österreichischen Privatbank, »bin ich von einem Trödler zum nächsten gerannt und habe alles gekauft, was ich an Ballspenden bekommen konnte.«

Die Techniker ließen für ihren Ball in den Musikvereinssälen (1877)
einen Mini-Kran anfertigen. Dreht man am Rad, öffnet das Seil die Tanzordnung.

Viele waren in schlechtem Zustand, verschmutzt oder manchmal sogar beschädigt. »Gemeinsam mit meiner Frau haben wir sie vorsichtig mit einem kleinen Bürsterl abgestaubt und die vergilbten Blätter mit einem weichen Radiergummi gereinigt. Und weil ich stets darauf geachtet habe, auch Doubletten zu sammeln, konnten wir fehlende oder beschädigte Teile ergänzen.«

WIENER GLANZ.
Besonderes Glück hatte Stephan Schwab-Trau bei der »Mozart-Geige«, der Damenspende anlässlich des Concordia-Balls 1906. »Dem winzigen Instrument fehlten zwei Saiten, und ich war froh, als sich ein Wiener Geigenbauer bereit erklärte, sie zu reparieren.« Mittlerweile besitzt Stephan Schwab-Trau an die 2.600 Ballspenden aus der Zeit von 1843 bis 1914, die die Kästen, Läden und Wände der prachtvollen Wiener Altbauwohnung füllen. Jedes der Kunstwerke ist mit einer Nummer versehen und handschriftlich protokolliert. Den allerersten Ballspenden der Urgroßeltern wurde bald eine eigene Vitrine im Schlafzimmer gewidmet, und auch Stephan Schwab-Traus Frau Tiziana besitzt eine eigene kleine Sammlung mit ihren Lieblingsstücken.

ETIKETTEN-SCHWINDEL.
»Ursprünglich war die Ball- oder Damenspende eine gedruckte Tanzkarte mit der festgelegten Tanzordnung eines Balles«, erklärt Stephan Schwab-Trau. Denn wer mit wem tanzte, war in dieser Zeit keine Frage von persönlichen Vorlieben und Befindlichkeiten. »Bevor das Tanzbein geschwungen werden konnte, musste der Kavalier bei den Eltern der Auserkorenen erst um Erlaubnis bitten. Um Verwirrungen zu vermeiden, wurde darüber Buch geführt, wer die Schöne zu Walzer, Polka oder Cotillon aufs Parkett führen durfte.« Später wurden aus den flachen Tanzkarten kleine kunstvolle Gegenstände, die zum originellen Kunsthandwerk und heiß begehrten Souvenir avancierten.


FLORIERENDES GEWERBE.

»Im gegenseitigen Wetteifern um die originellste und prunkvollste Ballspende scheuten die Veranstalter weder Mühe noch Kosten. Verarbeitet wurden Schmuckstücke wie Messingschatullen, Wappen, Orden, Fächer und Bonbonnieren aus Holz, Seide, Samt, Metall, Leder, Email, Porzellan und Keramik.« Am schwierigsten, sagt Stephan Schwab-Trau, sei es, Ballspenden zu finden, die noch den winzig kleinen Bleistift dabei haben, mit dem die Herren sich in die Tanzordnung eingetragen haben. Seine Frau blättert in einem Buch über Ball- und Scherzartikel aus der Jahrhundertwende. »Damals entwickelte sich eine eigene Galanteriewarenindustrie, die sich auf die Erzeugung von Damenspenden spezialisiert hatte. So wurden auch Tanzkartenbleistifte verkauft. 1911 kosteten 100 Stück zwei Kronen.«

Die Mandoline vom Wiener Gesellschaftsball 1843

KOSTBARES KINDERSPIELZEUG.
Der wohl berühmteste Erzeuger von Damenspenden war der »Leder- und Galanteriewaren- und Bronzefabricant« August Klein, der 1847 ein Verkaufsgeschäft am Wiener Graben eröffnete. Die schönsten Ballspenden der Sammlung Schwab-Trau tragen demnach auch seinen Namen. »Sein exzellenter Ruf machte ihn bis weit über die österreichisch-ungarischen Grenzen bekannt. Seine Waren exportierte Klein bald in ganz Europa bis nach Amerika.« Den Höhepunkt erlebte die Tradition der Damenspende zwischen 1880 und 1900, und weil die Objekte nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wertlos geworden waren, packte man sie in alte Kartons oder gab sie den Kindern zum Spielen. Stephan Schwab-Trau sucht im großen Vitrinenschrank eine alte Tanzkarte heraus. Im Inneren finden sich kindliche Kritzeleien und Zeichnungen. »Ist das nicht herzig? Solche Ballspenden haben einen ganz besonderen ideellen Wert. Da wird natürlich nichts wegradiert, sonst wären sie ja nicht mehr authentisch. In der letzten Zeit ist das Sammeln ein bisschen weniger geworden«, sagt Stephan Schwab-Trau wehmütig. »Je mehr Jahre vergehen, desto schwieriger wird es, Ballspenden aus jener Zeit zu finden.« Auch seien gut erhaltene und komplette Objekte schwer zu finden. »Früher habe ich geschaut, dass ich so viel wie möglich ankaufe. Heute achte ich darauf, dass sie in einwandfreiem Zustand sind.«


SAMMLER-GESCHICHTEN.

Im Wohnzimmer bewahrt Stephan Schwab-Trau die wertvollsten Sammlerstücke auf. »Hier sind meine Ballspenden im Jugendstil nach Entwürfen von Kolo Moser, Josef Hoffmann und Michael Powolny.« Besonders stolz ist Stephan Schwab-Trau auf die Powolny-Spardose aus Keramik, die den Damen anlässlich des Balls der Stadt Wien 1913 überreicht wurde. »Ich habe sie zu Beginn meiner Sammlerzeit ganz billig auf einem Flohmarkt im niederösterreichischen Ennsdorf gesehen, aber nicht gekauft, weil ich als blutiger Anfänger den wahren Wert leider nicht erkannt habe. Jahre später erwarb ich das wertvolle Stück im Dorotheum um stolze 5.000 Schilling.« Wie groß war das Erstaunen, als sich beim späteren Plausch mit seinem Trödler ein Kunde als Vorbesitzer deklarierte. »Hurra«, rief dieser, »die habe ich in Ennsdorf auf einem Flohmarkt zu einem Spottpreis gekauft, und jetzt freu ich mich wie ein Schneekönig«. Anekdoten, die ein Sammlerleben ausmachen.

Zum ihrem Wohltätigkeitsball reichte der Unterstützungsverein der Gastwirte und Hoteliers 1896 eine Ballspende in Form eines Miniaturstellrahmens. Im Inneren fanden die Damen einen Spiegel mit der Überschrift »Bild der schönsten Tänzerin«, die Tanzordnung verbarg sich unter diesem Kompliment.

MANDOLINEN ZUM TANZ.
Stephan Schwab-Trau öffnet die Schublade des prachtvollen Vitrinenschranks und sucht nach einem Kuvert ? dem richtigen. Dutzende liegen da drinnen, voll mit handgeschriebenen Zetteln, manche schon ein wenig vergilbt, die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. »Hier steht es«, ruft er und holt ein Blatt mit einer Liste von Zahlen heraus, »die älteste Ballspende stammt vom Wiener Gesellschaftsball von 1843.« Vorsichtig hebt Tiziana Schwab-Trau die filigrane Tanzkarte in Form einer Mandoline aus dem Möbelstück. Die Regale sind mit rotem Samt überzogen, winzige Haken sollen verhindern, dass die wertvollen Stücke verrutschen. Die scheinbar willkürliche Aneinanderreihung von Miniaturstraßenbahnen, Ritterrüstungen, Dampfkesseln, Fabrikschloten, Schiffsmodellen und prunkvollen Medaillons hat System. »Hier oben sehen Sie die Ballspenden der Industriellenbälle und der Österreichischen Gesellschaft vom Weißen Kreuz, die Not leidende und erkrankte Militärangehörige betreute. Im unteren Teil sind die der Eisenbahnbälle.« Dazwischen Ballspenden der Pharmazeuten, Chemiker, Juristen, Kunstakademiker und Touristenvereine. Ein Fächer bildet die bis 1918 zur k.u.k. Monarchie gehörenden Volksgruppen ab, ein kleiner Nachbau der Brücke in Nussdorf erinnert an die technischen Errungenschaften im 19. Jahrhundert. Zeitgeschichte en miniature. »Für das 25-jährige Jubiläum des Eisenbahnballs 1898 ließ sich der Veranstalter etwas ganz Besonderes einfallen.« Stephan Schwab-Trau zeigt ein kunstvoll verziertes kleines Album mit einer Auswahl pittoresker Ansichten der damaligen Bahnstrecke. »Und als kleine Zugabe hing an der Ballspende eine Miniaturausgabe der Damenspende des ersten Eisenbahnballs vom 25. Jänner 1874.«

VERGESSENE BERUFE.
Das Phänomen der Ballspende sei ein Spezifikum der österreichisch-ungarischen Monarchie, von der Reichsstadt Wien bis in die Garnisonen nach Lemberg, sagt Stephan Schwab-Trau. »Allein in Wien gab es über hundert Bälle, fast jeder hatte sein eigenes Fest.« Viele von Stephan Schwab-Traus Ballspenden sind zudem Zeugnisse längst vergessener Berufsgruppen, wie der Schirmerzeuger, Silberbesteckmacher, Dienstmänner und Fleischselcher. Selbst die Mitglieder des Taubstummenvereins scheinen gerne getanzt zu haben. »Besonders beliebt waren die sogenannten Elite-Bälle, die durch die bloße Anwesenheit eines Mitglieds der kaiserlichen Familie geadelt wurden.« So beehrte etwa die Tochter des österreichisch-ungarischen Kaiserpaares Erzherzogin Marie Valérie den Eisenbahnball von 1910. Ihre persönliche Ballspende ist ebenfalls im Besitz von Stephan Schwab-Trau. Gleich daneben beherbergt ein eigenes Wandregal die zu den Hofbällen gereichten Kostbarkeiten. Dazu gehören etwa Ballspenden in Gestalt militärischer Kopfbedeckungen. Anstatt der obligatorischen Tanzkarte ? bei Hofbällen gebot es sich, nur mit der Abendbegleitung zu tanzen ? verbergen sich im Futter der kleinen Helme winzige Bonbons der k.u.k. Hofzuckerbäckerei Demel.

Für den Technikerball in den Sofiensälen
am 30. Jänner 1888 ließ der Veranstalter das Modell
eines Lokomobils in Miniaturformat nachbilden.

UNSCHÄTZBARER WERT.
Eine Auskunft über den Wert seiner Sammlung zu geben, fällt Stephan Schwab-Trau schwer. »Die Preise hängen sehr stark von Zustand und Alter der einzelnen Ballspenden ab. Manche sind sehr selten und deshalb besonders wertvoll. Wenn der Entwurf von Kolo Moser oder Josef Hoffmann stammt, werden heute bei Kunstauktionen Preise von bis zu 1.000 Euro erzielt. Vor dreißig, vierzig Jahren war es einfach, günstige Ballspenden zu erwerben. Ein relativ teures Stück kostete damals um die 120 Schilling. Heute verlangen die Händler am Naschmarkt für schlecht erhaltene Exemplare bis zu 200 Euro.«
Stephan Schwab-Trau holt eine Schublade aus der Kommode und legt sie auf den Tisch. Ein Sammler durchlebe Phasen, sagt er. »In letzter Zeit beschäftige ich mich wieder intensiv mit meiner Sammlung. Dann breite ich den Inhalt meiner ?Glasmenagerie? vor mir aus und bin erstaunt, was für Schätze darin verborgen liegen. Es sind liebenswerte Kleinodien aus einer längst vergessenen Zeit.«

 

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/ 2012 – von Miriam Damev