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Wann sind wir eigentlich erwachsen?

Volljährigkeit? Langeweile? Steuern zahlen? Ach was, im Gegenteil: Wer wirklich erwachsen ist, hat Spaß, Freiheit und vermehrt das Glück. Und zwar nicht nur sein eigenes. Denn am Ende des Erwachsenseins steht eine bessere Welt.

Meine Tochter Lina ist sechs und redet ununterbrochen. Sie liebt Eis, kann jeden Tag etwas Neues, und manchmal gehen wir auf den Spielplatz. Dort sind nicht nur andere Kinder, sondern auch deren Eltern. Wenn ich mit diesen an sich sehr netten Männern und Frauen spreche, höre ich seit einiger Zeit immer wieder: Er oder sie, das Kind jedenfalls, soll „bloß nicht so schnell erwachsen werden“. Ich weiß, die Schule droht, die böse Maschine, die aus wissbegierigen und kreativen kleinen Menschen arme Idioten macht, die auswendig lernen, was man ihnen sagt, selbst wenn sie nicht wissen, wozu es gut ist. Außer sie verwandelt sie in Wesen, die so lange mit schlechten Noten traktiert werden, bis sie sich nichts mehr zutrauen. Nie wieder. So oder so: keine schöne Perspektive für jene, die man liebt.

Doch keiner will, dass sein Kind nicht schrei­ben, lesen und rechnen lernen soll. Wovor also möchten diese Eltern ihren Nachwuchs dann schützen? Was bedeutet für sie „erwachsen“? Ich fragte das einige Zeit lang jeden, den ich traf. Viele Antworten klangen frustriert: „Sich Sorgen machen“, „Langweilig und ernst“, „Steuern zahlen“, „Verantwortung übernehmen müssen“, „Sich um sich selbst kümmern müssen“. Erwachsen zu sein scheint für viele vor allem Zwang zu bedeuten: zur Selbstständigkeit, zur Verantwortung, zur Freiheit. Und das ist auch nicht so ganz falsch.

BESUCH BEI ALBERT WUNSCH
„Eine offizielle Definition für ,erwachsen‘ umfasst vier Punkte: finanzielle Eigenständigkeit – selber Geld verdienen. Räumliche Eigenständigkeit – in einer eigenen Wohnung leben. Soziale Eigenständigkeit – in einem persönlichen sozialen Netzwerk leben. Und psychische Eigenständigkeit – eine selbstständige Person sein.“ Das listete der Pädagoge und Coach Albert Wunsch am Ende eines Gesprächs auf, das wir an einem kalten Apriltag in seinem Haus in einem stillen Vorort des deutschen Städtchens Neuss führten. Es war noch nicht 19.00 Uhr, doch draußen waren bereits alle Bürgersteige hochgeklappt. Die simple Aufzählung schien mir in dem Moment recht ambitioniert. Immerhin hatte Wunsch auf die Frage, wie viele der Menschen, die er trifft, tatsächlich erwachsen seien, kurz zuvor geantwortet: „Um die 30 Prozent.“

RAUM FÜR PERSÖNLICHKEIT
Wunsch ist ein 72-Jähriger mit der Energie eines 35-Jährigen. Er hat erst Schlosser gelernt und anschließend studiert: zuerst Sozialpädagogik mit der theologischen Zusatzqualifikation „Missio canonica“, dann Kunst, Werkerziehung und schließlich Erziehungswissenschaften. Er hat mehrere Bücher geschrieben, das bekannteste ist wohl „Abschied von der Spaßpädagogik“. Darin fordert er eine Erziehung zur Persönlichkeitsbildung, die dem Kind viel Raum lässt, sodass es selbstständig und in der Folge zufrieden werden kann. Doch Wunsch ist kein Theoretiker. Er hat an mehreren Hochschulen unterrichtet und ist als Coach tätig – er kennt die realen Probleme der Menschen. Dieser rare Mix aus Theorie und Praxis prägt nicht nur, was er denkt, sondern auch, wie er es ausdrückt: Statt Thesen aufzustellen, erzählt Albert Wunsch lieber Geschichten.

BIN ICH DAS? WILL ICH DAS?
„Ich habe mal ein Wochenende mit Familien zum Thema ,Pubertät‘ gemacht“, erzählt Wunsch. „Wir haben uns eine halbe Stunde mit der Pubertät der Kinder beschäftigt – und dann waren wir bei den Eltern. Die sagten zum Teil selber: ‚Ich habe meine Pubertät nicht abgeschlossen.‘ Eine Mutter meinte, sie merke das an ihrer Reaktion, wenn ihre Tochter zu einer Fete will: ‚Dann sage ich erst mal Nein, weil ich das auch nie durfte. Aber beim nächsten Mal sage ich: Geh, so lange du willst! Ebenfalls weil ich nie gehen durfte. Am liebsten würde ich sogar mitgehen.‘ Beides ist pubertär, denn die Frau hat keine eigene Position. Sie weiß nicht, was sie wirklich will, und ist deshalb auch nicht in der Lage, mit ihrer Tochter zu verhandeln. Sie ist gar nicht bei ihr – sie bezieht sich immer noch auf ihre eigenen Eltern.“

Doch es geht nicht darum, eine bessere Mutter zu werden. Erwachsen zu sein, sagt Wunsch, bedeute nicht, eine Rolle auszufüllen, bis man sie perfekt beherrsche. „Es geht darum, sich treu zu bleiben. Dafür müssen wir in jedem Moment wach sein und uns immer wieder fragen: ,Bin ich das? Will ich das?‘ Das ist ein Prozess, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Wer denkt, dass er mit 25 oder 35 erwachsen ist, stellt sich das viel zu mechanisch vor.“ Man ist nicht erwachsen – man wird es.

SICH GEWACHSEN SEIN
Doch was machen die Menschen, die nichts lieber wollen, als gedankenlos aufs Sofa zu sinken? „Der Wunsch, sich gehen zu lassen, ist ein Ausdruck der infantilen Sucht nach einer problemlosen Welt. Aber die haben wir nun mal nicht.“ Was nicht heißt, dass man als Erwachsener nie wieder einen Abend vor der Glotze verbringen kann. Man muss sich bloß vorher fragen, ob man es wirklich will. Eine kleine Mühe, die sich auszahle, wie Wunsch meint. „Erwachsen sein heißt, sich selbst gewachsen zu sein, mit sich klarzukommen. Und dabei einigermaßen zufrieden zu sein.“

Aber warum wollen Eltern ihre Kinder davor schützen? „Einige Menschen haben in ihrer Kindheit erlebt, wie sie zu kleinen Erwachsenen gemacht wurden: Sie durften ihre Klamotten nicht dreckig machen und nicht am Tisch lachen. Das wollen sie ihren Kindern ersparen. Und das ist auch richtig: Wenn es um Urwüchsigkeit geht, sollte man das Kind lange Kind sein lassen. Aber man darf nicht vergessen, dass Kinder viel lebensfähiger sind, als wir ihnen meist zugestehen. Wenn ich einen Konflikt habe, ob mit einer Fünfjährigen oder einer 15-Jährigen, frage ich immer: ‚Was meinst du?‘ Da bekomme ich oft gute Antworten. Die Angst, das Kind müsse so zu früh Verantwortung übernehmen, behindert nicht nur sein Wachstum, sondern widerspricht auch seinen Interessen: Jedes Kind ist stolz, wenn es Verantwortung übernehmen darf.“

Den gesamten Text finden Sie in „Welt der Frau“ 0708/16 

13_Hartmann_by_grill-2285-Be_Hi Res KLEINIch fühle mich oft nicht erwachsen. Erwachsen sein heißt für mich vernünftig sein, rational handeln. Privat agiere ich mehr aus Emotion und Spontaneität heraus. Ich habe mit 14 Jahren zu modeln begonnen und war beruflich schnell erwachsen in Bezug auf Professionalität, Verlässlichkeit, Verantwortung übernehmen, eigenes Geld verdienen. Als Kabarettistin und Schauspielerin bin ich aber auch auf das Kind in mir angewiesen – darauf, als Kind kreativ zu sein und mir dabei keine Grenzen zu setzen.

Nina Hartmann (34)
Die Kabarettistin und Schauspielerin war in der letzten Staffel der Tanzshow „Dancing Stars“ zu sehen.

01_Mangold_MIT Vignette_by_grilll_2 KLEINWenn man als Kind so viele schreckliche Dinge gesehen hat wie ich, dann wird man schnell erwachsen. Aber erwachsen werden ist an sich eine wunderbare Geschichte, denn es gibt viele Dinge, die man im Laufe der Zeit lernt und die man mit sich alleine ausmachen muss. Wie man seine Kindlichkeit bewahrt, ist ein Geheimnis. Erwachsenwerden hat mit Altern nämlich überhaupt nichts zu tun.

Erni Mangold (89)
Trotz ihres hohen Alters strahlt die Schauspielerin Jugendhaftigkeit aus. Mangold war zwölf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann.

16_Reka_by_grill-1967-B KLEINErwachsen sein bedeutet für mich auch frei sein. So wie hier in Österreich, wo ich mein Leben selber gestalten kann. In Afghanistan musst du sehr schnell erwachsen werden. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, mein Vater eineinhalb Jahre danach. Ich wuchs bei meinem Onkel auf. Heute habe ich die volle Verantwortung für die Familie, weil mein Mann durch Schussverletzungen körperlich beeinträchtigt ist.  

Reka Babla (25)
flüchtete mit ihrem Mann Krishan und den Söhnen Arjun (4) und Bawishi (2) nach Österreich. Als Hinduisten wurde die Familie in ihrer Heimat von den Taliban verfolgt.

16_Lisa_Weissenboeck_by_grill-1876-B_hi res KLEINDie Geburt meines Sohnes ließ mich definitiv erwachsen werden. Ich wusste nichts von meiner Schwangerschaft, bis mein Kind zur Welt kam. Und plötzlich war da jemand, um den ich mich kümmern musste. Erwachsen sein bedeutet für mich, die volle Verantwortung für einen anderen Menschen zu haben. Zu wissen, dass jede Entscheidung auch Konsequenzen für mein Kind hat.

Lisa Weissenböck (21)
Die Bürokauffrau wurde mit 15 Jahren Mutter. Dennoch beendete sie erfolgreich ihre Lehre und holt nun die Matura nach.

15_Viktoria Dieringer_HiRes_hellerer HG_by_grill-1606 KLEINWenn ich als Kind Flüchtlingen etwas beibringen kann, fühle ich mich erwachsen. Vor allem wenn ich sehe, dass sie mir dankbar sind. Dabei ist egal, wer der Erwachsene ist. Sie lernen von mir und ich von ihnen, denn ich kann schon ein bisschen Farsi. 

Viktoria Dieringer (13)
begann mit zwölf Jahren, Flüchtlinge im Ort Deutsch zu lehren. Dafür bekam die Schülerin aus Saxen den Solidaritätspreis der Linzer Kirchenzeitung.

Nilsson, Inger - Schauspielerin, HalbportraitFür mich war es sehr schwer, erwachsen zu werden. Egal was ich tat oder sagte, es wurde mit meiner damaligen Filmrolle in Verbindung gebracht. Die Menschen wollten mich nicht als Inger, sie bestanden auf Pippi. Erwachsensein bedeutet für mich Freiheit. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mir eines Tages dachte:,,Oh mein Gott, du bist erwachsen. Du kannst tun, was immer du möchtest.

Inger Nilsson (57)
Die schwedische Schauspielerin verkörperte mit zehn Jahren die Rolle des frechen Mädchens ,,Pippi Langstrumpf“ und wurde damit zum Kinderstar.

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Peter Lau