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Wann, wenn nicht jetzt?

Brigitta Schmitt (68) wagte mit über 60 noch einmal einen Neubeginn: Sie ging als Granny-Au-pair nach London.

22_st paul´s KLEINEine Fernsehsendung zündete die Idee. „Ich spürte sofort: ,Das ist was für dich!‘“, erinnert sich Brigitta Schmitt aus Bonn. Kurze Zeit später stieß sie in einer Zeitschrift auf einen Artikel über das Projekt „granny aupair“ aus Hamburg, und der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie recherchierte im Internet, stellte ihr Granny-Profil auf die zugehörige Website und klärte für sich einige Fragen: „Wo würdest du hinwollen? Wie lange willst du bleiben? Kannst du deine Wohnung in Bonn behalten? Und vor allem: Was werden deine Kinder dazu sagen?“

„Zu meiner Erleichterung haben mich beide Kinder ermuntert, es zu tun“, erzählt Brigitta Schmitt. Sie leben mit ihren Familien und den insgesamt fünf Enkelkindern weiter weg, die Tochter in Berlin, der Sohn in der Schweiz. „Eine beständige Unterstützung meinerseits war nicht unbedingt erforderlich, also habe ich mir nach meiner Pensionierung neue Betätigungsfelder gesucht.“ 

VON JERUSALEM NACH ENGLAND
Diese fand sie zunächst in Jerusalem. Nach 40 Jahren im Schuldienst entschloss sich die Pensionistin am Programm EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel) teilzunehmen, das sie für drei Monate nach Jerusalem führte. Dort arbeitete sie als Menschenrechtsbeobachterin an den Checkpoints im Westjordanland und hatte Kontakt zu israelischen und palästinensischen Friedensorganisationen. Mit der Zeit merkte Brigitta Schmitt jedoch, wie

„zäh und wenig hoffnungsvoll sich die Lage in Nahost entwickelte“, und die rührige Rentnerin suchte nach etwas Neuem. 

Als Au-pair-Oma musste sie zu Beginn einiges an Frustrationstoleranz beweisen. Eine Familie in Italien versprach ihr eine kleine Wohnung in der Nähe, machte dann aber einen Rückzieher, eine andere Familie meldete sich auf einmal nicht mehr. Schließlich stieß Brigitta Schmitt im Internet auf eine verwitwete Deutsche, die mit ihrem vierjährigen Mädchen in London lebte. Nach einem gemeinsamen Wochenende, bei dem man sich sympathisch war, bezahlte Brigitta Schmitt 200,00 Euro Vermittlungsgebühr an die Agentur, packte im Frühling 2012 die Koffer und ging als Granny-Au-pair nach London. Sie hatte dort ein eigenes Zimmer, und ihre Aufgaben waren klar geregelt: das Kind mit dem Bus zur Vorschule bringen und wieder abholen, einkaufen, Hausarbeit, Wäsche waschen. Die Mutter, die sich berufsbedingt oft für einige Tage im Ausland aufhielt, schrieb alles bis ins kleinste Detail vor, Brigitta Schmitt hatte keinerlei Handlungsspielraum. Auch ließ man es sie spüren, dass sie nicht zur Familie gehörte. Daher beendete sie nach dem vereinbarten Jahr die Arbeit bei der Familie. Mittlerweile hatte sie (ohne Agentur) eine andere deutsche Frau kennengelernt, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Kindern (der Junge 9, das Mädchen 6 Jahre alt) auf sich allein gestellt war, und so erklärte sich die Granny bereit, ein weiteres Jahr in London zu bleiben. 

In der neuen Familie hatte Brigitta Schmitt viel breitere Kompetenzen, machte mit den Kindern die Hausaufgaben, besuchte Schulveranstaltungen und chauffierte die Kids mit dem Auto zur deutschen Schule. Letzteres war auch die größte Hürde für die Au-pair-Oma. „Meine ersten Übungsfahrten mit dem für mich ungewohnten Steuer rechts brachten mich am Anfang ganz schön ins Schwitzen!“ Zudem tat sich besonders der Sohn der Familie zu Beginn schwer damit, Brigitta Schmitt als Autoritätsperson anzuerkennen, zumal er zu dieser Zeit auch noch einen neuen „Daddy“ bekam. Seine Mutter heiratete ein zweites Mal, und nach einiger Zeit gab es mit der kleinen Elisabet noch Familienzuwachs. Das Nesthäkchen ist inzwischen ein Jahr alt, und seit die Mutter wieder an drei Tagen in der Woche arbeitet, hilft die Au-pair-Oma auch bei der Betreuung der Kleinen.

22_1_wahl_3706 KLEINAU-PAIR-OMAS SIND GEFRAGT
So wie Brigitta Schmitt wagen auch andere Frauen ab 50 noch einmal einen Neubeginn und gehen als Au-pair ins Ausland. In Deutschland ist die Nachfrage offenbar derart groß, dass es eine eigene Vermittlungsagentur für ältere Kindermädchen gibt. Seit der Gründung vor fünf Jahren wurden rund 1.000 Grannys ins Ausland vermittelt, so die Initiatorin Michaela Hansen.

In Österreich gibt es zwar keine eigene Agentur für ältere Au-pairs, allerdings bieten Au-pair-Agenturen diesen Service an. „Es rufen immer wieder Frauen über 50 bei uns an“, berichtet Jana Varga-Steininger, die Leiterin von „AuPair Austria“. „Vermittelt werden aber nur die wenigsten.“ Zum Teil scheitert es an mangelnden Sprachkenntnissen, zum Teil aus finanziellen Gründen (das Taschengeld deckt die laufenden Kosten nicht ab) und zum Teil auch an den Länderwünschen. „In vielen Ländern erlaubt der Gesetzgeber ältere Frauen als Au-pair nicht.“ Varga-Steiningers Agentur vermittelt daher hauptsächlich nach Großbritannien und Irland. Aufenthaltsdauer und die Höhe des Taschengeldes regeln die Frauen im Gegensatz zu klassischen Au-pairs übrigens selbst.

Die Vorteile von Granny-Au-pairs liegen für Jutta Varga-Steininger auf der Hand: Sie bringen viel Erfahrung mit, stehen fest im Leben. Meist haben die Grannys selbst Kinder großgezogen, sie können kochen, backen, Märchen erzählen und alte Kinderlieder vorsingen, ergänzt Michaela Hansen. Motive, sich auch in älteren Jahren der Kindererziehung zu widmen, gibt es viele: Die Frauen wollen einiges nachholen, wozu sie in jungen Jahren nicht die Möglichkeit hatten, sie wollen „etwas anderes kennenlernen“, ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern oder sie suchen einfach eine sinnvolle Betätigung in der Pension.

AB- UND AUSSPRACHEN
Brigitta Schmitt hat diese gefunden. In ihrer Au-pair-Familie fühlt sie sich als erweitertes Familienmitglied geachtet und geschätzt. Besonders die kleine Elisabet ist ihr sehr ans Herz gewachsen. Außerdem hat sie in den vergangenen drei Jahren einen Einblick in ein anderes Land bekommen, das vielfältige Kulturangebot Londons genutzt und neue Menschen kennengelernt. Zuletzt hat sie ihr Sohn mit seiner Familie besucht, und er durfte sogar im Haus der englischen Familie wohnen, die sich gerade im Skiurlaub befand.

„Man lebt sehr nah aufeinander“, resümiert Brigitta Schmitt. Um das Zusammenleben für alle zufriedenstellend zu organisieren, habe es einige Ab- und Aussprachen gebraucht. „Das Zusammenleben verlangt von beiden Seiten Offenheit, Vertrauen, Respekt, Flexibilität und Belastbarkeit. Man muss sich dem Rhythmus einer fremden Familie anpassen und auch ein Stück weit fremdbestimmt leben“, fasst Brigitta Schmitt zusammen. „Ich betrachte meinen Einsatz in jedem Fall als eine persönliche Bereicherung. Man braucht allerdings die Bereitschaft zum Durchhalten und auch Mut, Konflikthaftes anzusprechen.“ 

www.granny-aupair.com

www.au-pair4you.at

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 05/15 – von Julia Langeneder