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Man muss nicht an Gott glauben, um zu beten. Das Bedürfnis, sich an eine größere Macht zu wenden, scheint zutiefst menschlich zu sein. Was dabei im Inneren geschieht, bleibt ein Geheimnis.

Wir alle tun es. Immer wieder. Es geschieht im Bus, beim Joggen, vor dem Schlafengehen, in Kathedralen und auf Müllhalden, bei Beerdigungen und auf Hochzeiten, im Krieg und im Frieden, in größter Not und bei höchster Verzückung. Wir schicken ein Stoßgebet gen Himmel, seufzen ein erleichtertes „Gott sei Dank!“ oder ein resigniertes „Ach Gott“. Es findet Ausdruck in Gesängen, Gesten und Ritualen, im Sitzen, Gehen oder Tanzen. Beten – es liegt uns im Blut, ist ein grundlegender Akt menschlichen Daseins und überschreitet gleichzeitig den Menschen. Es ist ein Eingeständnis der Transzendenz, eine Öffnung für eine andere Wirklichkeit, eine Zuwendung zu etwas, das größer ist als wir. Ob bewusst oder unbewusst, mit Worten oder in Stille – das Bedürfnis, zu beten, ist universell und zutiefst menschlich. Es ist die Sehnsucht nach dem „Darüberhinaus“, nach dem, was unser Leben, unsere individuelle Biografie und unsere Alltagserfahrungen übersteigt. „Wir spüren instinktiv, dass wir uns nicht genügen, nicht genügen können“, so Susanne Gross, Referentin für Spiritualität der Diözese Linz. „Auch gegenseitig können wir uns nicht genügen, selbst in den intensivsten Beziehungen nicht. Beten ist eine Grenzüberschreitung im positiven Sinn des Wortes.“

GOTT, UNIVERSUM, KOSMOS, LIEBE
Man muss nicht an Gott glauben, um zu beten. Es gibt Menschen, die niemals „Gott“ sagen und doch letztendliches Vertrauen in eine höhere Macht haben, in das Wohlwollen des Universums, in eine allumfassende Liebe oder in den Kosmos. „Das Faszinierende am Grundphänomen des Betens ist, dass ich mich aus der alltäglichen, materiellen Welt heraus und in eine andere Welt hineinbewege“, erklärt der Theologe und Psychologe Wunibald Müller. „Ich bin mit dem Geheimnisvollen, dem Größeren in Kontakt. Im christlichen Kontext hat das Gebet meist eine personale Qualität, ein Gegenüber. Es entspringt der Sehnsucht nach Gott, dem Urbedürfnis, sich mit ihm zu vereinen, ohne zu verschmelzen, wie es die Mystikerinnen und Mystiker ausdrücken.“ Ob man es nun Nabelschnur zu Gott nennt, Kommunikation mit dem Absoluten oder Eintauchen in reines Gewahrsein – im Beten berühren wir eine andere Dimension.

MIT FINGERN UND BOHNEN
Beten hat aber nicht nur eine spirituelle Bedeutung. In seinen ritualisierten Ausprägungen unterbricht und strukturiert es den Tag, die Woche und das Jahr. Es ist Kulturgut und Brauchtum, bringt Menschen zusammen und schafft Wirgefühl. Vertraute Verse und Melodien vermitteln Geborgenheit, und nicht umsonst heißt es „Vater unser“ und nicht „Vater mein“. Wiewohl das innere Erleben eine höchst persönliche und sogar intime Erfahrung sein kann, ist gemeinsames Beten ein kollektives Erlebnis. „Wenn ich mit anderen bete, erfahre ich Solidarität, bin eingebunden in die Gemeinschaft. Eine eigene Energie entsteht, ein Gefühl der Verbundenheit, das durch dieses Feld genährt wird“, so Wunibald Müller. Regelmäßiges Gebet hat auch eine psychohygienische Funktion, ist Anlass für Innenschau und Reflexion. Wie etwa beim abendlichen Zehnfingergebet, bei dem man zehn gute Gründe findet, dankbar zu sein. Ähnlich das afrikanische Bohnengebet: Man steckt morgens eine Handvoll Bohnen in die rechte Tasche, um dann in jedem freudvollen Moment eine Bohne in die linke Tasche wandern zu lassen. Am Abend lässt man diese Momente Revue passieren und dankt dafür.

LIEBER GOTT, DASSELBE WIE GESTERN.
„Ohne Gebet wäre ich schon längst verrückt“, soll Mahatma Gandhi gesagt haben. „Viele Burnout-Erfahrungen haben ihre Ursache in Wirklichkeit in überhörten spirituellen Sehnsüchten“, ist Susanne Gross, die als Seelsorgerin und Lebens- und Sozialberaterin zahlreiche Menschen begleitet, überzeugt. „Manche Psychologen sagen, wer nicht betet, wird depressiv oder hebt ab“, bestätigt auch Wunibald Müller, Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach, wo unter anderem Menschen in Lebens- und spirituellen Krisen eine Auszeit nehmen. Vor allem Gebetsformen, die mit vielen Wiederholungen arbeiten, wirken beruhigend und stabilisierend. Mantras oder einfache Gesänge wie das Taizé-Gebet überspülen den rastlosen Geist. Nüchtern betrachtet ist das nichts anderes als Muskeltraining. Steter Tropfen höhlt den Stein – das gilt auch fürs Beten. Oder wie der Apostel Paulus es ausgedrückt hat: „Betet ohne Unterlass!“ Bei vorformulierten, oft wiederholten Gebeten besteht natürlich die Gefahr, dass sie zu verknöcherten Ritualen verkommen, zu leeren Hüllen ohne Inhalt. Nicht zufällig hat das Wort „Litanei“, das ursprünglich für religiöse Gesänge und Gebete stand, den Beigeschmack des Langweiligen, Sinnentleerten. Angeblich hat sogar Martin Luther gestanden, er habe in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Vaterunser mit Sinn und Verstand gesprochen – obwohl er es mehrmals täglich betete. Auch der deutsche Pfarrer Klaus Douglass, der in seinem Buch „Beten – ein Selbstversuch“ 50 Gebetsformen ausprobiert, dokumentiert und benotet hat, kann Ähnliches berichten. Spätestens bei „… unser tägliches Brot gib uns heute …“ schweifte er ab, weil Kohlenhydrate wegen seiner zehn Kilo Übergewicht das Letzte waren, was er im Moment brauchte. Geholfen hat ihm schließlich ein Trick – er untermalte das Vaterunser mit Gebärden.

OHNE KÖRPER KEIN GEBET
Wenn der Körper beteiligt ist, bleibt Beten kein Lippenbekenntnis. Gebetsgesten und -haltungen symbolisieren die innere Haltung und rufen gleichzeitig über die Körperebene das entsprechende Gefühl hervor. Eine Verbeugung bringt Anbetung zum Ausdruck, aber auch Hingabe und die Bereitschaft, sich selbst loszulassen. Im Knien bitten wir um Vergebung, und wenn wir auf dem Bauch liegen, bekennen wir voll Demut, dass wir Staub sind. Ein aufrechter Sitz symbolisiert Sammlung, und wenn wir die Handflächen nach oben wenden oder unsere Arme Richtung Himmel strecken, zeigen wir, dass wir bereit sind, uns leer zu machen und zu empfangen. Auch gehend kann man beten, zum Beispiel in Form von Pilgern oder Prozessionen – Ausdruck der Tatsache, dass wir immer auf dem Weg sind. Bekannt aus fernöstlichen Traditionen ist auch das Sonnengebet, bei dem jede Körperbewegung mit einem Mantra verbunden ist. „Beten setzt voraus, dass wir einen Leib haben“, so Wunibald Müller, der in seinem Buch „Küssen ist Beten“ für mehr Körperlichkeit in der Spiritualität eintritt. „Es gibt Ordensfrauen, die in der Kapelle vor Jesus, ihrem Bräutigam tanzen. Das ist ihre Art, in Kontakt zu treten, sich ihm hinzugeben. Auch David tanzte wie ein Kind, als er die Bundeslade nach Jerusalem zurückbrachte, und Teresa von Ávila tanzte sich betend in Ekstase. Sinnlichkeit und Bewegung sind kein Gegensatz zu Gebet und Spiritualität, im Gegenteil, sie gehen Hand in Hand.“
Auch im Singen kann Gebet sich kreativ entfalten, ebenso wie in anderen Künsten. Das Malen von Ikonen oder das Streuen von Mandalas mit buntem Sand sind Möglichkeiten der Versenkung.

Ohne Gebet wäre ich schon lange verrückt.

Mahatma Gandhi