11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
In der „intergenerativen Kindergruppe“ rücken Menschen, die gerade ihre ersten Schritte tun, und Menschen, die am Lebensende stehen, zusammen. Dabei kommt es zu sehr berührenden und bereichernden Begegnungen.

Die Körper sind in sich zusammengesunken, die Blicke starr, niemand spricht ein Wort. Montagvormittag im Seniorenwohnheim St. Elisabeth in Rainbach im Mühlkreis. 15 HeimbewohnerInnen sind in einem Halbkreis versammelt. Manche sitzen auf Stühlen, die Füße in Stützstrümpfen einbandagiert, der Gehstock in Reichweite, andere kauern im Rollstuhl.

grill_3520

Eleonore und Johannes gehen von einem Heimbewohner zum anderen und geben ihnen zur Begrüßung die Hände.

Bald wird ein kleines Wunder passieren. Schon von Weitem hört man das Tapsen kleiner Füße und Kinderstimmen im wilden Durcheinander. Und spätestens wenn Monika Hörbst das Anfangslied „Ich bin da, du bist da“ anstimmt und die Kinder aus Leibeskräften mitsingen, richten sich die Köpfe und die Blicke der SeniorInnen auf. Manche summen oder klatschen sogar mit.

Vor sieben Jahren hatten die Kindergartenpädagogin und Spielgruppenleiterin Monika Hörbst und ihre Kolleginnen die Idee zur „intergenerativen Kindergruppe“. Nach Überwindung zahlreicher bürokratischer Hürden konnte sie ihren „Herzensjob“, wie sie ihn nennt, realisieren. Die allwöchentlichen 45-minütigen Besuche der acht Kinder zwischen zwei und dreieinhalb Jahren montags im ersten und dienstags im zweiten Stock des Seniorenwohnheims sind mittlerweile ein lieb gewonnener und unverzichtbarer Fixpunkt. Da werden Kinder- und alte Volkslieder gesungen, Blumen gebastelt, Zweige geflochten, Faschingsnasen aufgesetzt, Weckerl gebacken und Kekserl ausgestochen. Jeder macht mit, soweit sie oder er kann und will.

grill_3486

„Schmetterling, Du kleines Ding, such Dir eine Tänzerin“. Josefine und Sophie laden singend die Senioren zum Mitmachen ein.

Gegen die „Verinselung“. „Kinder haben heute oft kaum mehr Kontakt zur älteren Generation“, stellt Monika Hörbst fest. Opa und Oma oder Urliopa und Urlioma sind verstorben oder wohnen weit weg. Die Großfamilie, die früher selbstverständlich war, ist heute die Ausnahme. SeniorInnen werden an den Rand gestellt. Und Kinder ebenfalls.

Die Soziologin Helga Zeiher hat den Begriff der „Verinselung“ geprägt. Das heißt: Kindheit spielt sich heute immer mehr in „kindgemäßen“, pädagogisch besetzten Räumen ab. Kinder wechseln zwischen für sie geschaffenen „Inseln“ wie Kindertagesstätte, Musikschule, Spielplatz, Kinderturnen oder Ballettgruppe und werden immer mehr dem gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben beziehungsweise der Erwachsenenwelt entzogen.

Ähnliches gilt für ältere Menschen. „Sie haben keine Stimme mehr, dabei wäre ihr Erfahrungsschatz wichtig für unsere Welt“, sagt Monika Hörbst.

In ihrer Arbeit erlebt sie immer wieder sehr berührende Momente. Wenn Menschen mit Demenz, die keinen ganzen Satz mehr herausbringen, bei einem alten Volkslied mitsingen oder wenn sie aufstehen, weil sie ein Kind zum Tanz auffordert, obwohl sie schon lange nicht mehr ohne fremde Hilfe aufgestanden sind.

grill_2499

„Wir tragen unser Licht.“ Mit Kerzen stimmt sich Jonas gemeinsam mit der Gruppe auf die kommende Adventzeit ein.

Untersuchungen belegen: Sowohl Kinder als auch SeniorInnen profitieren von intergenerativen Kontakten. Kinder können nicht nur ihr Weltwissen erweitern, etwa wenn sie fragen: „Warum hat Frau Müller so schrumpelige Haut?“ Oder: „Warum haben alte Leute weiße Haare?“ Im Umgang mit SeniorInnen entwickeln sie auch soziale Kompetenzen und Einfühlungsvermögen. Sie erleben, wie es ist, wenn man schlecht sieht oder im Rollstuhl sitzt. Und wenn sie merken, dass sie helfen können und zum Beispiel beim Basteln Anerkennung für ihre Geschicklichkeit bekommen oder gelobt werden: „Wie schön du singen kannst“, dann stärkt das ihr Selbstwertgefühl. Darüber hinaus erfahren die Kinder auch, dass der Tod Teil des Lebens ist. Wenn Herr Goldmann, der immer Puzzles mit ihnen gebaut hat, auf einmal nicht mehr da ist. Den älteren Menschen wiederum gibt die regelmäßige Begegnung mit den Kindern eine Struktur für den Wochenund Tagesablauf, zugleich bieten die Kontakte Abwechslung und Anregung. SeniorInnen erfahren so eine soziale Einbindung, bei der sie für andere wichtig sind und anderen etwas bieten können, zum Beispiel, wenn sie einem Kind zeigen, wie man Luftmaschen häkelt.

Aber auch ohne Studien spürt man: Wenn sich Kinder und ältere Menschen begegnen, passiert unglaublich viel. Wenn die Kinder im Herbst schüchtern winken und dann im Sommer ganz selbstverständlich die Hand der älteren Menschen nehmen. Wenn die Frau im Rollstuhl die kleine Hand fest in die ihre drückt und flüstert: „Schön, dass d‘ da woarst. Waun kimst denn wieder?“ Wenn sich die gebückten Körper aufrichten, die starren Blicke lebendig werden und manchen sogar ein Lächeln übers Gesicht huscht: Dann ist das ein kleines Wunder.

 

Was bedeutet intergenerativ?

Die intergenerative Spielgruppe für Kinder zwischen 2 und 3,5 Jahren findet an zwei Tagen pro Woche vormittags in der „spiegel treffpunkt rundherum“- Außenstelle im Seniorenwohnheim Rainbach im Mühlkreis statt. Für jeweils 45 Minuten gibt es ein gemeinsames Programm mit den HeimbewohnerInnen. Die Leiterin der Kindergruppe, Monika Hörbst, wird dabei von einer Helferin und einer pensionierten Kindergartenpädagogin unterstützt. Nähere Infos zum Projekt bei Monika Hörbst: monika.hoerbst@gmx.at

 

„Welt der Frau“ – Fotoredakteurin Alexandra Grill hat die intergenerative Kindergruppe drei Jahre lang immer wieder mit der Kamera besucht.


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2013 – von Julia Langeneder