11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Warum kommt es anders, als man denkt?

Wir sind keine Propheten. Menschen können nicht in die Zukunft schauen, das ist klar. Wobei: Wenn man schon ein bisschen länger auf der Erde weilt, scheint vieles ziemlich vorhersehbar. Die Kassiererin an der Billa-Kasse, der Hochnebel ab November, die Wanderwege um Kaltenleutgeben herum, die Weihnachtsfeier mit der Stiefmutter, überhaupt der ewige Wechsel der Jahreszeiten. Selbst modisch neu erworbene Garderobe entpuppt sich als Déjà-vu – öfter ertappe mich nach dem Einkauf von Dingen bei der Frage: „Hast so was Ähnliches nicht schon mal gehabt?“ Als seien Gegenwart und Zukunft eigentlich eine Erinnerung; eine nach vorne projizierte Vergangenheit. Dass es genau so kommt, wie man denkt, ist einerseits beruhigend. Schließlich könnten wir nicht leben ohne Verlässlichkeit. Andererseits ist zu viel Gewissheit auch ziemlich fad.

Manchmal kommt es aber auch anders, und das meistens ziemlich plötzlich. Dann bricht die Wirklichkeit ein. Der heilige Augustinus schrieb in seiner Abhandlung „De Trinitate“, dass wir im Denken, also der „Form“ nach, zwar etwas vorhersehen können, die „Materie“ aber, also die endliche Welt, sich häufig anders entwickelt. Wir erleben das als Zufall. Das ist nicht immer eine schöne Sache, aber das Einzige, was uns frei atmen lässt. Ob es den Zufall wirklich gibt? Darüber streiten sich die Geister. Für uns Menschen jedenfalls existiert er, und er ist der Preis für Freiheit und Lebendigkeit. Wenn man ganz genau hinschaut, ist das Prinzip Zufall immer am Werk. Der große Umriss der Ereignisse mag ähnlich erscheinen, im Detail jedoch ist alles neu. FreiheitsfreundInnen sollten sich daher ein Mikroskop zulegen. Das Denken ist behäbig, die Welt aber ein Quirl.

Manchmal scheint alles gleich. Stimmt aber nicht. Wenn dir langweilig ist, geh langsam, meint Andrea Roedig.