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Joana, Clara und Mercy haben afrikanische Wurzeln ? und das sieht man ihnen an. Nicht immer ein Vorteil. Die Klischees fliegen tief. Die drei kontern auf ihre Art: Sie wollen ihre neue Heimat überzeugen, dass sie selbstbewusst sind und ihren eigenen Weg gehen können.

Ein eiskalter spätherbstlicher Morgen vor einem unscheinbaren Haus im Wiener Bezirk Brigittenau. Nichts, kein Türschild, keine Klingel, verrät, wo hier der Verein Exit logiert. Eine befragte Bewohnerin schüttelt ahnungslos den Kopf, nie gehört. Erst die Präzisierung »ein Verein gegen Menschenhandel« lässt ihr Gesicht aufleuchten und etwas leiser als nötig sagt sie:

schwarzsein»Ach so, die schwarze Frau meinen Sie! Zweite Tür rechts.« Die Hautfarbe als Auslöser für ein Bild im Kopf, das in diesem Fall sogar den richtigen Weg weist.

MIT COURAGE UND ELAN.
Joana Adesuwa Reiterer arbeitet hier, Vereinsobfrau, Buchautorin, Schauspielerin, Event- und Projektmanagerin, zweifache Mutter. Die energiegeladene 30-Jährige macht gleich zu Beginn klar, dass sie keine Zeit hat, sich mit »unnötigen Sachen« aufzuhalten. Unter den vielen unterschiedlichen nigerianischen Gruppen ist ihr die Welt der MitarbeiterInnen internationaler Organisationen, der DiplomatInnen und JuristInnen am nächsten: »Diese Menschen haben auch nicht so viel Zeit. Es gibt Treffen, es wird diskutiert, und trotzdem ist jeder unabhängig.«

Für Mercy Dorcas Atieno Otieno ist die Hautfarbe zum Vorteil geworden. »Ich bin bis heute die einzige schwarze Schauspielerin in Graz.« In Stück »Hexenjagd« des amerikanischen Dramatikers Athur Miller spielte sie die »Tituba«.

Eine Unabhängigkeit, die sich Joana Adesuwa Reiterer selbst erst hart erkämpft hat. Als sie vor acht Jahren ihrem Mann aus Nigeria nach Österreich gefolgt war, musste sie erkennen, dass er sein Geld mit Menschenhandel verdiente. Empört wandte sich die couragierte Frau ab und beschloss, den Opfern solcher Geschäfte zu helfen. Mit unverdrossener Offenheit prangert sie seither Zwangsprostitution, Menschenhandel, den Aberglauben und die furchtbaren Folgen für ihre nigerianischen Landsleute an. Die Folge: »Sie haben mich aus der Community ausgeschlossen, ich darf nicht mehr zu ihren Festen und Veranstaltungen kommen«, erzählt sie. Eine Strafe, die sie im Nachhinein als Glück ansieht. Sie wurde bedroht und als Nestbeschmutzerin beschimpft. »Das Totschweigen ist der total falsche Zugang«, ist Joana Adesuwa Reiterer überzeugt. »Wenn man das nicht selber thematisiert, überlässt man es der FPÖ.«

VERSTECKTE ÄNGSTE.
Neben den Anfeindungen ihrer Landsleute musste sich Joana Adesuwa Reiterer in den schwierigen Anfangsjahren auch mit der Ablehnung von ÖsterreicherInnen auseinandersetzen. »In der ersten Woche, als ich nach Österreich kam, habe ich von anderen Nigerianerinnen viel über Rassismus gehört. Da habe ich dann natürlich schon meinen Kampfmantel angezogen und mir den ganzen Tag die Frage gestellt: »Warum schaut ihr mich so an? Warum lacht ihr?«, erinnert sie sich. Diskriminierende Erlebnisse bei der Jobsuche taten ihr Übriges. Doch schließlich beschloss sie, solche Szenen einfach zu ignorieren. »Es verletzt dich, wenn du den ganzen Tag glaubst, dass man dich nicht mag. Dann wirst du in deinem Leben nichts schaffen, weil es psychisch nicht gut für dich ist ? und dann erreichen die Rassisten ihr Ziel.«
Die Angst vor schwarzen Menschen sitzt tief in der österreichischen Seele. Selten offen, hat Joana Adesuwa Reiterer beobachtet, aber versteckt selbst bei denen, die nach außen hin von »multikulti« schwärmen: »Wenn ihre Tochter einen schwarzen Mann heiraten will oder sich ein afrikanischer Babysitter anbietet, dann zeigt sich diese Angst.«

OBJEKT DER BEGIERDE.
Die Bilder im Kopf sind hartnäckig. Oft kommt es vor, dass nigerianische Frauen automatisch als Prostituierte angesehen werden. Joana Adesuwa Reiterer kennt das: »Es ist nicht ohne.« Aber sie sagt auch: »Man kann nicht verleugnen, dass im Vergleich die Anzahl der Nigerianerinnen am Straßenstrich zu hoch ist. Das heißt, es muss ein System geben, wie man die Leute herbringt.« Immerhin seien mehr als 150 von ihnen in Wien als Prostituierte gemeldet, die Dunkelziffer ist ein Vielfaches. Mitschuld ist wohl auch die österreichische Gesetzeslage, die als eine der wenigen legalen Arbeitsmöglichkeiten während des Asylverfahrens die Prostitution zulässt. »Manchmal schäme ich mich«, sagt Joana Adesuwa Reiterer. Manchmal freut sie sich. Wenn zum Beispiel Lydia, die Tochter nigerianischer Eltern, »Austria°òs next Topmodel« wird.
Wie ist das Bild, das Joana Adesuwa Reiterer von österreichischen Frauen hat? »Sie jammern zu viel«, kommt die Antwort blitzschnell und der Zusatz mit einem verschmitzten Lachen: »Das ist mein Klischee.«

MEDIEN UND VORURTEILE.
Clara Akinyosoye stammt aus der zweiten Generation, wie es im Soziologen-Deutsch heißt: Ihre Eltern sind aus Nigeria zugewandert, sie ist in Wien geboren. Ihre gepflegte Aussprache, ihre gewählten Worte lassen einen bürgerlichen Hintergrund vermuten. Die Erfahrung, dass mit ihrer Hautfarbe käufliche Liebe assoziiert wird, ist auch ihr nicht erspart geblieben. Mit 13 Jahren wurde sie zum ersten Mal angesprochen. Am Wiener Praterstern kam ein alter Mann auf sie zu und bot ihr 100 Euro an, wenn er ihr auf den Po greifen dürfe. »Ich war total schockiert«, erzählt sie. Es war das erste eindeutige Angebot, keinesfalls aber das letzte.
Die Publizistikstudentin ortet die Ursache solcher Übergriffe nicht nur in der geografischen Nähe zum Straßenstrich: »Das Bild von schwarzen Frauen in den Medien bedient Stereotype: Es hat immer etwas mit Sex zu tun, entweder als Prostituierte oder als exotische, leicht bekleidete Tänzerin, nie mit Intellekt.« Die 23-Jährige hat schon viel Erfahrung in der praktischen Medienarbeit: Sie leitet die wöchentliche Integrationsseite in der Tageszeitung »Die Presse« und die Internetseite von M-Media, dem Verein zur Förderung interkultureller Medienarbeit.
Clara Akinyosoye zeichnet außerdem als Chefredakteurin für den Lagebericht »Schwarze Menschen in Österreich« verantwortlich. Eine Herzenssache, »weil dort auch andere Informationen zu finden sind als irgendwelche Opfer-Täter-Begegnungen«. Mehr als 40.000 Menschen afrikanischer Herkunft leben in Österreich, liest man dort, davon rund 7.700 aus Nigeria. Benachteiligungen bei der Arbeits- und Wohnungssuche gehören zu den größten Problemen. Vorurteile machen das Leben hierzulande schwer, »das Nicht-willkommen-Fühlen, das Nie-Genügen«, wie Clara Akinyosoye es nennt.

GEBORGENHEIT IN DER KIRCHE.
Männer haben es schwerer als Frauen. »Schwarze Frauen verbindet man mit Exotik, Männer mit Aggressivität, Drogenhandel, Gefahr«, erklärt die Journalistin. Da brauche es nicht zu verwundern, dass sich viele AfrikanerInnen der ersten Generation in ihre Gemeinschaft zurückziehen, in der sie sich wohl und sicher fühlen: »In einem Gottesdienst in einer afrikanischen Community ist das etwas ganz anderes als in einer Kirche mit größtenteils österreichischen Gläubigen. Das ist ein Treffen, ein Kennenlernen, ein gemeinsames Feiern ? als wäre es ein Fest.«