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Frauen erhalten im Durchschnitt weniger Lohn als Männer und haben niedrigere Renten, sie kümmern sich eher um die Familie als ums große Geld. Doch liegt es wirklich nur daran, dass sie so selten Vermögen anhäufen? Eine Erkundung in zehn Schritten.

 

1. Natürlich werden Frauen reich

Natürlich werden Frauen reich, zum Beispiel, wenn sie erben. Die Eltern sterben, der Ehemann, ein unbekannter Onkel in Amerika, und sie hinterlassen ein Vermögen. Reich können Frauen auch nach einer Scheidung werden, wenn der Mann in einer plötzlichen Aufwallung von Sentimentalität, Scham und Pflichtbewusstsein großzügig abfindet. Einige gewinnen sogar im Lotto: Jackpot! Und ja, es gibt auch Frauen, die von eigener Hände Arbeit reich werden, die es als Spitzenmanagerinnen in einem Weltkonzern zum Millionengehalt bringen oder als Unternehmerinnen erfolgreich sind. Aber die gelten immer noch als Ausnahmen.
Frauen sind eher in Sachen Armut die Vorreiter: Sie erhalten im Durchschnitt für dieselbe Arbeit immer noch weniger Lohn als Männer und folgerichtig auch eine niedrigere Rente. Haben sie nicht gearbeitet, etwa weil sie dem Mann den Rücken freihielten und den Kindern den Weg ins Leben ebneten,   landen sie mit Sicherheit in der Altersarmut, wenn der Mann sie verlässt. All das ist bekannt, es hat mit Rollenklischees zu tun und einem gewissen Unmut, das Ideal der Gleichheit der Geschlechter ökonomisch umzusetzen. Aber es erklärt nicht, warum Frauen nicht reich werden. Unsere Gesellschaft mag nicht sonderlich gerecht sein, doch sie gibt Menschen durchaus Chancen, etwas zu erreichen. Es ist nicht einfach, ein Vermögen zu machen, aber es gibt unzählige Menschen, die es trotzdem geschafft haben. Meist sind das allerdings Männer. Warum? Doch gehen wir erst mal einen Schritt zurück und klären eine andere Frage:

2. Was bedeutet überhaupt „reich“?

Was „“reich sein““ bedeutet, ist schwer zu sagen. Oft heißt es, Reichtum sei relativ. Das ist einerseits richtig: Mit der österreichischen bedarfsorientierten Mindestsicherung von 752,94 Euro, dem Minimaleinkommen hierzulande also, kann man sich in einem der ärmeren Länder der Erde wohl reich fühlen. Einer alleinerziehenden Mutter in Graz nutzt das allerdings recht wenig.
Sinnvoller ist es, die Bevölkerung eines Landes in Zehntel aufzuteilen: Wer zu den obersten zehn Prozent gehört, gilt pauschal als reich. In Österreich braucht man dafür ein Vermögen von 542.000 Euro – im Durchschnitt! Das Vermögen innerhalb der oberen zehn Prozent ist allerdings, genau wie in der Gesamtgesellschaft, ungleich verteilt. [So gehört man auch schon mit der Hälfte des Durchschnittwerts zu den Reichen,   weil es genug sehr hohe Vermögen gibt, die das ausgleichen.] Schaut man nach oben, kann man sich also auch als Reicher arm fühlen. Schaut man runter, sollte das Gefühl aber schnell vergehen: Das untere Zehntel muss sich mit 1.000 Euro begnügen. Ebenfalls im Durchschnitt.

3. Das gehört eigentlich nicht hierher, aber …

Meine Mutter gehörte zum unteren Zehntel. Und selbst in diesem Segment befand sie sich nicht ganz oben. Mein Vater hatte sich totgetrunken, als ich sieben war, und so lebten wir von Sozialhilfe. Doch irgendwie brachte meine Mutter mich durch. Ich erinnere mich an Reissuppen und Innereien, das billigste Fleisch, das es damals gab, aber auch an Lachsschinken und Schlemmerfilets – wir waren arm, aber keine Asketen. Ich war jung und hatte keine Ahnung, und so kann ich nicht sagen, wie meine Mutter das machte. Aber sie schaffte es. Und ich erlebte, was sich heute kaum jemand vorstellen kann: Eine Kindheit in Armut – ohne Geldsorgen.
Traditionell übernehmen die Frauen den Haushalt und die Männer die Versorgung. Das hat Folgen für ihre Sicht auf das Leben. Denn die „“männliche““ Jagd mochte   mühsam gewesen sein, aber sie war potenztiell unendlich – die Macht der Natur war größer als die der Männer, die der Natur einen Teil ihres unendlichen Reichtums abnehmen wollten. Der „“weibliche““ Haushalt hingegen war begrenzt: Es gab, was es gab – mehr war nicht drin. Das wird oft negativ gesehen: Haushaltende müssen sparen, rechnen, überlegen. Es heißt aber auch, dass sie vom Wert der Dinge wissen und davon, was wichtig ist. Sie können Relationen einschätzen: In welchem Verhältnis steht der Aufwand zum Ziel? Lohnt sich der Einsatz überhaupt?

4. Frauen haben nicht das Ziel, reich zu werden

„Frauen haben nicht das Ziel, reich zu werden“, sagt Constanze Hintze. „Männer dagegen schon. Wenn Männer ein Unternehmen gründen und man sie fragt, warum sie gerade dieses Feld ausgesucht haben, antworten sie in der Regel: ‚Ich will damit Geld verdienen.‘ Wenn Sie Frauen fragen, sagen sie: ‚Ich kann das mit meiner Familie verbinden.‘ ‚Ich kann mich selbst verwirklichen.‘ ‚Ich bringe damit eine Lebensidee voran.'“ Constanze Hintze ist Finanzberaterin. Die gelernte Bankkauffrau hat arbeitete bei diversen Geldinstituten gearbeitet, bevor sie bei Svea Kuschel + Kolleginnen einstiegeingestiegen ist, einer Finanzberatung in München, die sich auf Frauen spezialisiert hat. Heute ist sie dort Geschäftsführerin.
Die 48-Jährige erzählt, dass viele Frauen zu ihr kommen, weil sie von ihrer Bank enttäuscht sind. Sie haben das Gefühl, mit standardisierten Produkten abgefertigt zu werden. Was auch zutrifft: Viele Banken drängen ihre MitarbeiterInnen zu vielen Beratungen, und ihre Finanzprodukte sind vorgefertigt. „Eine menschliche Beziehungsebene“, sagt Constanze Hintze, „ist da nicht gefragt. Aber genau die ist Frauen wichtig. Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, die untersucht, worauf Frauen bei der Finanzberatung Wert legen. An erster Stelle steht natürlich Kompetenz. Aber dann kommt sehr schnell Einfühlungsvermögen. Der Berater soll sich in meine Situation einfühlen können.“ Hinzu kommt: „Frauen haben ein besonderes Gespür für Glaubwürdigkeit, für Ehrlichkeit. Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt. Doch selbst wenn die Beratung offensichtlich nicht fundiert ist, ist es vielen peinlich, Fragen zu stellen.“
Das ist einer dieser Punkte, an dem sich Frauen selber im Weg stehen. Das Wissen über Geld und Wirtschaft ist manchmal dürftig, hat Constanze Hintze festgestellt, nicht zuletzt, weil solches Wissen für Frauen einen geringen sozialen Wert hat: Wer sich mit Geld auskennt, ist auf Partys weniger gefragt, als jemand, der den neuesten Klatsch kennt. Außerdem, meint Constanze Hintze, ist es „in Teilen unserer Gesellschaft ein Stigma, reich zu sein. Wenn Frauen zu uns kommen, sagen sie nicht: Ich will reich werden. Sie sagen höchstens: Ich will finanzielle Unabhängigkeit.“
Wer sich mit der Bildung eines Vermögens oder zumindest einer Alterssicherung beschäftigen möchte, sollte sich zuerst Wissen aneignen, meint die Beraterin. Dafür ist es besser, regelmäßig die Wirtschaftspresse zu lesen, als dicke Bücher zu wälzen. Hilfreich ist auch ein professioneller Berater – aber bitte keiner, der nichts kostet: Der verdient dann nämlich anders Geld, etwa über Provisionen, und das kann am Ende teurer kommen. Das Geld sollte flexibel angelegt sein, so dass man darüber verfügen kann, falls   man es kurzfristig braucht. Wenn man in solch einer Situation einen Kredit aufnimmt, macht man so gut wie immer Verluste, denn die Zinsen, die dabei anfallen, sind höher als die Zinsen, die man auf Geldanlagen bekommt.
Frauen wollen oft wissen, was hinter einem Finanzprodukt steht, und das ist auch gut so. Die Neigung zu so genannten „ethischen Produkten“ sieht Constanze Hintze aber eher kritisch: „Ethik bedeutet nicht zwangsläufig Sicherheit. Sehen Sie sich nur die Solaraktien an.“ Frauen haben in der Regel kein Interesse an Top-Renditen, im Gegenteil, sie wollen eine angemessene Rendite – schon das ist heutzutage ethisch. Ansonsten gilt: „Bilden Sie sich eine eigene Meinung. Hören Sie auf ihr Gefühl. Und es ist immer ein gutes Zeichen, wenn Ihnen kein Druck und keine Angst gemacht werden.“
Mit etwas Ausdauer, Vorsicht und vielleicht ein bisschen Glück können so auch Frauen reich werden. Um dann was zu tun? „Frauen teilen gerne ihr Geld. Zum Beispiel werden die Kinder bedacht, mit warmen Händen, wie es so schön heißt.“ Es gibt aber auch Frauen, die an sich denken. „Ich kenne eine Unternehmerin, die sehr reich ist und sehr erfolgreich. Die steht kurz vor dem Ruhestand und sagt, sie braucht 15.000 Euro im Monat, weil sie sich alles gönnen möchte, ohne darüber nachdenken zu müssen. Das ist aber eine Ausnahme. Die meisten Frauen arbeiten weiter, auch wenn sie reich sind, und halten ihr Geld zusammen.“

5. Wozu ist Reichtum gut?

Viel Geld braucht man, um ohne Limit shoppen zu können. Für ein schönes Haus, schöne Autos, schöne Ferien. Um nie wieder rechnen zu müssen. Um das Leben zu genießen. Sorgenfrei. So stellen wir uns das vor. Doch es kann gut sein, dass es so nicht funktioniert. Ich kenne drei Millionäre etwas näher, keiner von ihnen ist wirklich glücklich. Und der mit dem meisten Geld ist der unglücklichste.
Kürzlich sprach ich mit einem Freund darüber, warum eher Männer als Frauen reich werden. Der Freund sagte: „Männer brauchen Geld, um soziale Kompetenzen zu entwickeln. Frauen haben diese Kompetenzen schon.“ Und ich antwortete halb scherzend: „Oder die Männer brauchen das Geld, damit sie die Kompetenzen nicht entwickeln müssen.“ Ich dachte noch: Das ist wirklich zynisch. Doch es ist näher an der Realität, als ich es mir vorstellen möchte.
Vor drei Jahren wurde in dem US-Fachmagazin Psychological Science eine Studie veröffentlicht, die nahelegt, dass reiche Menschen besonders schlecht die Gefühle anderer Menschen erkennen können. Michael Kraus, Hauptautor der Studie und Professor für Psychologie an der Universität Illinois, erklärte: „Mit zunehmendem Wohlstand wird man selbstbezogener. Wenn man oben auf der sozialen Leiter steht, treten in der Wahrnehmung die Freiheiten und Möglichkeiten in den Vordergrund, die man den Anderen voraushat. Das führt aber dazu, dass man deren Gefühle weniger gut erkennt.“
Die deutsche Wochenzeitung „Der Freitag“ führte kürzlich eine ganze Reihe weiterer Studien auf, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Eine dieser Studien belegte, dass Studenten aus wohlhabenden Familien weniger Interesse an Unterhaltungen haben als ihre ärmeren KommilitonInnen: In Experimenten kritzelten sie während eines Gesprächs herum, wühlten in ihren Rucksäcken oder guckten immer wieder auf ihre Mobiltelefone. Außerdem reagierten sie auf Gesagtes seltener mit einem Kopfnicken oder Lachen. Das änderte sich auch nicht, wenn das Gegenüber ebenso wohlhabend war wie sie selbst. Die Schlussfolgerung lautet: Reiche lassen sich nicht nur ungern auf Ärmere ein, sondern sind grundsätzlich eher distanziert gegenüber anderen Menschen.
Die Frage ist, ob sich Menschen in dieser Isolation gut fühlen können. In der Positiven Psychologie, die sich im Gegensatz zur klassischen Psychologie nicht mit psychischen Mängeln, sondern psychischen Ressourcen beschäftigt, geht man davon aus, dass Glück und Gesundheit in engem Zusammenhang mit so genanntem prosozialen Verhalten wie Mitgefühl, Empathie und Altruismus stehen. Dazu passt eine Studie, die zeigte, dass es größeres Glück verschafft, für andere Geld auszugeben als für sich selbst. Doch leider sind, laut einer anderen Studie, reiche Menschen seltener bereit, einem Fremden Geld zu geben oder für wohltätige Zwecke zu spenden.
Man hat auch festgestellt, dass AmerikanerInnen bei einem Einkommen von 75.000 Dollar im Jahr den Höhepunkt der Lebenszufriedenheit erreichen – ein Verdienst, der darüber liegt, macht nicht mehr glücklicher.   Möglicherweise hat Reichtum soziale und emotionale Folgen, die jenes „“Glück der Freiheit“ aufheben, das man sich normalerweise mit Geld erkauft. Reichtum bedeutet also nicht Sorgenfreiheit. Er ist eher ein Tauschgeschäft: Man gibt seine alten Sorgen ab und bekommt dafür neue.