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Was ist Ihr Anker?

Manchmal fühlt sich das Leben wie ein wilder Sturm im Meer an, peitschende Wellen reißen uns hin und her und es scheint, als sei kein Land in Sicht. Kennen auch Sie die Not, in der Sie wussten: „Jetzt braucht es einen Anker!“ Was hat Sie gerettet? Sieben Erfahrungsberichte.

Der Glaube gibt mir Vertrauen

Isabelle Ntumba (42) kam 1995 aus dem Kongo nach Österreich. Ihrem Glauben verleiht sie auch mit ihren Gospelsongs Ausdruck. Mit dem Verein „Licht am Horizont“ unterstützt sie Straßenkinder in ihrer alten Heimat. 

Ich bin sehr gläubig. Mein Anker ist Jesus Christus. Mit ihm stehe ich sicher im Leben. Er weist mir den Weg und hilft, wenn ich ihn brauche. Ein Beispiel dafür? Im Jahr 2014 brannte unsere Wohnung komplett ab, und zwar genau in der Nacht vor dem Geburtstag unserer kleinen Tochter. Sie war es auch, die uns aufgeweckt hat. Sie kam ins Schlafzimmer und sagte, sie habe über ihrem Bett oranges Licht gesehen. Im Kinderzimmer brannten die Betten schon lichterloh. Wir konnten uns in Sicherheit bringen. Hätten wir das Feuer nicht entdeckt, wären wir, laut Feuerwehr, eine halbe Stunde später alle tot gewesen. Ich weiß, dass Gott uns gerettet hat. Wir haben alles verloren. Und wieder war der Anker da und hat schon am nächsten Tag Menschen geschickt, die uns halfen, die für uns Geld gesammelt haben. Aus diesem Schrecken hat sich so viel Gutes entwickelt, zum Beispiel auch neue Freundschaften. Der Glaube hat uns auch die Kraft gegeben, weiterzumachen. Der Glaube gibt mir Vertrauen.

Isabelle Htumba by Robert Maybach

Es ist wichtig, ihn in alle Umstände miteinzubeziehen. In Afrika ist das leicht, ja selbstverständlich. Dort schreibt man alles Gott und seiner Gnade zu – wenn man Arbeit hat, eine Wohnung, genug zu essen. Hier in Europa ist dieses Denken nicht vorhanden. Für manche bin ich mit meinem Glauben eine echte Exotin, für andere eine Hoffnungsträgerin.

Foto: Robert Maybach

Der größte Anker ist die Liebe

Sabine Leithner (50) leitet den Lehrgang „Palliative Care“ am Klinikum Wels-Grieskirchen. Aus einer Lebenskrise ging sie gestärkt hervor. Liebe und Selbstvertrauen sind es, die sie auch im Beruf festigen.

Als ich mich vor 20 Jahren von meinem Mann trennte, war das eine schwere Zeit für mich. Doch seit damals weiß ich: Wenn es eng wird im Leben, wenn ich einen Anker brauche, dann ist auch einer da. Mein Anker hatte Menschengestalt: Meine Eltern waren vorbehaltlos an meiner Seite, haben mich gehalten.

Diese Zeit war auch für meine drei Kinder schwierig, die Jahre ihrer Pubertät brachten immense Herausforderungen, vor allem für eine meiner Töchter, die damals mit Drogen in Kontakt kam. Ich war beruflich sehr angespannt, teilweise wirklich überfordert durch die Sorge um meine Tochter. Sie hätte Halt gebraucht, den ich ihr nicht geben konnte, weil mir die Kraft dafür fehlte. Und wieder gab es einen Anker: Ein Freund von mir war einfach da, hat nicht lange gefragt, sondern geholfen.

In Zeiten des brüchigen Bodens habe ich sehr viel gelernt. Irgendwann wusste ich: Ich schaffe das.

Sabine Leithner by Robert Maybach

Ich habe Vertrauen in mich selbst entwickelt – und auch in andere, dass sie ihren Weg gehen. Ich bin gnädiger geworden mit mir. Heute ist alles gut überstanden. Meine Kinder und ich reden offen über diese Jahre. Erst neulich haben wir festgestellt, wie wichtig es ist, den anderen nicht loszulassen. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke: Der größte Anker für mich ist und war die Liebe.

Foto: Robert Maybach

Etwas, das vor Himmel und Erde steht

Das Schreiben war für Schriftstellerin Ilse Helbich (94) stets ein zentraler Anker. Im hohen Alter stellt sie sich die Frage: „Wo ist jetzt mein Halt?“

Die Verankerung als Autorin lässt nach. Ich bin sehr behindert im Sehen, und das Schreiben ist für mich ein komplizierter technischer Vorgang. Ich habe einen Gedichtband fertig gemacht, der im Herbst herauskommt („Im Gehen“, Droschl Verlag) und ich habe derzeit nicht die Absicht, noch weiter zu schreiben. Ich habe sehr lange von einer Art Einsicht gelebt, die geheißen hat – ich zitiere aus einer buddhistischen Hymne –: „Es gibt etwas, was vor Himmel und Erde steht. Es hat keine Form und ist lautlos, vollkommen ruhig erleuchtet es auf wunderbare Weise.“ Diese „Überwirklichkeit“ wird für mich in verschiedenen Religionen, Kunstformen, in der Musik oder in der Gartenarbeit erfahrbar. Ich war zwei- oder dreimal über Monate ernsthaft krank. In diesen Zeiten habe ich erfahren, was Altsein bedeutet, dass man die Herrschaft über seinen Körper verliert, Träume und Wirklichkeit verschwimmen. Man erlebt eine Verlassenheit, wo selbst Nahestehende nicht mehr durchdringen können.

Dann finde ich in meinem gelebten Augenblick auch keinen Zugang, und ich finde keinen Zugang zu dieser „anderen Wirklichkeit“, die mir in ihrer Durchsichtigkeit und Durchlässigkeit nicht mehr erfahrbar ist. Da braucht es viel Mut und Vertrauen, diesen Zustand auszuhalten. Das hohe Alter hat für mich viel Ähnlichkeit mit der späten Pubertät. Es ist eine Phase äußerster Verunsicherung, und es stellen sich Fragen wie: „Wo ist mein Platz in der Weltordnung? Wo ist mein Halt?“ Und wer weiß, vielleicht schreibe ich einmal eine Kriminalgeschichte?

Foto: Tina Herzl

Meine Ausbildung nahm mir die Angst

Viktoria Schnaderbeck (26) ist Kapitänin des österreichischen Fußball-Nationalteams der Frauen und Spielerin des Bundesligisten FC Bayern München. Eine Verletzung manövrierte sie in die Sinnkrise.

Ich spiele Fußball, seit ich sieben Jahre alt bin. Meine Familie gab mir immer den nötigen Rückhalt. Mit 16 Jahren ging ich nach München, um für den Verein FC Bayern München zu spielen. Ein halbes Jahr später erlitt ich einen Kreuzbandriss. Es war die prägendste Erfahrung meines Lebens. Ich war am Boden zerstört und völlig alleine in einer fremden Stadt. Nach acht Monaten hatte ich mich erholt und fing wieder an zu spielen. Doch kurze Zeit später verletzte ich mich erneut: Kreuzbandriss. Insgesamt fiel ich zweieinhalb Jahre aus. Ich war verzweifelt, hatte Angst und befand mich in einer Sinnkrise. Mir fehlten eine Aufgabe und die persönliche Reife, die ich mittlerweile besitze. Trotzdem habe ich mich bewusst nicht abgelenkt, sondern mich intensiv mit mir auseinandergesetzt. Dadurch veränderte sich der Blick auf mein Leben völlig. Ich fühlte: „Du wirst zurückkommen!“ Dennoch spürte ich auch, dass ich mein Leben nicht mehr vom Fußball abhängig machen wollte.

Viktoria Schnaderbeck Portrait

Also baute ich mir während meiner Rehabilitation ein zweites Standbein auf und machte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation. Das verlieh mir Sicherheit und nahm mir die Furcht davor, keine zweite Option zu haben. Zurzeit mache ich neben dem Fußball meinen Bachelor in Sportmanagement. Ein weiterer Anker also.

Foto: Gunnar Menzel

Weitere Porträts finden Sie in der Printausgabe.
Erschienen in „Welt der Frau“ 06/17