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Was macht Demokratie lebendig?

Lohnt es sich überhaupt, wählen zu gehen? Auf die Frage gibt es seit der Bundespräsidentenwahl eine klare Antwort: „Ja.“ Und nicht nur das. Plötzlich merken wir, dass die Entwicklung Österreichs von jeder und jedem Einzelnen abhängt.

Meine Kinder sind politisch wach geworden“, erzählte ein Freund nach der Wahl am 22. Mai. Die jungen Erwachsenen hätten intensiv diskutiert, wer der bessere Kandidat für das Amt sei. Nicht nur mit ihrem Vater, sondern auch mit ihren FreundInnen. Ähnliches sagt eine Kollegin. Ihre Kinder gehen noch in die Pflichtschule, aber auch dort war die Wahl ständig im Gespräch. Bemerkenswert, dass schon die Kinder lernen mussten, wie man mit jenen umgeht, die gegensätzlicher Meinung sind. Dass man sie nicht ausgrenzt, nicht gegen sie kämpft, sondern sie respektiert. Diese Haltung wünsche ich mir auch für die Erwachsenen. Man sollte sich hüten, eine Spaltung des Landes herbeizureden. Erleben wir nicht vielmehr endlich eine Annäherung an das, was Demokratie ausmacht? Mehrere Gruppen, die für etwas stehen, die darum werben, die Zukunft mit den Menschen gestalten zu dürfen. Das ist doch gut so, finde ich. Was wäre die FPÖ ohne einen starken Gegenpart, an dem sie sich reiben kann? Was wären die Grünen, um die beiden Lager im Präsidentschaftskampf zu nehmen, ohne die pointierten Ansagen der FPÖ? Es wird spürbar, was im Christentum dieser anspruchsvolle Mensch Jesus gesagt hat: „Liebe deine Feinde!“ Nicht weil man ihre Meinung teilt, sondern weil man erkennen muss, dass sie so notwendig sind wie man selbst. Dass man Frieden nur haben kann, wenn man auch die, deren Ansichten einem so ganz gegen den Strich gehen, akzeptiert. Das ist alles andere als leicht. Deswegen ist es wichtig, in einer Demokratie Spielregeln klug zu vereinbaren.

Hätte sich ohne das klare Votum der WählerInnen schon im ersten Wahlgang politisch in Österreich etwas verändert? Vermutlich nicht. Es braucht starke Kräfte, um behäbige, selbstgefällige Systeme in Bewegung zu bringen. Das ist definitiv gelungen. Wenn es nun an die Umsetzung der Veränderung geht, ist Klugheit angesagt. Viele, die FPÖ wählen, geben als Grund an, dass sie sich nicht verstanden fühlen. Könnte es auch sein, dass sie sich klein fühlen? Dass sie den Eindruck haben, nicht wirksam werden zu können in der Welt, übersehen zu werden? Und dass sie deswegen einer Bewegung folgen, die ihnen Größe zurückgibt? Der Wunsch, wahrgenommen, ernst genommen zu werden, ist elementar. Darin zeigt sich die Menschenwürde. Jeder und jede kann sich fragen, wie wir im Alltag miteinander umgehen. Wie freundlich begegnen wir einander? Wie viel Wertschätzung gibt es, nicht nur für Höchstleistungen, sondern für Menschen, die sich selbst nur als „Rädchen“ fühlen? Viele, die für eine weltoffene Gesellschaft plädieren, sind Menschen, die sich selbst als wirksam erleben. Auch da kommt es nicht auf die großen Neuerungen an. Eine ältere Freundin, die gesundheitlich hart zu kämpfen hat, strahlt, wenn sie erzählt, wie sie Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Eine Bekannte geht darin auf, Flohmärkte zu veranstalten, deren Erlös dazu dient, ein Familienzentrum zu finanzieren. Es geht nicht darum, in den Schlagzeilen zu stehen. Wir leben von Beziehungen, von Wertschätzung, von der Erfahrung, dass es nicht egal ist, ob es uns gibt oder nicht. 

Eine offene Demokratie kann genau dafür der richtige Rahmen sein. Besonders Frauen wissen das. In allen autoritären Systemen dieser Welt wird ihre Freiheit immer als Erstes beschnitten. Mit dem Versprechen, nun sicher leben zu können, schränkt man ihre Wahlmöglichkeiten ein. Diese scheinbare Sicherheit beraubt uns der schönsten Möglichkeit unseres Menschseins: in unserer Einzigartigkeit wirksam zu werden.

Wohin kann Österreich sich entwickeln? Je mehr Menschen erleben, dass es auf sie ankommt, desto interessanter wird unsere Gesellschaft werden. Das erspart nicht Konflikte. Aber wer für sich selbst stehen kann, wird das auch anderen zugestehen und erkennen, dass es immer um den Ausgleich von Interessen geht. Andere zu beherrschen, verdirbt die eigene Seele. Mit anderen in eine spielerische Zusammenarbeit zu gehen, verleiht der Seele Flügel. 

Und im Übrigen liebe ich die Atmosphäre von Wahlsonntagen. Ich mag es, wenn Alte, Junge, Gesunde, Kranke, wenn alle auf den Beinen sind und wissen, dass es auf sie ankommt. Ich mag, wenn junge Familien schon ihre kleinen Kinder mitnehmen. Sie werden gefühlsmäßig aufnehmen, dass das Wahlrecht auf seine Art heilig ist. Die Wahlurne ist die Monstranz der Demokratie. Wir sollten sie hoch in Ehren halten.

Christine Haiden meint, dass intensive Auseinandersetzungen Demokratie erst lebendig machen.

Männer rechts,  Frauen links?

  • Die Bundespräsidentenwahl hat die WählerInnen fast geteilt. Viele Frauen haben Van der Bellen gewählt, viele junge Männer Hofer. Viele Menschen am Land haben sich für den freiheitlichen Kandidaten entschieden, viele in den Städten für den neuen Präsidenten.
  • Änderungen des bisherigen Systems wollten offenbar beide Lager. Unklar ist nur, was damit genau gemeint ist. Wollen die einen mehr Offenheit, mehr Sicherheit die anderen? Ein konservatives Familienbild die einen, ein vielfältiges die anderen? Stehen die einen für ein klassisch-patriarchales Politikverständnis, wo „er“ es für dich richtet, und die anderen für ein geändertes demokratisches Bewusstsein, mit dem Menschen die Gesellschaft mitgestalten wollen? Die Debatte ist eröffnet.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at