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Heerscharen von Büchern und Ratgebern wollen den Menschen zeigen, wie sie erfolgreicher, klüger, reicher, schlanker oder schöner werden. Kaum jemand fragt sich, wie man mutiger wird. Wir haben usn auf Spurensuche begeben und dabei festgestellt, dass Mut zwei wunderbare Eigenschaften hat: Er ist ansteckend, und er ist erlernbar!

Seitdem Menschen gefordert sind, sich Gefahren aus ihrer Umwelt zu stellen, seit Urzeiten also, ist der Mut eine Eigenschaft, nach der jeder von uns strebt. Doch woher kommt der Mut? Das Wort stammt aus dem Altgermanischen »muod« und bedeutete ursprünglich Gemütszustand, Leidenschaft, Entschlossenheit. Erst im Laufe der Zeit wurde aus Mut eine Tugend, die mit Tapferkeit in Verbindung gebracht wird. In der Antike galt der Mut als herausragendstes Merkmal eines freien Mannes. Es sei »sittlich schön, dem, was für einen Menschen furchtbar ist oder scheint, die Stirne zu bieten«, formulierte Aristoteles 322 vor Christus. Die christlichen Kirchenväter sahen im Mut eine Fähigkeit, standhaft den Anfeindungen des Bösen zu trotzen. Und wir modernen Menschen bewundern von Kindheit an unsere Helden wie Pippi Langstrumpf oder Harry Potter, die sich in Comics und auf der Filmleinwand tapfer allen Widerwärtigkeiten und Herausforderungen stellen.

Doch wie schaffen wir es im realen täglichen Leben, mutiger zu werden? Mut wird dem Menschen nicht in die Wiege gelegt. Und er lässt sich leider auch nicht im Supermarkt kaufen oder im Internet bestellen. Und dennoch brauchen wir ihn als wichtige Lebensenergie. Und wir brauchen ihn immer genau dann, wenn uns auffällt, dass wir ihn nicht haben! Denn das Leben ist selten ein langer ruhiger Fluss. Es verläuft in Schlangenlinien, macht so manche radikale Biegung und hält die eine oder andere Untiefe bereit. Und ob wir jetzt vor einem großen Umbruch im Leben stehen oder uns nur vorgenommen haben, endlich Skifahren zu lernen oder das erste Mal allein eine Reise zu machen – eines haben diese Situationen gemeinsam: Sie machen uns Angst!

Laut zu sagen, was man denkt: Das ist Mut und macht Mut.

Aber wer ängstlich ist, ist nicht gleich ein Hasenfuß. Angst und Mut sind nur zwei Seiten einer Medaille. »Mutig zu sein hat nichts mit einer Abwesenheit von Angst zu tun, im Gegenteil«, sagt die Psychologin Christa Schirl. Auch der Mutige nimmt Warnsignale und Gefahren wahr und wägt die Risiken ab. Alles andere wäre

Tollkühnheit oder gar Dummheit. »Wir dürfen Angst haben. Das ist auch ganz normal, vor allem wenn wir Neuland beschreiten, uns an Unbekanntes wagen müssen. Aber ich kann meine Angst an der Hand nehmen und trotzdem vorangehen. Dann bin ich mutig.« Oder wie Martin Luther King es formulierte: »Wir müssen immer wieder Dämme des Mutes bauen gegen die Flut der Furcht.« Leicht gesagt. Doch auch leicht getan? Schirl rät, sich in Situationen, die uns Angst machen, an frühere ähnliche Erlebnisse zu erinnern, etwa an den ersten Arbeitstag oder ein entscheidendes Gespräch. Und sich jenes Hochgefühl ins Bewusstsein zu rufen, das man hatte, nachdem man eine schwierige Situation gemeistert hatte.

»Wir sind von der Evolution so programmiert, dass wir uns Katastrophen und Gefahren besser merken als positive Erlebnisse. Das ist auch durchaus sinnvoll, denn sonst hätten wir nicht überlebt. Aber gegenüber diesem negativen Gedächtnis muss jeder für sich ein Gegengewicht schaffen«, meint Schirl und empfiehlt, ein Erfolgstagebuch zu führen. Darin sollte man eintragen, was einem gelungen ist, welche Erfolge – auch kleine – man verbuchen konnte. Denn vergangene Siege machen uns stark für neue Herausforderungen.

Unser Mut ist nicht nur gefragt, wenn es um große, entscheidende Schritte im Leben geht. Oft sind diese mit dem Mut der Verzweiflung oder dem Rückenwind der Neugier und Abenteuerlust sogar leichter zu bewältigen als die kleinen Mutproben, vor die uns der Alltag stellt. Es beginnt damit, Nein zu sagen gegenüber einem Kollegen, der eine unangenehme Arbeit abschieben will. Oder der Familie mitzuteilen, dass man diesmal am gemeinsamen Weihnachtsfest nicht teilnehmen wird, weil man endlich den lang ersehnten Urlaub im Süden machen will. Es ist die »Feigheit vor dem Freund«, wie es die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann einmal formulierte, die es uns manchmal schwer macht, mutig zu uns selbst und unseren Meinungen und Wünschen zu stehen. »Gerade Frauen haben oft Angst vor Abwertung oder davor, nicht geliebt zu werden«, erklärt Schirl, warum viele es nie gelernt hätten, die eigenen Bedürfnisse vor die Solidarität mit anderen zu stellen. Eine starke Bindung an die Familie oder die Gruppe kann einen Menschen auf der einen Seite stark und mutig machen, auf der anderen Seite erzeugt sie jedoch einen Loyalitätsdruck, der dann oft den mutigen kleinen Widerstand verhindert. »Ganz und gar man selbst zu sein, das kann schon einigen Mut erfordern«, wusste schon Sophia Loren.

Die gute Nachricht: »Mut kann man lernen.« Davon ist Christa Schirl überzeugt. Am besten fängt man damit in kleinen Schritten an. »Mut bedeutet, aktiv und handlungsfähig zu sein. Und das kann man in ganz vielen Situationen im Alltag trainieren, indem man Gewohnheiten unterbricht«, so die Diplom-Psychologin. Einfach mal in ein anderes als das Stammkaffeehaus gehen. Bei der Kleidung nicht immer zu denselben Farben greifen. Im Restaurant etwas bestellen, was man noch nie gegessen hat. Wer im Kleinen mutig neue Wege geht, wird bei großen Schritten, die er machen muss, mehr Vertrauen in das eigene Handeln haben. »Der Mut kommt mit vielen Erfahrungen«, sagt Schirl. Und so wächst ein kleiner Mut zu einem großen heran.

Wer mutig ist, trifft Entscheidungen und setzt sich auch für sie ein.

Oft steht uns auch unser eigener Perfektionismus im Weg und macht uns zu Memmen. »Wer immer wartet, bis die Bedingungen perfekt sind, oder von sich selbst verlangt, sein Ziel genau zu kennen, wird keinen Schritt weiterkommen«, macht Christa Schirl »Mut zu neuen Fehlern«. Und sie rät, ein mögliches Scheitern positiv zu sehen. Sei es doch einfach ein Zeichen dafür, dass man etwas gewagt hat. Und nur wer etwas wagt, kann auch gewinnen. Wer nichts wagt, hat schon verloren. Vielleicht sei Mut einfach zu akzeptieren, dass das Leben beides ist: Gelingen u n d Scheitern. »Es ist mein Lebensrecht, Dinge auszuprobieren!«, lautet der Satz, den die Psychologin jedem am liebsten auf den Badezimmerspiegel schreiben würde. Und gerade Frauen hätten mit ihrer starken und meist guten Intuition eine wunderbare Quelle, aus der sie Mut für neue Wege schöpfen können, meint Schirl. »Wir sollten lernen, wieder stärker auf unsere innere Stimme zu hören. Vielleicht mag manche Idee, die einem da kommt, zuerst komisch erscheinen. Aber wenn uns etwas in uns sagt: ‚Tu das!‘, dann sollten wir uns darin auch mutig vertrauen.«

Für etwas mehr wagenden kindlichen Übermut plädiert auch der Berliner Volkswirt und Unternehmensberater Günter F. Gross, Autor des Buches »Mut und Entschlossenheit. Die Multiplikatoren des Erfolgs«. Für ihn liegt der Schlüssel zum Mut vor allem im positiven Denken und aktiven Handeln. »Verzichten Sie auf negative Kommentare: Was für ein schöner Tag! Ja, aber morgen soll es wieder schlechter werden! An kaum einem anderen Kommentar lässt sich besser zeigen, wie wenig die meisten Menschen in der Lage sind, sich am gegenwärtigen Positiven zu erfreuen, und wie stark sie gedanklich bereits verknüpft sind mit dem Negativen, das vielleicht kommen könnte. Sie sind unfähig, gelassen und erfreut in der Gegenwart zu leben und damit unfähig, überhaupt zu leben. Sie befinden sich im Wartestand. Sie warten ständig auf die kommende Verschlechterung und kündigen diese während der Wartezeit auch noch an. Absurd!« Gerade ein fröhlicher Übermut könne uns helfen, zu innerer Stärke und echtem Mut zu finden, meint Gross: »Mit jeder übermütigen Bemerkung oder Aktion verlassen Sie das Territorium der Bedrohung. In der Zeit des Übermuts sind Sie immun gegenüber jedem Bedrohungsgefühl. Die Insel des Übermuts ist weit entfernt vom Festland der Besorgtheit und Gefährdung.«

Das Mut-Hormon

Versuche an Küken wollen es bewiesen haben: Testosteron macht mutig! Forscher der Universität Wien haben herausgefunden, dass Küken umso kecker, neugieriger und dominanter sind, je mehr Testosteron die Mutterhenne in das Ei abgegeben hat. Aus Eiern mit weniger Testosteron schlüpften dagegen ängstlichere und kontaktscheuere Küken. Auch von Mäusen oder Pferden weiß man, dass ein hoher Testosteronspiegel Imponiergehabe und Kampfwillen stärkt. Doch lassen sich diese Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen. Männer sind also nicht automatisch mutiger als Frauen. Eine Studie der Universitäten Zürich und London an Frauen kam zu dem Ergebnis, dass die einmalige Gabe von Testosteron vor allem mehr Fairness bewirkte. Die Forscher erklären dies damit, dass rücksichtsloses und aggressives Verhalten im sozialen Umfeld des Menschen zu Nachteilen führt, faires und soziales Verhalten dagegen den Status fördert. Die Studie zeigte zudem, dass alleine der Glaube an die vermeintlich aggressionssteigernde Wirkung des Testosterons das Verhalten beeinflusst. Teilnehmerinnen, die nur ein Placebo erhalten hatten, handelten dem vorauseilenden Ruf des Hormons entsprechend egoistischer und risikobereiter.