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Was Maschinen alles können
Immer mehr Dinge werden „smart“, also klug. Sie hören, fühlen, sehen, sprechen und denken mit. Sie helfen im Alltag und werden unser Leben stark verändern. Ein Blick in die Zukunft.

Mit einem leichten Klicken schließt sich das Armband. Mae Holland kann die Augen gar nicht abwenden, so schön findet sie diesen dünnen, silbernen Reif, auf dem bunte Punkte und Zahlen magisch leuchten. Ihren Herzschlag sieht sie in Form einer kleinen Rose auf- und abpulsieren. „Und das ist kostenlos?“, fragt sie. „Natürlich“, antwortet Dr. Vela Lobos, „es ist Teil der Gesundheitsvorsorge in unserer Firma.“ Das Armband, das Mae nicht mehr ablegen wird, misst mittels eines Sensors den Puls und die Blutwerte, die tägliche Kalorienzufuhr und die Schlafqualität, die Körpertemperatur und den Stresslevel, und alle diese Daten sind auch gesammelt auf einem Computer abzulesen.

Wenn jetzt im April mit viel Werbegetöse die neue Apple-Uhr auf den Markt kommt, wird sie weniger können als der unheimlich wissende Armreif, der im Zukunftsroman „Der Circle“ von Dave Eggers beschrieben ist. Aber ganz so weit weg ist die Apple­-Uhr nicht, denn sie ist ein kleiner Computer am Handgelenk, über den man nicht nur die Zeit erfährt, sondern E-Mails nachschauen, telefonieren, aber auch Fitnessdaten messen und versenden kann. Und natürlich sieht sie unglaublich chic aus. 

50_intelligentes-design_03 KLEINKLUGE DINGE
Immer mehr Dinge werden „smart“, also klug. Es hat langsam angefangen, aber richtig begreifbar, was gerade passiert, machen erst die potenten Mobiltelefone, die ja sinnigerweise Smartphones heißen, weil sie alles wissen und so viel können. Die neuen Dinge besitzen Sensoren, sie können also fühlen, Geräusche, Temperaturen, Farben, Sprache, Berührung aufnehmen und als Daten messen. An sich sind Sensoren selbst nicht klug. „Smart“ wird die Sache erst, wenn das Gemessene in digitale Signale umgewandelt und an einen Mikrochip, also einen mehr oder weniger großen Computer, weitergegeben wird, der die Daten auswerten und interpretieren kann. Jetzt beginnen die Gegenstände zu kommunizieren, und sie reagieren, je nachdem, wie sie programmiert sind, auf ihre Umwelt. Sie geben Feedback. Der Sicherheitsgurt piept, wenn man nicht angeschnallt ist. Der Computer beschwert sich bei Rechtschreibfehlern oder wenn man vergisst, ihn mit Updates zu füttern. Der Fotoapparat stellt die Linse automatisch scharf und blockiert die Auslösefunktion, wenn man zu nahe dran ist am Objekt.

WO STECKT DER HUND?
Mittlerweile bauen Hersteller die digitale Technik mehr oder weniger ausgetüftelt in alles Mögliche ein. Die Trends mit allem dazugehörigen Sinn und Unsinn zeigt jährlich die große „Consumer Electronics Show“ in Los Angeles. Heuer wurden dort zum Beispiel smarte Zahnbürsten vorgestellt, die messen, wie lange und wie gründlich man die Zähne geputzt hat, smarte Babyflaschen, die kon­trollieren, wie viel und wie schnell der Säugling trinkt, smarte Blumentöpfe, die – über eine App gesteuert – die Pflanzenpflege übernehmen, smarte Gürtel, die verraten, ob und um wie viel sich der Bauchumfang verändert hat. Es gibt auch kluge Hundehalsbänder, die dem ­Smartphone melden, wohin sich der geliebte Vierbeiner verlaufen hat. Das könnte nützlich sein. Doch braucht man das alles? Viele dieser Gadgets (technischen Spielzeuge) landen vermutlich irgendwann auf dem Müll, denn dass man zugenommen hat, zeigt der Gürtel auch ohne digitale Technik.

ASSISTENTEN FÜRS ALTER
Aber ein großer Teil der digitalisierten Dinge wird uns im Alltag auch helfen. Weil wir eine alternde Gesellschaft sind, wird derzeit intensiv an sogenannten „intelligenten Assistenzsystemen“ gearbeitet, die ermöglichen sollen, auch mit Gebrechen und im hohen Alter noch zu Hause zu leben. Das Konzept heißt „Ambient Assistant Living“ (AAL), also in etwa „umgebend assistiertes Leben“, und soll Mobilität fördern und den Kontakt zur Außenwelt – und eben zu Angehörigen oder Pflegestationen – sicherstellen. So entwickelt zum Beispiel das Fraunhofer-Institut Hilfs- und Kommunikationsroboter (siehe Kasten). Es geht aber auch einfacher: Die Firma „Future Shape“ beispielsweise stellt Sensormatten her, die Bewegung genau erkennen, einordnen und bei eventuellen Stürzen einen Pflegedienst oder die Angehörigen informieren können. In Japan, wo man in Sachen assistierten Lebens schon viel weiter ist, soll es sogar Toilettensitze geben, die den Blutdruck messen. „Wichtig für die Verwendung all dieser Systeme ist aber der Umgang mit einem Tablet-Computer oder einem Smartphone“, sagt Martina Braun, Projektmitarbeiterin am deutschen Kompetenzzentrum FAST („Forschung für intelligente Assistenzsysteme und -technologien) der Hochschule Niederrhein, wo man sich mit der Markteinführung von intelligenten Assistenztechnologien befasst.

BETT MISST SCHLAF
Der Elektroingenieur Andreas Kitzig arbeitet bei derselben Hochschule an der Entwicklung eines intelligenten Pflegebettes. Anhand von Bewegungssensoren, die in den Bettpfosten versteckt sind, misst dieses Bett die Qualität des Schlafes. Es erkennt, wie oft die Person in ihm aufwacht, kann auch feststellen, ob der Atemrhythmus gleichmäßig verläuft oder eine nächtliche Apnoe (kurzer Atemstillstand) eintritt. Mittels einer USB-Verbindung können die Daten auf einen Computer gespielt und an einen ambulanten oder stationären Pflegedienst weitergeleitet werden.

„Wenn wir solche Systeme entwickeln, geht es uns nicht darum, die Pflege den Automaten zu überlassen“, betont Andreas Kitzig nachdrücklich. Die Assistenzsysteme sollen die zu Pflegenden und das Pflegepersonal unterstützen und entlasten, indem sie Messvorgänge übernehmen und mit kontinuierlichen Informationen die Qualität der Pflege verbessern. 

DAS HAUS WEISS BESCHEID
Die klugen Dinge werden unser Leben stark verändern, und den Zukunftsvisionen sind keine Grenzen gesetzt. In vielen hochpreisigen Produkten sind heute schon kleine bis größere Assistenten eingebaut, in Autos ganz selbstverständlich, aber auch in Küchenelementen. So weiß ein moderner Induktionsherd nicht etwa nur, ob ein Topf auf der Platte steht, sondern die zugehörige Dunstabzugshaube erkennt auch, ob da etwas anbrennt, und stellt den Herd gegebenenfalls automatisch ab. Die klugen Dinge kommunizieren nicht nur mit uns, sondern auch untereinander und sind online: Das nennt man „Internet der Dinge“. Das Thermostat „Nest“ zum Beispiel beachtet nicht nur die eingegebene Temperatur, es erkennt auch, ob jemand im Raum ist, und stellt sich automatisch auf Wettervorhersagen ein, die es aus dem Internet abruft. In Zukunft, so stellen sich die VisionärInnen das vor, müssen wir den Haushaltsgeräten gar nicht mehr sagen, was sie tun sollen, sie wissen das selbst. Der Kühlschrank wird dann dem Smartphone – und gegebenenfalls dem Lebensmittelhändler – gleich mitteilen, was eingekauft werden muss. Im Internetmagazin „Upload“ beschreibt der Journalist Jan Tißler das Haus der Zukunft so: „Es könnte sich automatisch abschließen, wenn niemand mehr da ist. Fenster gehen zu, bevor der Regenschauer kommt. Das Licht geht an und Jalousien werden nach oben gefahren, sobald man aufsteht.“ Die Dinge werden spüren, was wir tun, und sich dementsprechend verhalten. Das Haus der Zukunft lässt sich über das Smartphone fernsteuern – wunderbar für Menschen, die immer fürchten, sie hätten die Haustür nicht abgeschlossen oder den Herd angelassen.

48_auto_04 KLEINSICHERE DATEN?
Natürlich hat die schöne neue Welt auch einige Haken. Zunächst einmal wäre da der Preis, denn viele der wirklich guten intelligenten Dinge, egal ob es sich um Lifestyle- oder Gesundheitsprodukte handelt, kosten eine Menge Geld. Die Hightechküche, das smarte Haus, die großzügig ausgelegten Sensormatten wird sich nicht jeder leisten können, auch wenn sie mit der Zeit billiger produziert werden.

Sehr weitreichende Konsequenzen wird es aber auch haben, dass die klugen Dinge – und nicht nur sie – vieles über uns wissen und alle Informationen sammeln. Wollen wir aber auf Schritt und Tritt beobachtet und vermessen werden? Und sind Messdaten als Informationen wirklich so wichtig und aussagekräftig? Wer wird welche Schlüsse aus diesen Daten ziehen? 

„Wer sich helfen lassen will, muss etwas von sich preisgeben“, meint Martina Braun von FAST. Das ist richtig, und wir müssen vertrauen, dass sorgfältige Datenschutzrichtlinien beschlossen und auch eingehalten werden. Dennoch klingt der Satz von Martina Braun auch ein bisschen nach Dr. Vela Lobos aus dem anfangs zitierten Roman „Der Circle“. „Um zu heilen, müssen wir wissen“, raunt die Ärztin Mae Holland zu, die immer mehr in den Bann ihrer Firma gerät und schließlich zwischen Überwachung und Freiheit nicht mehr unterscheiden kann. 

NOCH EIN HAKEN
Ach ja, und dann kommt noch ein Haken hinzu, denn jede technische Neuerung macht die Welt an einer Stelle zwar leichter, an einer anderen dafür aber auch komplizierter. Das ist schon fast ein Gesetz. Wir geben den smarten Dingen eine Menge Macht. Vermutlich werden wir uns irgendwann mehr nach ihnen richten als sie sich nach uns. Wir werden unser Verhalten anpassen. Aber was geschieht, wenn die Sensortürklingel meinen Fingerabdruck nicht mehr erkennt? Was, wenn der Strom ausfällt oder keine Internetverbindung besteht? Was ist, wenn der Wagen bremst, obwohl ich Gas geben möchte? Mit der automatischen Bremsfunktion, die einsetzt, sobald etwas vor der Kühlerhaube auftaucht, lässt sich kein James-Bond-Film mehr drehen. Zumindest müsste man wissen, wie sich die smarten Assistenten zur Not auch wieder abstellen lassen.

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 04/15 – von Andrea Roedig