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Was nährt die Seele?
Für kein Fest wird mehr Aufwand betrieben als für Weihnachten. Trotzdem ist bei vielen Menschen nach der Feier das Gefühl der Leere größer als das der Erfüllung. Warum? Es wird dringender, eine Antwort zu finden.

Keine Zeit des Jahres ist religiös so aufgeladen wie der Advent mit dem Weihnachtsfest im Gefolge. Nirgends sonst wird so viel Rummel um etwas gemacht, was in seiner Bedeutung doch für immer mehr Menschen diffus bleibt. Das ist nicht neu. Seit Jahrzehnten sehen wir, dass Traditionen als markttaugliche Versatzstücke nach Belieben verwendet werden. Nichts gibt es, was den GeschäftemacherInnen heilig wäre. Die Weihnachtskrippe im Shoppingcenter inklusive des lebenden Ochsen und des Streichelesels regt niemanden mehr auf, die heiligen Zeiten genießen keinen Patentschutz, und das Jesuskindlein passt in den kitschigen Gefühlszinnober, den man rundum anrührt. So weit, so bekannt. Das Christentum und seine Konfessionen haben früher einmal für die Inhalte gesorgt und auch mit ihren Traditionen für einen Rhythmus der Stille und der Feste. Vorbei. So stehen wir nun ratlos da. Nichts, was die Seele berührt, wenn endlich das Weihnachtsfest da ist. Langsam dämmert uns, dass die Zeiten der Vorbereitung auf ein Fest auch wichtig sind. Seltsam. Wenn es um das Essen geht, wissen wir, wie es geht. Fasten boomt richtiggehend. Wir wissen, dass Gutes nur schmeckt, wenn wir es in Maßen und nicht immer haben. Wir wissen, dass wir uns gelegentlich entlasten müssen, weniger zu uns nehmen, damit der Organismus sich wieder orientieren kann.

Ist es nicht mit der Seele genauso? Sie ist natürlich im wahrsten Sinne des Wortes ein „Unding“. Man kann sie nicht wie den Darm oder die Leber dingfest machen und chemisch in alle Richtungen analysieren, röntgen oder medikamentös aufpäppeln. Deswegen wird die Existenz der Seele auch von vielen bestritten, von anderen wieder allzu konkret beschrieben. „Vier Gramm ist sie schwer“, sagte mir eine alte Dame einmal. Als ihr Mann gestorben war, habe sich dessen Seele ob ihres Leichtgewichts daher auch nur mit einem leisen Hauch verabschiedet. Die Seele ist unkonkret und doch da. Als eine Art Wahrnehmung unserer selbst im Austausch mit der Welt, die mehr ist als die uns umgebende Materie. Die Seele hebt sich aus Zeit und Raum. Wir meinen damit, dass Zeit und Raum unsere Wahrnehmung bedingen, nicht aber unsere Möglichkeiten.

Religionen haben in unserer Geschichte als Menschen die Aufgabe, uns in Zeiten und Räumen zu verorten, unserer Seele ein Obdach zu geben, wie es bei den MystikerInnen so schön heißt. Auch wenn die religiösen Erzählungen immer wieder als zeitgeschichtliche, historische Dokumente gelesen werden, sind sie doch vielmehr eine Art Literatur. Dichtung, die mit Bildern, Geschichten und in einer poetischen Sprache vom Leben redet. Das tut auch die Weihnachtsgeschichte mit dem Kind in der Krippe, den Engeln, die lobpreisen, und den Hirten, die klüger als die Reichen dem Stern am Himmel folgen. Wir reagieren darauf, weil unsere Seele weiß, dass es diese Erfahrungen gibt, zumindest aber hat sie Sehnsucht danach.

Die religiösen Traditionen bieten der Seele konkrete Zeiten, Räume und Rituale, um sich in die größere Weite des Seins einzuüben. Der Advent mit seinen äußeren Beschränkungen machte schon Sinn. Keine Tanzunterhaltungen, wenig aufwendige Nahrung, viele Ruhezeiten im Gebet, im Singen oder Schweigen. Das beständige Wiederholen, jedes Jahr wieder, nicht alleine, sondern in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten, erinnerte an den Glanz, der auf uns liegt.

Viele haben sich von der Macht der christlichen Kirchen oder von einer Moral, die sie nicht mehr gutheißen, verabschiedet. Das ist schon gut so. Aber was nährt die Seele, wenn die Poesie der Religion wegfällt? Wird der blanke Realismus unseren Sehnsüchten gerecht? Welche Ersatzkulte pflegen wir, weil uns Religion sogar peinlich geworden ist? Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für den Vorrat an Geschichten, Liedern, Bildern, die ich durch die dauernde religiöse Übung – oft nur widerwillig mitgemacht – in meiner Kindheit und Jugend mitbekommen habe. Ich habe das Gefühl, dass es da eine Heimat gibt, die mich bis heute nährt. Mich und meine Seele. Da kommen weder materielle Sicherheiten noch politische Gewissheiten heran. Langsam nähere ich mich dem wieder an. Vielleicht reicht es fürs Erste, im heurigen Advent wegzulassen, was die Seele ganz gewiss nicht nährt, dem nachzuspüren und vielleicht dann ganz leise das eine oder andere Adventlied zu probieren? Was sagt die Seele dazu?

Christine Haiden meint, es werde Zeit, die nährenden Töpfe der großen Traditionen des Christentums wieder zu öffnen.

Ersatzkulte statt Bindung

  • In den Niederlanden wurde bei einer Umfrage vor einiger Zeit eine neue Zuordnung angeboten: „Multi Religious Belonging“. Wer das ankreuzt, fühlt sich in verschiedenen religiösen Kulturen und Traditionen daheim. Ist das ein Ausweg aus der konfessionellen Bindung oder bloß eine Heimat ohne Tiefgang?
  • Religionen – beziehungsweise was sie vermitteln wollen – leben von beständiger Übung und Wiederholung. So wie räumliche Heimat davon lebt, Wege blind gehen zu können und Ruhe im Vertrauten zu finden. Konfessionalität spielt für die Tragfähigkeit des Glaubens vermutlich weniger eine Rolle als die beständige Übung. Nach allen Umfragen wird aber gerade die Einübung ins Ritual heute immer geringer.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at