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Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er – oder sie – was erzählen. Hier berichten Frauen vom Unterwegssein, von Mut und Fremdheit, von Fernweh und Heimweh und von denen, die sie auf ihren Reisen begleiten.

Literatur & Fremde

Die österreichischen Schriftstellerinnen Anna Kim und Valerie Fritsch zieht es an entlegene Orte. Reisen und Schreiben ist für sie untrennbar miteinander verbunden.

Schon als Kind, sagt Anna Kim, habe sie ständig Sehnsucht danach gehabt, aufzubrechen. „Der Impuls zu reisen ist für mich immer da.“ Seither hat die 35-jährige Schriftstellerin, die als Shootingstar der jungen österreichischen Literatur gilt, das Reisen zu ihrem Existenzkonzept gemacht und die Fremde zu ihrer natürlichen Umgebung. Die Fremde ist der Ort, „an den ich hingehöre“, hat Anna Kim einmal geschrieben. Vielleicht habe sie damit auch einfach aus dem, was ohnehin der Fall war, eine Tugend gemacht. „Ich sehe ja nicht wie eine typische Europäerin aus“, sagt die Tochter südkoreanischer Eltern, die seit ihrer frühen Kindheit in Wien lebt, „und werde sowieso immer für eine fremde Person gehalten.“

Geht sie in Wien, wo sie aufgewachsen ist und studiert hat, durch die Straßen, begegnet man ihr sehr oft wie einer Touristin. Sogar in Korea, der Heimat ihrer Eltern, glaubt man, sie sei eine Reisende aus Japan. „Ich war offenbar immer schon Touristin und werde es immer sein“, sagt Anna Kim. Sie sagt es ohne großes Bedauern. Es ist einfach so. Außerdem passt die stetige Sehnsucht nach Aufbruch, die Anna Kim umtreibt, gut zu ihrer Art des Schreibens. „Wenn man schreibt, dann muss man sich immer ein bisschen von dem, worüber man schreibt, distanzieren. Das macht es fast unmöglich, heimisch zu sein. Ich habe für mich das Gefühl, dass Schreiben und Bleibenkönnen überhaupt nicht zusammenpassen.“

Dieser Frau an der Gabelung der Geleise ist Valerie Fritsch im Jahr 2011 in Fianarantsoa auf Madagaskar begegnet.

KARG, WEIT, EISIG, BAUMFREI
Also bricht Anna Kim, die gerade ein paar Monate in Berlin verbringt, ein ums andere Mal auf, und alle ihre Bücher, Essays und Geschichten sind bisher in Zusammenhang mit Reisen entstanden. Etwa ihr Buch „Die gefrorene Zeit“ (2008) über die traumatisierenden Folgen des Jugoslawienkrieges, für das sie lange im Kosovo recherchiert und den Europäischen Literaturpreis 2012 erhalten hat. Oder ihr Roman „Anatomie einer Nacht“ (2012) über eine unheimliche Anhäufung von Selbstmorden unter grönländischen Jugendlichen, für den Anna Kim zwei Mal für sechs Wochen auf die riesige Insel im Polarmeer gereist ist. Die Auseinandersetzung mit Armut und Gewalt, mit Ziellosigkeit und Lebensmüdigkeit, die der dänische Kolonialismus den einheimischen Inuit auf Grönland als Erbe hinterlassen hat, wurde für Anna Kim auch zur Beschäftigung mit ihrer eigenen Identität und dem Fremdsein.

Entfremdung und zerbrochene Lebensläufe, Erinnerung und Einsamkeit, Verlust und Trauer – das sind schon seit ihrer frühen Novelle „Die Bilderspur“ aus dem Jahr 2004 Anna Kims zentrale Themen. Der Norden, sagt sie, vor allem aber Grönland sei für sie eine Sehnsuchtslandschaft – karg, weit, eisig, baumfrei, „die bizarrste, seltsamste Landschaft, die ich je gesehen habe, fast außerirdisch“. Der bedrohliche Zauber des ewigen Eises nahm sie gefangen. „Diese Landschaft gibt mir das Gefühl, eigentlich nicht mehr zu existieren. Im Norden habe ich das ganz starke Gefühl einer vollkommenen Auflösung. Das ist eigentlich sehr angenehm.“

Anna Kim zieht es an Orte, über die man wenig weiß, über die wenig gesprochen wird. „Es ist ein Abenteuer, sie zu entdecken, weil es viele Unsicherheiten gibt“, sagt sie. Das Wort Abenteuer ist ein Begriff, mit dem man auch eine andere junge österreichische Schriftstellerin jederzeit locken kann: die Grazerin Valerie Fritsch, Jahrgang 1989. Sechs bis sieben Monate im Jahr ist die Autorin und Fotografin, die auch für Theater und Film schreibt, auf Reisen. „Direkt nachdem ich 18 geworden bin, habe ich beschlossen: Man sollte Bücher schreiben und die Welt bereisen. So sollte es sein.“ Ihr Ziel ist, wie sie selbst sagt, „total unbescheiden“: „Ich möchte gern die ganze Welt bereisen.“

Der Blick auf den Fujiyama oder auf asiatische Reisfelder bleibt im Gedächtnis. Die Fotos vom gestrandeten Boot auf Madagaskar und die Lampions in Vietnam stammen von Valerie Fritsch.

WÜSTEN, STEPPEN, PIONIERGEIST
Ihr zweites, 2012 erschienenes Buch „Die Welt ist meine Innerei“ legt beredtes Zeugnis davon ab, wie weit Valerie Fritsch damit schon gekommen ist: Berlin und Amsterdam, Äthiopien und Madagaskar, Peru und Kuba, Russland, Vietnam, Thailand, Malaysia, Bangladesch und Dubai sind darin die Orte, aus denen sie sehnsuchtsvolle Reisebriefe an einen „Liebsten“ schickt. Dazu versammelt der Band auch eine Auswahl von Fritschs Reisefotos, die das Unterwegssein als lustvoll-melancholische Schule des Schauens dokumentieren. „Je mehr ich sehe, desto mehr möchte ich sehen“, heißt es darin – und weiter: „Irgendwo zwischen all den Erfahrungen bin ich vielleicht mehr Humanist und Abenteurer geworden.“

Wie Anna Kim liebt Valerie Fritsch Landschaften, die sehr weit sind, Wüsten und Steppen vor allem – „alles, was einem unverbindliche Informationen über die Unendlichkeit gibt“, sagt sie. Sie reist stets mit wenig Gepäck, meistens allein und „ganz flexibel für das, was einem begegnet“. Ein bisschen Pioniergeist gehöre schon dazu, sagt sie. Ihre Reisen rückten ihr meist sehr nah, und recht abenteuerlich werde es mitunter auch: „Manchmal reitet man durch Hochländer oder entdeckt, dass der Mann, der neben einem im Auto sitzt, ein Drogenkurier ist“. Die Notizen fürs Schreiben entstehen unterwegs – immer dann, wenn sie irgendwo auf die Weiterreise oder die nächste Mitfahrgelegenheit warten muss. „Ich denke, man könnte Reisen und Schreiben voneinander trennen, aber ich glaube nicht, dass ich das möchte.“

Es gibt da einen Widerspruch, über den sich Valerie Fritsch im Klaren ist: Das Bedauern übers Alleinunterwegs- Sein bei gleichzeitiger Gewissheit, dass es so doch am besten ist. „Das Schreiben ist auch ein bisschen ein Trost dafür, dass man alleine reist und die Erfahrungen, die man macht, nicht teilt. Ich möchte meine Erfahrungen im Nachhinein für andere teilbar machen. Ich möchte die ganze Welt an jemanden adressieren.“ Und möglichst viel davon sehen. Die Sehnsucht nach neuen Zielen ist ständig da. Valerie Fritsch nächstes Ziel ist Kirgisistan. Hat sie unterwegs auch Angst? „Ich habe ein extrem großes Urvertrauen und bin der Angst glücklicherweise noch nie begegnet – trotz heulender Wölfe, plötzlich auftauchender Mafiosi oder an die Tür pochender Freier.“

Anna Kim: Anatomie einer Nacht.
Suhrkamp, 303 Seiten, Euro 20,50
Eine Nacht mit einer unheimlichen Anhäufung von Selbstmorden unter Jugendlichen an der ostgrönländischen Küste ist Anlass für einen Roman über Entfremdung und Identitätssuche.

Valerie Fritsch: Die Welt ist meine Innerei. Septime Verlag, 200 Seiten, Euro 24,90 Berlin, Äthiopien, Peru, Kuba, Russland, Vietnam und Dubai sind alles Orte, aus denen Valerie Fritsch ihre sehnsuchtsvollen Reisebriefe an einen „Liebsten“ schickt.

 

 

Reiseglossar


Anfänge
Reisen lüften den Kopf aus. Deshalb werden sie oft zum Auslöser für neue, ganz andere Abenteuer. In dieser Anthologie erzählen Frauen von Weggabelungen des Lebens, die mit einer Reise anfingen. Katja Büllmann: Mit einer Reise fing alles an. Frauen erzählen. Piper, 270 Seiten, Euro 9,30

 

 

 

Auf dem Sofa
Wem es auf Reisen um rasche Kontakte zu Einheimischen und Einblicke in die Alltagskultur eines Landes geht, der ist bei Gastfreundschaftsund Übernachtungsnetzwerken wie „Couchsurfing“ oder „Hospitality Club“ richtig. Die NutzerInnen verwenden die Onlineplattformen, um kostenlose Schlafplätze zu suchen oder anzubieten. 2003 gegründet, zählte das vor allem von Rucksackreisenden genutzte US-Portal „Couchsurfing“ zuletzt weltweit über 4,8 Millionen Mitglieder. www.couchsurfing.org www.hospitalityclub.org


Klassiker
Ein paar Klassiker weiblicher Reise- und Abenteuerliteratur sind Annemarie Schwarzenbachs „Winter in Vorderasien“, Lenos Verlag, 171 Seiten, Euro 15,30. Ella Maillarts „Verbotene Reise“, Lenos Verlag, 319 Seiten, Euro 10,20

 

 

 

Maria Sibylla Merian
Es war eine unglaubliche Lebensgeschichte für eine deutsche Frau des 17. Jahrhunderts: Als Kind begann Merian (1647-1717) die Natur zu erforschen. Sie wurde zu einer bekannten Malerin, verließ ihren Mann und brach zum großen Abenteuer ihres Lebens auf: einer zweijährigen Reise nach Surinam, aus der ihr berühmtestes Buch entstand, „Metamorphosis insectorum Surinamensium“- ein Prachtband über Flora und Insekten des südamerikanischen Tropenparadieses. Maria Sibylla Merian. Hrsg. Kurt Wettengl. Hatje Cantz Verlag, 274 Seiten, Euro 20,50


Solo
Das Abenteuerliche einer Reise kann auch darin bestehen, alleine aufzubrechen und unterwegs zu sein. 29 Frauen, die meisten von ihnen Reisejournalistinnen, berichten von den Wagnissen und lohnenden Aspekten des Alleinreisens als Frau. Eins wird dabei klar: Alleinreisen ist hundertmal mehr als ein Mangel an Alternativen. I. Emerick, F. Colon u. C. Henry De Tessan: Solotour. National Geographic Tb., 381 Seiten, Euro 13,30

 

 

Wandern
Sich die Welt auf die schönste Weise ergehen kann man mit dem Reiseprogramm von „Weltweitwandern“. Der Grazer Veranstalter bietet Wander- und Trekkingreisen in aller Herren Länder an und zeichnet sich vor allem durch den nachhaltigen, sozial verantwortlichen und respektvollen Umgang mit einheimischen Kooperationspartnern aus. www.weltweitwandern.at

Wüstensucherin
Die Wüste, der Islam und die arabische Kultur faszinierten Isabelle Eberhardt (1877-1904). Als Mann verkleidet drang die Schweizerin an Orte vor, die vor ihr kaum ein Europäer gesehen hatte. Eberhardts früher Tod passte zu ihrem eigensinnigen Leben: Sie ertrank in der Wüste. Ihre Reiseschriften gehören zum Schönsten, was je über die unstillbare Sehnsucht nach dem Unterwegssein, die Zerrissenheit des dauerreisenden Menschen geschrieben wurde. Ihre in den zwei Bänden „Sandmeere 1“ und „Sandmeere 2“ zusammengefassten Texte sind derzeit im Buchhandel vergriffen, antiquarisch aber zu bekommen z.B. über www.eurobuch.com

Entdeckungsreisen
Der Erfolg von Entdeckungsreisen in die entlegensten Gebiete der Welt steht und fällt mit der Qualität der Reisevorbereitungen. Wie man’s macht, kann man zum Beispiel auf dem jährlichen „Expedition Planning Weekend“ der britischen Royal Geographical Society (RGS) erfahren, wo man außerdem Kontakt zu berühmten EntdeckerInnen, ForscherInnen und AbenteurerInnen aufnehmen kann. Einmal abgesehen davon, dass der Besuch des historischen RGSGebäudes im Zentrum von London ein Ausflug in die Zeit britischer Entdeckungsreisen ist. „Explore 2013. The annual RGS-IGB expedition and fieldwork planning weekend“, 15.-17.11.2013, Info: www.rgs.org

Omas wunderbare Orte

Als Jugendliche fühlte sich Julia Unterrainer auf Reisen von ihrer Großmutter gut beschützt. Heute sind die beiden immer noch gemeinsam unterwegs, mit anders verteilten Rollen. Fotos: Claudia Stockinger, privat

Wenn Julia Unterrainer über die Reisen nachdenkt, die sie in ihrem Leben gemacht hat, dann landet sie in Gedanken ganz schnell bei ihrer Großmutter mütterlicherseits. Die Oma war es, erzählt die 38-Jährige, die sie auf den Geschmack des Unterwegsseins gebracht hat und mit der sie als Kind und Jugendliche ihre ersten tollen Reisen unternommen hat. Die Großmutter packte ihre Enkelin Julia ein, meist auch deren Schwester und Mutter, und die vier Frauen brachen auf, um die Gärten der Atlantikinsel Madeira zu bestau- Omas wunderbare Orte nen, in Madrid und Barcelona Kirchen und Museen zu besuchen oder – das kam am häufigsten vor – mit dem Auto kreuz und quer durch Italien, Slowenien oder Kroatien zu fahren.

Ständig förderte ihre Großmutter aus dem unerschöpflich scheinenden Schatz ihres Wissens Interessantes zutage, erzählte über Kirchen, Schlösser und Gemälde, sprach erstklassig Italienisch, kam auch auf Spanisch bestens über die Runden, machte Scherze, lachte viel und gern, trug große Hüte zu weit ausschwingenden Mänteln und kam pausenlos mit Gott und der Welt ins Gespräch. „Mit ihr zu reisen war immer irgendwie ein Abenteuer, aber eines, bei dem ich mich extrem beschützt gefühlt habe, weil sie so selbstbewusst war.“

Julia Unterrainer (3.v.li.), ihre Großmutter (2.v.li.), ihre Schwester und Mutter während einer Motorschlittenfahrt durch die isländische Schneelandschaft.

Nichts kam Julia Unterrainer normaler vor als diese Art des spontanen, wissbegierigen, gut gelaunten Reisens
voller unvorhergesehener Ereignisse und neuer Bekanntschaften. Sie sagt, sie habe dabei viel gelernt, vor allem „das Interesse an Dingen, die man sich ohne Scheu anschaut und dabei das Andersartige nicht als bedrohlich empfindet, sondern als schön und als interessant genug, um sich darauf einzulassen“.

ETWAS ZURÜCKGEBEN
Inzwischen ist Julia Unterrainers Großmutter 92. Sie ist seit Jahren fast blind, bewegt sich schwer und kann nicht mehr alleine reisen. Also beschlossen ihre Enkelinnen irgendwann, es sei an der Zeit, ihr etwas von dem zurückzugeben, was sie ihnen früher ermöglicht hatte. Jetzt reisen sie mit ihr – „an Orte, die die Oma immer schon einmal besuchen wollte, oder an Orte, wo wir auf ihren Spuren wandeln, weil sie in den 1950er-Jahren dort war und schöne Erinnerungen hat“. An die Amalfiküste etwa, in südenglische Gärten oder entlang der Loire von Schloss zu Schloss und weiter in die Bretagne. Die Großmutter wünschte sich auch Island. Sie hatte viel darüber gelesen. Also fuhren sie mit ihr dorthin. „Da war sie 88 und ist auf einem Motorschlitten über die Gletscherlandschaft gefahren.“

Julia Unterrainer sagt, sie erlebe die jetzigen Reisen mit ihrer Großmutter erst recht als Abenteuer. „Dadurch, dass sie sehr wenig sieht, beschreiben wir ihr immer alles, was wir sehen. Wir geben ihr Dinge in die Hand, lassen sie viel kosten und angreifen. Das Spannende ist, dass das drei Ebenen der Wahrnehmung ergibt: einmal unsere eigene Wahrnehmung, dann, wie wir sie der Oma beschreiben, und schließlich das, was von ihr zurückkommt.“ Weil ihre Großmutter sehr alt ist, ist auch das Reisetempo langsamer geworden. „Dadurch wird alles noch intensiver“, sagt Julia Unterrainer, „und ich nehme viele Dinge durch die Oma ganz anders wahr.“

Seit Kurzem wohnt Julia Unterrainer, die eigentlich Wienerin ist, in Vorarlberg. Das hat sie auf die Idee zu einer nächsten Reise mit ihrer Großmutter gebracht: Friedrichshafen am Bodensee, Zeppelinfahrt inklusive. „Die Oma war in den 1930er-Jahren als Zwölfjährige am Bodensee, als hier viele Luftfahrtschiffe gebaut wurden. Das hat sie damals sehr beeindruckt.“ Außerdem: Wer mit 88 Motorschlitten fährt, lässt sich natürlich auch mit 92 nicht davon abhalten, in einen Zeppelin zu steigen.

Los geht’s, Baby!

Michaela Simons ist immer viel gereist. Ihre erste Fahrt mit Baby plante sie, als hätte sie einfach nur ein Gepäckstück mehr dabei. Das Kind lehrte sie anderes. Fotos: Alexandra Grill, privat, shutterstock.com

Das Geschenk war von ihrem Freund, es lag unterm Christbaum und kam einigermaßen unerwartet: eine Reise nach Portugal für sie und die gemeinsame vier Monate alte Tochter, fixfertig gebucht mitsamt Flügen und Mietwagen. Michaela Simons freute sich und hatte gleichzeitig ein etwas mulmiges Gefühl. „Ich weiß nicht, ob ich es von mir aus gemacht hätte“, sagt sie. Allein mit einem Baby auf Reisen gehen? Damit hatte Michaela Simons keine Erfahrung. Betonung auf „mit einem Baby“. Denn mit dem Alleinreisen an sich ist die 28-jährige Grazerin bestens vertraut.

Schon als 17-jährige Schülerin war Michaela Simons ein Jahr allein in Chile. Später, nach der Matura, verbrachte sie ein weiteres Jahr in Argentinien. Als sie dann Spanisch und Englisch studierte, brach sie in allen Uni-Ferien zu Reisen auf. Fast immer allein, für drei, vier Wochen am Stück, mit Rucksack, und sie hatte stets eine ausgeprägte Vorstellung davon, auf welche Weise sie die Welt erkunden wollte. „Es ging mir immer darum, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen und so viel Einblick wie möglich in die Kultur eines Landes zu bekommen“, erzählt sie. Also knüpfte Los geht’s, Baby! sie über Onlineplattformen Kontakte vor Ort, schlief in billigen Jugendherbergen oder privat auf Wohnzimmersofas, nahm teil am Alltag ihrer GastgeberInnen, fand FreundInnen an den entlegensten Orten und kam in den Genuss der Gastfreundschaft von sehr vielen unterschiedlichen Menschen.

SICH MUTIG MACHEN
„Couchsurfing“ heißt diese Art des Reisens. Auch ihren Freund lernte Michaela Simons auf diese Weise kennen. Was sie wollte, war, buchstäblich in eine Kultur einzutauchen, so tief wie möglich. Unterwegs war sie vor allem mit Bussen und Minitaxis. Sie stieg irgendwo zu und irgendwo wieder aus. „Früher habe ich mir auch oft Mietwagen genommen und habe einfach irgendwo im Auto geschlafen.“ Michaela Simons lacht kurz auf. „Ja, das habe ich oft gemacht. Jugendlicher Leichtsinn.“

Auf diese Weise bereiste sie Südamerika und die USA, Montenegro und Albanien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und die Ukraine, die Gebiete rund ums Kaspische Meer und den Kaukasus. Die Landschaften und die Städte dort haben es ihr besonders angetan. Natürlich ging es auch ein bisschen ums Abenteuer. Darum, sich und seine Fähigkeiten in der Fremde zu erproben. Darum, so sagt sie, drehe es sich ja beim Reisen: „Dass man Neues erlebt, sich in Situationen begibt, die unvertraut sind, dass man sich aus dem Gewohnten herauslockt und sich selbst ein bisschen mutiger macht.“

Und dann kam eine andere Art von Abenteuer. Sie reiste mit ihrem vier Monate alten Baby nach Portugal. „Ich habe mir gedacht, es würde so sein, als ob man ein Gepäckstück mehr dabei hätte – und sonst wäre es wie immer.“ War es aber nicht. Michaela Simons kapierte das recht schnell. Oft gab es keine geeigneten Gehsteige für den Kinderwagen. Sie hatte Skrupel, ihre Tochter in der Öffentlichkeit zu stillen, und tat es dann doch. Häufig auch auf Parkplätzen. Während der langen Fahrten im Mietwagen weinte ihre Tochter viel. „Es war halt wirklich anstrengend. Überhaupt keine Entspannung.“ Es dauerte ein paar Tage, bis Michaela Simons verstanden hatte: Sie hatte sich übernommen. Zu lange Autofahrten, zu viele Reiseziele, zu viele Programmpunkte pro Tag.

„Ich habe gelernt, dass ich mir nicht so viel vornehmen darf und den Fokus mehr auf sie richten muss.“ Anders gesagt: Sie musste weg von der Idee, was man nicht alles sehen wollte, hin zu: „Schauen wir einmal, was möglich
ist – und dass es ihr dabei gut geht. Als ich das einmal begriffen hatte, ging es besser.“

 

Michaela Simons und ihre vier Monate alte Tochter auf ihrer ersten gemeinsamen Reise in Portugal.

MEIN KIND MAG DAS MEER
Aber es gab auch andere Dinge, mit denen Michaela Simons nicht gerechnet hatte. „Die Leute begegnen einem anders, wenn man mit einem Baby reist. Sie sind höflicher, hilfsbereiter und freuen sich mehr.“ Sie fühlte sich unterwegs nicht gefährdeter, sondern sicherer als sonst – gerade wegen der Anwesenheit ihrer Tochter. Auch an ihrer Tochter selbst fiel ihr Neues auf: „Das Meer hat ihr sehr gefallen, das Fliegen hat ihr getaugt, und sie hat nachts immer sehr fest geschlafen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie überfordert war. Sie war guter Dinge.“

Michaela Simons freut sich über diese Beobachtungen. „Ich will, dass sie mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt kommt und lernt, dass es neben dem Zuhause auch andere Orte gibt, wo man sich wohlfühlen kann.“ Vorerst aber bedeutet das Reisen mit ihr etwas anderes: weniger ausgefallene Reiseziele, weniger Risiko, weniger lange Busfahrten. Geplant sind Schweden, Spanien, Portugal, Hamburg und Griechenland. „Ich warte, bis sie etwas älter ist. Dann möchte ich schon gern mit ihr in exotischere Gegenden vordringen – vielleicht nach Burma oder nach Pakistan.“ Ein bisschen Wehmut empfindet Michaela Simons schon. Ganz genau so reisen wie früher wird sie wohl so bald nicht mehr. Sie sagt: „Es ist nicht mehr dasselbe, aber es ist auch schön.“

Fotos: thinkstock.com, Valerie Fritsch

Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Julia Kospach