11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Bretter vor dem Kopf sind Kindern fremd. Genauso wie falsche Höflichkeit und Grübelei. Grund genug, um bei ihnen in die Lehre zu gehen.

Gestandene Managerinnen und Manager sind einiges gewöhnt. Ob Hochseilklettergarten oder Coaching mit Pferden – kaum eine Methode, die noch nicht ausprobiert worden wäre, um Führungskräften das Quer- und Andersdenken beizubringen. Ein Pilotprojekt der European Leadership Academy (ELA) ringt den TeilnehmerInnen des hochkarätigen Führungskräfteprogramms dennoch Respekt ab: Sie sollen von Kindern lernen. „Kinder sehen mehr Möglichkeiten und weniger Grenzen. Ihre Sichtweisen sind jenseits von Konventionen. Sie stellen alles infrage.“ So erklärt Guido Fiolka, Geschäftsführer der ELA, warum er ausgerechnet SchülerInnen der Evangelischen Schule Berlin Zentrum engagiert hat, um das Denken der ManagerInnen aus festgefahrenen Spurrillen zu hieven. „Nach den eineinhalb Tagen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen waren die Erwachsenen zwar ganz schön erschöpft, gleichzeitig aber auch angeregt, berührt und erstaunt“, schildert Fiolka.

Kinder sind Zenmeister in den eigenen vier Wänden.

Lachen, spontan sein und immer in Bewegung bleiben,
das lernt Kirsten Commenda von ihrem Sohn Nicolai.

 

Das Beispiel der ELA zeigt ganz deutlich: Lernen von Kindern funktioniert anders. Es funktioniert über direkte Erfahrungen, denen man sich öffnen muss. Und zwar nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Genau aus diesem Grund vergleicht der bekannte Achtsamkeitslehrer Jon Kabat-Zinn Kinder mit spirituellen LehrerInnen. „Zenmeister erklären nicht, was sie meinen. Sie verkörpern einfach nur Präsenz, Gegenwärtigsein“, erklärt er in seinem Buch „Mit Kindern wachsen“. „Sie konfrontieren uns immer wieder mit neuen Herausforderungen, die wir durch das Denken allein nicht lösen können.“ Kinder und insbesondere Babys seien in vielerlei Hinsicht ähnlich, so Kabat-Zinn. Die „Zenmeister in den eigenen vier Wänden“ haben einen ursprünglichen, offenen und reinen Geist, der nicht mit allen möglichen Dingen überfrachtet ist. Gerade weil Kinder noch nicht viel von der Welt, wie sie ist, gesehen haben, haben sie uns einiges voraus. Sie mögen uns gerade mal bis zu den Knien oder bis zum Nabel gehen – dafür haben sie den Kopf mal in den Wolken, mal voller Flausen, immer aber frei für das, was gerade Spaß machen könnte. Ihre Füße mögen nur halb so groß sein wie unsere – dafür sind sie allzeit bereit für einen wilden Galopp, einen beherzten Sprung oder ein Fangenspiel.

 

Tipps für Eltern von ihren Kindern

    1. Kreativität.
      Kinder sind schöpferisch. Dabei haben sie nicht das Ergebnis im Auge, sondern gehen ganz im Tun auf.
      Unbekümmert im Moment sein. Grübeln über das Gestern und Morgen ist vor allem kleinen Kindern fremd. Sie sind geborgen im Leben – genau wie wir. Nur dass sie es noch wissen.
      Ehrlichkeit. Kinder drücken Enttäuschung ebenso hemmungslos aus wie Abneigung, Wut oder Traurigkeit. Nicht immer ist das im Erwachsenenleben angebracht. Manchmal könnte es aber befreiend sein.
    2. Gesunder Egoismus.
      Das Neinsagen braucht Kindern niemand beizubringen, auch nicht das Abgrenzen und das vehemente Äußern von Wünschen und Bedürfnissen: Darin sind sie ausnahmslos Naturtalente.
    3. Blick für Kleinigkeiten.
      Ein Kieselstein, eine Lichtreflexion an der Wand. Die Wolke, die aussieht wie ein Dinosaurier. Die ganze Welt in einem Sandkorn eben – Kinder haben noch Augen dafür.
    4. Neugier. „Kenn ich schon, hatten wir schon.“ Uns Erwachsenen entgeht einiges, weil wir glauben, alles bereits zu wissen. Dabei lässt sich vieles neu entdecken, wieder und wieder.
    5. Flow.
      Was der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi als Flowzustand bezeichnet, ist für Kinder ganz normal. Sie müssen sich nicht motivieren und konzentrieren, weil sie beides ganz automatisch sind: motiviert und konzentriert. Vielleicht nicht unbedingt dann, wenn sie alle Landeshauptstädte für den Sachunterrichtstest auswendig lernen sollen. Aber mit Sicherheit, wenn es um etwas wirklich Spannendes geht.
    6. Empathie.
      Kinder haben Mitgefühl mit Schnecken, Regenwürmern, Schneeflocken und manchmal sogar mit jüngeren Geschwistern. Vielleicht gelingt es ihnen auch leichter, mitzufühlen, ohne mitzuleiden. Ein bedeutender Unterschied.
    7. Weinen und lachen.
      Manchmal sogar gleichzeitig! Dass beides zum Leben gehört, wissen Kinder auch ohne Lebenshilferatgeber. Weil sie ihre Tränen ungehindert fließen lassen, bricht sich ihr Lachen umso schneller wieder Bahn.
    8. Keine Angst vorm Scheitern. Ließen Kinder sich von Misserfolgen ebenso schnell entmutigen wie wir, würde keines von ihnen das Laufen lernen. Einmal öfter aufstehen als hinfallen und keinen Moment lang zweifeln – dann klappt es auch mit den großen Zielen.
    9. Von Kindern zu lernen bedeutet in erster Linie, zur Ursprünglichkeit zurückzukehren. Gleichzeitig ist es eine Reise in die Zukunft, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, wie es der arabische Dichter Khalil Gibran in seinem bekanntesten Werk „Der Prophet“ ausdrückt: „Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft niemals rückwärts.“