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Was’s wiegt, das hat’s

Wird Österreich zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Bundespräsidentin bekommen? Mit der ehemaligen Höchstrichterin Irmgard Griss ist eine Kandidatin am Start, die das Amt will und ihr Ziel vielleicht auch erreichen könnte.

Bei einer Sache wird Irmgard Griss geradezu ungemütlich. Wenn die politischen Vorstellungen ins Idealistische gehen, wenn wolkige Worte fallen, die mehr nach himmlischer Utopie klingen als nach der nun einmal hienieden herrschenden Realität, dann reagiert sie allergisch: „Mit Jesus können Sie mir da nicht kommen“, sagt Griss mit Nachdruck im persönlichen Gespräch. Natürlich solle man als Christin versuchen, die Werte der Bibel umzusetzen, aber: „Man muss schon auf dem Boden bleiben. Wenn alle nachdenken, ist viel gewonnen“.

Irmgard Griss ist durch und durch eine Anhängerin der Vernunft, und als solche kandidiert sie nun für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Ihre Gewinnchancen bei der Wahl am 24. April stehen laut Umfrageergebnissen nicht schlecht, die parteilose Kandidatin gilt als eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die etablierten männlichen Bewerber. 

ABSOLUTE TRANSPARENZ
Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Griss, ehemalige Richterin und Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, durch ihre wohltuend sachliche Haltung in der „Hypo Alpe Adria“-Untersuchungskommission, die sie im Jahr 2014 leitete. Auf die Anfrage, ob sie für die Hofburg kandidieren wolle, blieb Griss längere Zeit zögerlich, entschloss sich aber im Dezember 2015, als parteilose Kandidatin ins Rennen zu gehen. Seitdem tourt sie unablässig durch die Lande, gibt Interviews und nimmt teil an Veranstaltungen, manchmal sind es bis zu vier am Tag. Ihr Markenzeichen dabei ist ­absolute Transparenz. Jede der Spenden, die sie für ihre Kandidatur erhält, ist auf ihrer Homepage mit namentlicher Herkunftsnennung aufgeführt. So zeigt sich Griss als Vertreterin strenger Prinzipien. Das Ungefähre, das Nebelige, das Kungeln und Packeln mag sie nicht. Auf Fragen antwortet sie manchmal zwar ins Allgemeine ausweichend, aber doch immer ohne Zögern. Sie will nichts verstecken.

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„Ich habe es selbst in der Hand. Wenn ich mich anstrenge, kann ich etwas erreichen“, meint Irmgard Griss.

EIN WEG NACH OBEN
Woher kommt das Klare, aber auch der Pragmatismus, das Zupackende? Vom Bauernhof vielleicht. Bei einem „Ladies Business Lunch“ der Agentur LeitnerLeitner in Linz schilderte Griss, geboren 1946, wie sie auf einem kleinen Gut von zwölf Hektar Größe in der Weststeiermark aufwuchs, in einem Bauernhaus, „ohne Nagel gebaut“, nicht zu vergleichen „mit den prächtigen Vierkanthöfen, die man aus Oberösterreich kennt“. Sie erzählt von der harten Arbeit am Land und den fünf Schilling, die sie fürs Milchaustragen verdiente, und ihrem festen Gedanken: „Das mach ich später einmal nicht.“ Gelernt und verinnerlicht hat sie am Bauernhof aber auch die Regel: „Was’s wiegt, das hat’s.“

Griss wollte lange Zeit Lehrerin werden, und vielleicht steckt ja ein bisschen etwas von einer Lehrerin immer noch in ihr. Sie landete aber durch Zufälle auf der Handelsschule, dann auf der Handelsakademie, dann beim Fach „Jus“ an der Universität Graz. Ihre Lebensgeschichte hört sich an wie ein Weg des Aufstiegs, der wie selbstverständlich immer weiterführte, was vermutlich auch an der Offenheit lag, mit der sich Griss auf die Welt, wie sie nun einmal daherkommt, einließ. In den 1970er-Jahren zum Beispiel interessierte sich noch kaum jemand dafür, ins Ausland zu gehen. Griss aber wollte das unbedingt und bewarb sich als Einzige auf ein Stipendium für die USA, das sie an die renommierte „Harvard Law School“ brachte. Hier erlebte sie eine egalitäre Mentalität, die sie aus Österreich nicht kannte und die ihr das Vertrauen gab, mit eigener Leistung weiterkommen zu können: „Ich habe es selbst in der Hand. Wenn ich mich anstrenge, kann ich etwas erreichen.“ 

UNTERSTÜTZUNG FÜR DIE FAMILIE
Geheiratet hat Griss erst im Alter von 40 und hat die beiden Söhne, geboren 1985 und 1987, relativ spät bekommen. Ihr Mann, ein Grazer Rechtsanwalt, brachte schon drei Kinder aus erster Ehe mit in die Beziehung – und eine Haushälterin, die sozusagen zur Familie gehört. „Sie hat bei uns eine Lebensstellung“, sagt Griss und will nicht recht verstehen, warum manche es elitär und abgehoben finden, eine Haushälterin zu beschäftigen: „Ist es nicht besser, dass Menschen, die gut verdienen, für andere einen Arbeitsplatz schaffen? Ich verstehe nicht, was daran schlecht sein soll.“ Ohne die Hilfe der Haushälterin hätte sie die Doppelbelastung von Beruf und Familie jedenfalls nicht bewältigt. „Es war schon so hart genug. Es mag sein, dass manche Frauen das hinkriegen, aber ich hätte es ohne Hilfen nicht geschafft. “ Frauen brauchen Unterstützung für die Familie, darin ist Griss sehr klar, sie brauchen aber auch, und das wiederholt Griss dreimal: „Selbstvertrauen, Selbstvertrauen, Selbstvertrauen.“ Frauen sollten zu sich stehen und sagen: „Das bin ich, das kann ich“, und sich von niemandem dreinreden lassen.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 04/16 – von Andrea Roedig