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Die Kultur der Maasai ist weltberühmt, kompliziert ? und frauenverachtend. Die Tiroler Juristin Verena Waldhart klärt Maasai-Frauen in entlegenen Siedlungsgebieten über ihre Rechte auf. Mit nachhaltigen Wirkungen: Sie sind nicht mehr frei verfügbar für alle Männer.

Besucher der Maasai erleben eine afrikanische Zeitreise, sie fühlen sich plötzlich in die Steinzeit zurückversetzt. Rund 120 Kilometer und zehn sehr holprige Autofahrstunden von Nairobi entfernt, lebt der stolze afrikanische Stamm der Loita in Lehm- und Dunghütten. Essen wird auf einem Holzfeuer gekocht, die Kinder laufen barfuß und in Tücher gehüllt den Ziegen nach. Nur das Handy am Gurt manches Kriegers verrät, dass die Neuzeit nicht fern sein kann. Doch die wenigsten wissen, wie sie eine Tür mit Klinke öffnen können, was Elektrizität ist oder Sanitäranlagen sind.

Die Kultur des Stammes ist weltbekannt. Die großen, majestätischen Krieger haben Schweizer Herzen verwirrt und Dokumentationen gefüllt. Ihre Frauen arbeiten im Hintergrund, bauen die Hütten, kümmern sich um Kinder und Feuer, verkaufen selbst gebastelten Schmuck und brauen das bei den Männern so beliebte Honigbier. Trotzdem sind sie weniger wert als die Kühe und Ziegen und der Willkür ihrer Väter, Ehemänner und Stammesältesten ausgeliefert. Mit Beginn der Pubertät werden sie beschnitten. Wer die Verstümmelung überlebt, wird an mitunter 70-jährige Männer verheiratet. Die Frauen kennen weder ihr Alter noch Auswege aus der allgegenwärtigen häuslichen Gewalt.
Als eine 13-jährige Schülerin von ihrem Lehrer geschwängert wurde, jagte die Dorfgemeinschaft sie von der Schule. Der Lehrer durfte bleiben. Frauen haben keinen Besitz, sie gehören dem Ehemann. Beim Tod des Mannes erbt der älteste Sohn alles, auch was die Frau in die Ehe eingebracht hat. Wenn Mädchen auf dem Weg zur Schule vergewaltigt werden, bleiben die Täter ungestraft. Die Kinder werden einfach nicht mehr in den Unterricht geschickt.

 

ANWÄLTINNEN IM BUSCH.

Die Tiroler Juristin Verena Waldhart setzt sich in Kenia für die Rechte der Maasai-Frauen ein.

»Wenn du einen afrikanischen Mann unterstützt, unterstützt du ein Individuum. Unterstützt du eine afrikanische Frau, hilfst du der ganzen Gesellschaft«, zitiert Verena Waldhart einen in Afrika allgegenwärtigen Spruch. Die 35-jährige Tiroler Juristin unterstützt seit zwei Jahren die von kenianischen Anwältinnen gegründete Organisation ACA (Amani Communities Africa) in Nairobi. Gemeinsam mit ihrem Team organisiert sie »Women Empowerment«-Kurse in entlegenen Maasai-Gebieten wie den Loita-Hills. Den Frauen werden Menschenrechte und Staatsbürgerschaftskunde erklärt, sie informieren über die Gesetze in Kenia, Eigentums- und Erbrecht, Regelungen bei Heirat oder Scheidung. Sie klären über die noch immer weit verbreitete Beschneidung auf und beraten in Hygienefragen.
»Wir wollen ihnen nicht ihre Kultur wegnehmen, sondern den Frauen vermitteln, dass sie Rechte haben und sich gegen Gewalt, Missbrauch und die Willkür der Ältesten wehren können«, sagt sie. Von ACA ausgebildete Trainerinnen veranstalten die fünftägigen Kurse mit je 30 Frauen. Viele der Teilnehmerinnen hatten vorher noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen.

 

DER STAMMESÄLTESTE ENTSCHEIDET.

Auch die Männer werden in eigens auf sie abgestimmten Schulungen von den Kursen überzeugt, damit ihre Frauen die Erlaubnis für die Teilnahme bekommen. »Wir müssen mit den Männern für die Frauen arbeiten«, sagt Waldhart, »nur gemeinsam mit ihnen können wir die Frauen stärken.« Daher beginnt das ACA-Team mit Gesprächen mit den Ältesten des Stammes. Da sie die absolute Entscheidungsgewalt haben, müssen zuerst sie von der Wichtigkeit der Trainings überzeugt werden. »Viele von uns haben jahrelange Erfahrung gesammelt und wissen, welche Ansätze und Argumente sie überzeugen«, sagt die Entwicklungshelferin. Sie erklären ihnen, dass die ganze Gemeinschaft davon profitiert, wenn Frauen ihr Potenzial nützen und in ihren Rechten bestärkt werden. Freiheit komme nicht von außen, sondern müsse von innen wachsen. Manche Älteste besuchen dann den Männer-Kurs.

 

REVOLTE IN DER MANYATA.

Bis zu 40 Kilometer marschierten Maasai-Frauen,
um ihr Diplom zu bekommen.
Sie waren trainiert worden,
ihre Anliegen selbst zu vertreten.

Die etwa 23-jährige Teilnehmerin Nolairetua musste im Anschluss an ihr Training gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern für ein Jahr in die Manyata. Dort leben alle in den letzten zehn Jahren beschnittenen Männer mit ihren Familien in einem riesigen Hüttenkreis und durchlaufen unzählige Riten, die sie vom Krieger- in den Ältestenstand befördern. Jeder der knapp 300 Männer kann mit jeder Frau in der Manyata zu jedem Zeitpunkt Geschlechtsverkehr haben. Sein Speer vor der Tür signalisiert dem heimkommenden Ehemann, dass er noch nicht erwünscht ist. Dieses System hat Folgen: Von 93 getesteten Erwachsenen hatten 21 Aids.
Nach den Kursen sprach Nolairetua mit ihrem Mann und weigerte sich, jedem Krieger zur Verfügung zu stehen. Ihr Mann unterstützte sie. Einige Frauen folgten Nolairetuas Beispiel und verweigerten sich anderen Männern. »Auf Nolairetuas Entwicklung sind wir sehr stolz. Vor den Kursen war sie eine verschüchterte, verschreckte Frau, die den Kopf kaum hob und nur flüsternd sprach«, sagt Waldhart. »An ihr sehen wir, welche Veränderungen wir mit einigen Informationen für die Frauen erreichen können.«

 

EIN FEST DES SELBSTBEWUSSTSEINS.

Anfang März 2010 bekamen die Loita-Frauen erstmals eine Stimme. Rund 180 Teilnehmerinnen hatten sich teilweise 40 Kilometer zu Fuß aufgemacht, um bei ihrer Diplomverleihung im Gesundheits- und Trainingszentrum von Entasekera in der Nähe des berühmten Naturparks Masai Mara dabei zu sein. Sie tanzten und sangen und sprachen laut, obwohl Männer in der Nähe waren. Nolairetua sang ein Lied ins Mikrofon und als ihr ein weißer Mann das Diplom überreichte, strahlte sie ihm direkt ins Gesicht. Verena Waldhart freute sich mit ihr.

Mehr Infos: www.seisofrei.at


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/ 2011 – von Nina Heizer