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Die traditionelle Medizin sieht den kranken Menschen als eine Maschine, die man reparieren muss. Doch dieses Bild ist zu einfach, denn der Körper selbst hat erstaunliche Kräfte. Es kommt darauf an, sie zu aktivieren.

Niemand und kein noch so gutes Gesundheitssystem der Welt können einen Menschen gesund machen oder heilen. Nur der Mensch selbst trägt das Potenzial für Heilung in sich“, so formulierte es Professor Gerald Hüther im vergangenen Jahr auf dem Ärztekongress in Berlin. Die Überzeugung des renommierten Hirnforschers, dass die ärztliche Heilkunst nur dazu dienen kann, die Selbstheilungskräfte des Menschen zu aktivieren, stellt für die traditionelle Medizin eine Provokation dar. Denn diese ist noch immer vom mechanistischen Weltbild des 17. Jahrhunderts und dessen Vorstellung vom Körper als Maschine geprägt. Dem Arzt kommt darin die mächtige Rolle des Reparateurs zu, der das System wieder zum Funktionieren bringt, indem er wie bei einer Maschine abgenutzte Teile flickt oder auswechselt. Im Zentrum der „Reparaturmedizin“ steht die schnelle und effektive Beseitigung der Krankheitssymptome. Der ganze Mensch mit seinem biografischen Hintergrund und seinen persönlichen Lebenserfahrungen gerät aus dem Blickfeld.

EINE NEUE SICHTWEISE IN DER MEDIZIN
Weshalb bleiben Menschen trotz hoher Belastungen und Risikofaktoren gesund? Und wie schaffen sie es, sich von schweren Erkrankungen wieder zu erholen? Hatte die medizinische Forschung ihr Augenmerk immer darauf gerichtet, was den Menschen krank macht, begann der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky vor 40 Jahren gezielt nach den Faktoren zu suchen, die Körper und Seele gesund erhalten. Damit war die Salutogenese (salus = Gesundheit, genese = Entstehung) geboren, die völlig neue Maßstäbe in der Medizin setzen und die Sichtweise von Gesundheit und Krankheit grundlegend revolutionieren sollte.
Antonovsky illustrierte seine Vorstellung von Gesundheit und Krankheit anschaulich mit der Metapher von einem Fluss, in dessen Strömung wir Menschen treiben. Während die Schulmedizin immer dann einen Rettungsreifen in die Fluten wirft, wenn ein Mensch in diesen unterzugehen droht, ist die Salutogenese bestrebt, den Menschen zu einem guten Schwimmer zu machen. Doch welche Grundausstattung befähigt uns dazu, im Fluss des Lebens den Kopf über Wasser zu halten? Und wie können wir uns diese Fähigkeit in der Hektik des modernen Alltags bewahren, in der immer mehr Menschen von gefährlichen Strudeln des Burn-outs, von Stress, Ängsten und Depressionen nach unten gezogen werden?

DIE SÄULEN DER GESUNDHEIT. Das Geheimnis von Gesundheit liegt aus salutogenetischer Sicht in der psychischen Fähigkeit des Menschen, vorhandene Ressourcen zum Erhalt des Wohlbefindens und des inneren Gleichgewichts zu nutzen. In seinem Buch „Salute! Was die Seele stark macht“ beschreibt der Psychotherapeut Dr. Gert Kaluza vier zentrale Voraussetzungen für körperliche und seelische Gesundheit:

•Die Selbstfürsorge befähigt dazu, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und achtsam und liebevoll mit sich selbst umzugehen.

  • •Die soziale Unterstützung in Form liebevoller Beziehungen vermittelt die Gewissheit, sich auf andere Menschen verlassen zu können. Die  gesundheitsfördernde Kraft der Liebe ist in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt.
  • •Die Selbstwirksamkeit beinhaltet das Vertrauen in die eigene Kraft, sie hilft, mit Schwierigkeiten fertigzuwerden und auch Krankheiten beherzt anzugehen.
  • •Die Sinnorientierung und damit die Ahnung von der tieferen Bedeutung des eigenen Lebens ermöglicht es, auch schwierige Lebenssituationen als Chance für innere Reifung zu begreifen.

Die zentralen Fragen für den Erhalt unserer Gesundheit lauten daher: Woher bekomme ich meine Kraft? Was nährt mich? Wer stützt mich? Was gibt meinem Leben Sinn?