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Welche Reformen brauchen die Kirche?
Trotz lächelndem Papst und reformierten Pfarrerinnen: Die Bänke in den christlichen Kirchen bleiben immer öfter leer. Liegt das nur am „Reformstau“ der Institutionen?

Das Hochamt war feierlich. Die Mozartmesse, Text lateinisch, klang prächtig. Aber was hatten die GottesdienstbesucherInnen, viele von ihnen zu Weihnachten das einzige Mal im Jahr in der Kirche, verstanden? Kein Feierheft, keine Übersetzung der lateinischen Texte, keine Ahnung, was das Auf und Nieder im religiösen Ritual zu bedeuten hat, geschweige denn, wie man das richtig macht. Ich empfinde das stets als vergebene Chance.

Warum legt man in unseren Gemeinden nicht mehr Wert auf guten Service, darauf, dass die gelegentlichen BesucherInnen sich willkommen und gut aufgenommen fühlen? In Zeiten elektronischer Datenverarbeitung kann es doch nicht so schwierig sein, Texthefte zu machen. Der evangelische Theologe Hans-Martin Barth würde zu dieser Kritik vermutlich verständnisvoll lächeln, aber meinen, dass sie nicht weit genug gehe. In seinem Buch „Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem transzendenten Christsein“ (Gütersloher Verlagshaus) plädiert er dafür, Glauben neu zu denken und zu leben. Das hieße im Wesentlichen, nicht Menschen für Gemeinden und Konfessionen gewinnen zu wollen, sondern nach dem zeitgemäßen Wesen von Glauben zu fragen. „Beim Glauben geht es nicht um Religiosität oder Areligiosität, nicht um die Anerkennung von Dogmen, sondern um eine existentielle Beziehung zum Ursprung und Ziel des Lebens“, meint Barth.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Dezember des Vorjahres vom „Berlinprojekt“ einer evangelikalen Freikirche in der deutschen Hauptstadt. Zu Gottesdiensten in einem angemieteten Kinosaal strömen die Jungen, Kreativen, die den gängigen Gemeinden längst Entfremdeten. Warum?

Die Botschaft Jesu, konstatiert die Reporterin, werde hier „fast erschreckend einfach ausgepackt, alltagstauglich und so, dass sie schwellenlos in ihr Leben dringen kann“. Um beim „Berlinprojekt“ dabei zu sein, brauche es weder Mitgliedschaft noch müsse man sich als gläubig verstehen. Die Gottesdienste in den Kirchen, so meint der junge Pastor des „Berlinprojektes“, seien für NichtchristInnen oft gar nicht zu verstehen. Man möchte anfügen: für viele ChristInnen auch nicht mehr. Diesen Befund stellt Hans-Martin Barth. Jesus habe für seine Gleichnisse keine komplizierte Theologie gebraucht und keine religiösen Vorgaben. Deswegen könnten beispielsweise das Gleichnis vom barmherzigen Samariter auch areligiöse Menschen verstehen. Was die Religionen über den Glauben sagen, sei sehr stark von einer eigenen Sprache geprägt, wie ein Gedicht, das versucht, das Unsagbare zu fassen. Das stelle aber ein Hindernis für jene dar, die dieser Sprache und Symbolik nicht folgen können oder wollen. Barth fragt provokant: Dürfen areligiöse Menschen durch eine einseitige religiöse Gestalt kirchlicher Verkündigung daran gehindert werden, dem Evangelium zu begegnen?

Seine Antwort: Nein. Denn das Evangelium ist nicht dazu da, den religiösen Gemeinden Mitglieder zuzuführen, sondern es ist aus sich selbst bedeutsam. Es offenbart sich, religiös gesprochen, auch Menschen, die sich als nicht religiös bezeichnen. Nur fragen die aus den religiösen Gemeinschaften sie nicht danach. Das ist von Barth sehr weit gedacht.

In den traditionellen Gemeinden katholischer Prägung ist man noch sehr damit befasst, den Schwund der Mitglieder zu verkraften. Da ist an ganz neue, experimentellere Formen der Glaubenssuche noch gar nicht zu denken. Die Wahrung der alten Formen, die großen Liturgien, das alles ist ein lieb gewordener Schatz. Aber, sagt Barth, man dürfe ihn nicht mit dem Eigentlichen verwechseln: „Jesu Vertrauen, sein Verhalten in Liebe und Hoffen stecken an bis zum heutigen Tag.“ Religionstranszendent glauben heißt für ihn, dieser Spur nachzugehen, nüchtern und wachsam, wie er es nennt. Denn alle, die auf dem Weg nach dem Grund des Seins sind, könnten nicht mehr als die Wahrheit ahnen. Freier von den historisch gewachsenen Beschränkungen der Religionen und Konfessionen könnte das Spiel neu beginnen. Barth plädiert dafür, dass christliche Gemeinden ihre „Binnenorientierung“ reduzieren und sich der areligiösen Umgebung zuwenden und öffnen.

Neue Foren sollten diese frei von Absicht einbinden, auch „waschechte AtheistInnen“ ansprechen. Konfessionen sind Suchgemeinschaften. Aber sie sind nicht die einzig möglichen, richtigen oder endgültigen Formen der Suche. Welche Auswirkungen hätte dieser Gedanke, wenn man ihn wirklich ernst nähme?

Religionstranszendent glauben: Was heißt das?

  • „Für religiöse wie areligiöse Menschen liegt der Ort, von dem her sie ihre Existenz begründet und gehalten sehen können, jenseits ihrer religiösen und areligiösen Vorstellungen und Vorurteile.“
  • Der evangelische Theologe Hans-Martin Barth ist überzeugt, man könne religiös und nicht religiös nach dem Grund des Lebens fragen. Dieser Urgrund liegt nicht in der Verfügung der Kirchen, sie suchen wie jene, die sich als religiös „unmusikalisch“ definieren. Wollten die Kirchen nicht als Verwalter von „religiösen Restgemeinden“ erstarren, müssten sie den Dialog mit Nichtreligiösen ernsthaft suchen.
  • Nicht mehr die Religion an sich solle das Ziel sein, sondern der Glaube.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/14 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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