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Welche Wellness brauchen wir?

Zuerst der Stress und dann das warme Wasser – wir sind darauf konditioniert, hart zu arbeiten, um uns dann teuer zu verwöhnen. Ist das ein kluges Konzept, das uns wirklich zufrieden macht?
Wie lässt es sich erklären, dass einerseits die Wohl­fühlhotels, die Wohlfühlangebote, die Wohlfühlzonen und die Wohlfühloasen immer mehr werden und andererseits Burnout die Menschen reihenweise außer Gefecht setzt? Warum wiegt der Luxus, sich verwöhnen zu lassen, die Anstrengungen, die man dafür in Kauf nehmen musste, nicht auf? Eine seltsame Welt. „Wellnessen“ ist für viele zur regelmäßigen Kurzzeitflucht aus dem Alltag geworden. Da lässt man sich in spezialisierten Anlagen und Hotels mit allem, was die Fantasie sich ausmalen kann, verwöhnen. Da gibt es Massagen und Bäder, die zumindest lustvoll klingen, Sport und Yoga, fünfgängige Menüs, deren Ingredienzien von absolut glücklichen Tieren und Pflanzen stammen, den Prosecco aus der Toskana und den Digestiv aus Südafrika, dazu Betten, die so gut gepolstert sind, dass selbst frühere Kaisergemächer dagegen wie spartanische Feldlazarette wirken – geht es uns nicht gut?

Nein, meint die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. Nein, es geht uns nicht gut. Wir sind mit unserem Wellnesskult nichts weniger als willige Konsum-Junkies. Wir werden mit schöner Werbung und tollen Versprechen aus Expertenmund umgarnt und haben den Köder geschluckt. Zuerst hart arbeiten, dann Entspannung kaufen. Dabei gäbe es die an und für sich gratis. Beispielsweise mit Spaziergängen, heiteren Abenden im Freundeskreis, Gartenarbeit, einer Buch-Siesta oder einem Abend ohne Fernseher, Smartphone und Musikberieselung. Das Unglück des Menschen komme daher, dass er es nicht alleine in seinem Zimmer mit sich aushält, meinte einst ein kluger Mann. 

Doch unsere Misere scheint tiefer zu gehen. Die Wellnesskultur ist nicht bloß Luxus, sie ist die Kehrseite einer Arbeitskultur, die uns von uns selbst entfremdet. Das zumindest konstatiert Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch „Die Burnout-Lüge“ (edition a).
In ihrer Praxis landen Menschen, die viel und hart gearbeitet haben, die sich dem Erfolg verschrieben und dafür bis über die Selbstverleugnung hinaus geschuftet haben. Bis dann irgendetwas schiefgeht, die Beförderung nicht kommt wie erhofft, die Familie nicht mehr mitmacht und zerbricht und dann auch noch der Körper streikt, hat man schon Dutzende Ampeln bei Rot überfahren. Alle Anstrengung und Anpassung umsonst! Wir sind aus der Balance, und dahin bringen uns weder rechtsdrehende Joghurts noch magische Steine zurück. Konsum nütze nicht mehr, es sei vielmehr Zeit, Wellness neu zu definieren, meint Leibovici-Mühlberger. Und was sie ausführt, klingt schlüssig. 

Wer sich wohlfühlen will, sollte zuerst einmal wissen, was er oder sie gerne möchte. Und das ist nicht individualistisch gemeint. Denn genau dort liegt eine besonders perfide Falle des gegenwärtigen Lebensstils. „Finde heraus, was du willst, und dann lebe es ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer.“ Willkommen in der Egofalle, die nur eine Unterart des ewigen Konsums ist! Die Wellness, die uns weiterbringen könnte, besteht aus einem Dreiklang von Ich, Du und Wir. Leibovici-Mühlberger nennt das ganz schlicht „Love, work, pray“, also Liebe, Arbeit, Gebet. Klingt ziemlich altmodisch. Und ist viel mehr als die stets beschworene Work-Life-Balance. Die tatsächlich die Überzeugung bestärkt, dass es um Arbeit und Leben als Gegensätze gehe. Weswegen RadiomoderatorInnen das Lied vom glücklich machenden Wochenende auch schon am Montag sehnsüchtig zu singen beginnen. Dabei ist es einfacher, und vor allem sind Leben und Arbeit nicht auseinanderzudividieren. 

Damit wir uns wirklich wohlfühlen, brauchen wir tragende Beziehungen, die ein Geben und Nehmen bedeuten, wir wünschen uns Arbeit, die uns als wichtiger Beitrag zur Welt erscheint, und wir möchten bei der Frage nach dem Sinn unseres Lebens zu einem größeren Ganzen gehören und uns auf dieses auch beziehen können. 

Leibovici-Mühlberger konstatierte bei ihren Patientinnen und Patienten, dass sie meist zu viel wollten. Zu viel dessen, was man ihnen als erstrebenswert vor Augen führt. Aber leider zu wenig dessen, was sättigt, uns ruhig werden und uns ins Leben vertrauen lässt. Lieben, Beten, Arbeiten – eine schöne Formel, die auf alter Lebensweisheit aufsetzt. Wellness mit Mehrwert, wenn man so will.

Burnout – eine Lüge? 

  • Die Wiener Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger meint, dass Burnout nicht eine Krankheit der Person, sondern unseres Gesellschaftssystems sei.
  • Wir würden depressiv, weil wir wie wild arbeiten und uns zwar mit Konsum dafür belohnen, aber dennoch unser Leben auf schwache Stützen bauen. Unser Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, mit unserer Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt zu leisten und in einem tragfähigen Gefüge aufgehoben zu sein, blieben unbefriedigt.
  • Der Weg zu wahrer Wellness gehe über die Suche nach dem, was trägt. Das schließt die Lust an Leistung und Konsum nicht aus, aber sie verliert ihren Status als Ersatzreligion.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at