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WELTFRAUEN<br>Calista Simbakalia
Sie wurde als eine der ersten Frauen ins tansanische Gesundheitsministerium berufen. Heute sorgt Ärztin Calista Simbakalia in ihrer Heimat dafür, dass Mädchen ihre Talente entfalten können.

Eine Schule in einer Steppe mitten in Tansania. In dem kastenartigen Gebäude ist es finster und kühl. Zehn Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren drängen sich vor dem Pult. Dort sitzt heute Calista Simbakalia – eine Ärztin. Sie ist 70 Jahre alt und nicht besonders groß. Mit ihrer ruhigen Stimme und gelassenen Ausstrahlung zieht sie die Schülerinnen in ihren Bann.

Sie fragt, was die Mädchen einmal werden wollen. „Doktor!“, ruft eine. „Lehrerin!“ Calista Simbakalia möchte, dass sie eine bessere Zukunft haben als die, die ihnen vorgegeben ist: Früh verheiratet werden, früh Kinder bekommen, mit elf oder zwölf Jahren das erste. Dann ein Leben lang Zwiebeln anpflanzen oder Hühner züchten. 2012 hat Simbakalia deshalb
die Nichtregierungsorganisation „Utu Mwa­namke“ gegründet. Das Ziel: sexuelle Aufklärung und Bildung. Gerade ist die Ärztin im Nordwesten Tansanias unterwegs und schaut, was ihre NGO erreicht hat.

Calista Simbakalia ist 1946 in einem Dorf wie diesem geboren. Ihr hätte es ähnlich ergehen können wie den meisten Mädchen hier. Hätte. „Mein Vater hat von mir verlangt, immer die Klassenbeste zu sein“, erzählt sie. „Und tatsächlich war ich immer die Beste.“ Sie geht im Kongo zur Schule. Ihr Vater arbeitet dort als Krankenpfleger. Calista bewundert ihn und hat einen Traum: Sie will Ärztin werden. Sie lernt fleißig und bekommt ein Stipendium für eine Schule in Belgien. Weil sie aber Tansanierin ist, darf sie es nicht annehmen. Immer wieder läuft sie zum Sitz der Kolonialmacht, weint, bittet und bettelt, bis der Gouverneur eine Familie findet, die sie auf eigene Kosten aufnimmt.

In der Schule in Belgien kommt sie gut mit. Sie überholt sogar die Klassenbeste. Die Matura besteht sie mit Bestnoten. Und bekommt ihn tatsächlich: den Studienplatz für Medizin! Endlich. Doch ihre Gasteltern haben eine Tochter im gleichen Alter. Beiden können sie das Studium nicht finanzieren.

Aufgeben kommt für Calista Simbakalia nicht infrage. Sie geht nach London – alleine – und macht dort eine Ausbildung zur Krankenschwester. Der Ausbildungsleiter will ihr das Medizinstudium finanzieren. Doch etwas in ihr hat sich verändert: Sie hat ihre Familie seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen. „Ich dachte, ich muss meinem Vater helfen, meine Geschwister zu erziehen“, erzählt sie. „Also habe ich behauptet, meine Mutter sei krank – deshalb müsse ich zurück nach Hause.“

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 Schon meine Großmutter hat gesagt: ,Denk nicht ans Heiraten. Bildung ist die Nummer eins.‘ 

Calista Simbakalia, eine Ärztin, hat 2012 die Nichtregierungsorganisation „Utu Mwanamke“ gegründet. Das Ziel: Bildung für Mädchen und sexuelle Aufklärung. In den 1950er-Jahren erhielt Simbakalia ein Stipendium für eine weiterführende Schule in Belgien. Sie erkämpfte sich auch den lang ersehnten Studienplatz in Europa. Doch dann entschied sie sich für ihre Heimat und hat seitdem eine Mission.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Julia Amberger