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WELTFRAUEN<br> Manika Sarkar

Der indische Bundesstaat Westbengalen liegt an der Grenze zu Bangladesch. Menschenhändler rekrutieren in dieser Region Kinderbräute. Manika Sarkar kämpft dagegen an.

Das Grenzgebiet North 24 Parganas gilt als vernachlässigt und der Bildungsstand von Mädchen in den vorwiegend muslimischen Dörfern als besonders schlecht. Für KinderhändlerInnen aus Haryana ist das eine Fundgrube: Hier ködern sie junge Frauen, um sie zu verheiraten, weil es in ihrem Bundesstaat, in dem weibliche Föten immer noch oft abgetrieben werden, einen Männerüberschuss gibt. Manche jugendlichen Frauen in North 24 Parganas verschwinden spurlos, andere mit der Zustimmung der Eltern. Oft reicht schon, wenn Kriminelle den Müttern und Vätern versprechen, dass ihre Töchter ein besseres Leben erwartet – etwa durch eine Karriere im Filmgeschäft oder eine Ehe in Wohlstand. Dass viele Teenager dann als Niedriglohnarbeiterinnen, Haushaltshilfen, Prostituierte oder Leihmütter verkauft werden, sickert erst später durch – oder gar nicht.

Manika Sarkar (37) schiebt dieser Entwicklung einen Riegel vor. 2006 gründete die Sozialaktivistin, die selbst im Alter von zwölf Jahren verheiratet wurde, die NGO „North 24 Parganas Sammyao Sramogibi Samity“, kurz NSS. Seither kämpft sie mit zehn fixen MitarbeiterInnen und Dutzenden ehrenamtlich tätigen Jugendlichen für eine gerechte und sichere Welt. Zum einen geschieht dies durch bewusstseinsbildende Vorträge in den Dörfern, Schulen und Colleges, bei denen die jugendlichen MitarbeiterInnen die aufklärenden Botschaften verbreiten. Zum anderen ist die NGO eng mit der Polizei und mit Regierungsstellen vernetzt, sodass Vorfälle sofort über eine Kinder- und Frauenhelpline gemeldet werden können.

Mit ihrem Team konnte Sarkar bereits über 500 Mädchen aus den Fängen von MenschenhändlerInnen befreien und 100 mit ihren Familien wiedervereinen, obwohl die Opfer oft als „unrein“ gelten. Außerdem wurden allein 2015 über 450 Fälle von Kinderheirat erfasst. 200 Fälle von Kinderhandel werden gerade vor Gericht gebracht. „Um eine gewaltfreie Gesellschaft aufzubauen, bieten wir auch Rechtshilfe an, Programme in Friedensbildung sowie Aus- und Weiterbildung für SchulabbrecherInnen. Außerdem können junge Frauen bei uns Informatikkurse und Führungstrainings absolvieren oder in unserem Schneidereizentrum einen Beruf erlernen. Denn nur wenn Mädchen und Frauen Selbstständigkeit erlangen und die gleichen Rechte haben wie Männer, wird sich etwas ändern“, sagt Sarkar.

Ihre Töchter Sumana (22) und Moumita (16) unterstützen sie dabei, ebenso ihr zweiter Mann Amirul ­Islam, ein Moslem. Ihn lernte Sarkar, die Hindu ist, über die Arbeit kennen. Mit ihrem ersten Ehemann, er war einst ihr Mathematiklehrer, hatte Sarkar weniger Glück. Mit zwölf musste sie ihn heiraten. „Anfangs war Mutter dagegen. Aber weil sie befürchtete, dass er mich mit Gewalt in seine alte Heimat Bangladesch bringen würde, gab sie mich frei“, erzählt Sarkar.

Von Beginn an erlebte sie Gewalt in ihrer Ehe. Ihr erster Mann verbot ihr, die Schule zu besuchen. Sie entdeckte, dass er ein Verhältnis mit ihrer Freundin hatte. Ab da nahmen die physischen, sexuellen und mentalen Übergriffe auf sie zu. Rückendeckung erfuhr Manika Sarkar nicht. Ihre Mutter riet ihr, die Folter zu ertragen, ihre Schwiegermutter prügelte selbst auf sie ein. Erst als Sarkar in einer Selbsthilfegruppe lernte, was Selbstbestimmung ist, und ihre ältere Tochter allen von der häuslichen Gewalt erzählte, verließ sie ihren Mann. Er tauchte unter, drei Jahre später reichte sie die Scheidung ein: „Auch heute noch werden meine Töchter und ich bedroht – von MenschenhändlerInnen wegen unserer Arbeit“, sagt sie. Doch sie wird weiter Widerstand leisten, damit es Mädchen und jungen Frauen einmal besser geht als ihr.

Meine Tapferkeit und den Willen, mich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, hat mir mein Vater vererbt.
Manika Sarkar

Manika Sarkar kommt 1980 in Sayestanagar zur Welt. Ihr Vater wird von seinen Brüdern ermordet, als sie ein Baby ist. Daraufhin zieht ihre Mutter sie und ihre Geschwister alleine groß. Mit zwölf wird Sarkar verheiratet und erfährt Gewalt in ihrer Ehe. Als niemand ihr hilft, tritt sie 2002 einer Selbsthilfegruppe bei, die Frauen durch Mikrokreditprogramme unterstützt. Sie beginnt, sich für Frauenrechte starkzumachen. 2006 gründet sie NSS.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 10/17

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