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WELTFRAUEN<br>Sarah Zouak

Mit dem in fünf islamischen Ländern gedrehten Dokumentarfilm „Women SenseTour“ will die 27-jährige Französin Sarah Zouak beweisen, dass Feminismus und Islam vereinbar sind.

Ihre braunen Augen leuchten perfekt geschminkt hinter einer dicken Hornbrille, die sie sofort ablegt, sobald eine Kamera auf sie gerichtet wird. Seit ihrem Film „Women SenseTour“ steht Sarah Zouak oft selbst im Rampenlicht, denn die Frankomarokkanerin kämpft mit Charme gegen sämtliche Vorurteile und will das Einheitsbild der „untergebenen Muslimin“ abschaffen. „Die Muslimin ist so vielschichtig und verschieden wie alle Frauen“, erklärt die Filmautorin in Paris, salopp gekleidet in Jeans und Turnschuhen. Während der Dreharbeiten in Marokko, Tunesien, Indonesien, der Türkei und im Iran ließ sie einfach die Kamera laufen. Während langer Busfahrten ist sie bis tief in die Täler des marokkanischen Atlasgebirges vorgestoßen oder in einsame Dörfer auf weit entfernten Inseln Indonesiens gefahren. „Auch im Iran oder in der Türkei sind Frauen, die etwas für die Frauenrechte tun, keine Seltenheit“, sagt die Powerfrau mit einem bezaubernden Lächeln. In Marokko traf sie Aicha Ech-Chenna, die der Gesellschaft zum Trotz drei Krippen und ein Frauenhaus für von den Familien verstoßene Mütter unehelicher Kinder eröffnet hat. Eine Lehrerin gründet in abgelegenen Gegenden Schulen, weil „das Wissen die Türen zur Gleichberechtigung öffnet“. Und in Rabat vereint Asma ­Lamrabet Akademikerinnen, die die islamischen Schriften aus weiblicher Sicht interpretieren. So locker wie Sarah Zouak heute debattiert, war es früher allerdings nicht. „Schizophren“ nennt sie ihren Zustand als Jugendliche. Zwar sei sie in der Idylle ihrer Familie aufgewachsen. Die Emanzipation habe Sarah im Blut, erzählt ihre Schwester, denn auch der Vater habe ihnen die Windeln gewechselt und das Abendessen zubereitet, da die Mutter bis 8.00 Uhr abends arbeitete. Die Eltern waren von Marokko nach Paris gekommen, um Sozialwissenschaften und Geopolitik zu studieren. „Wir profitierten von ihrer riesigen Bibliothek, und sie lehrten uns, stets demütig zu bleiben und für die andern zu sorgen“, erinnert sich Sarah Zouak. Als sie mit dem Ziel, eines Tages einen Konzern zu leiten, in Paris eine renommierte Handelsschule besuchte, versteckte sie allerdings ihre marokkanischen Wurzeln und den muslimischen Glauben, spielte voll und ganz die Französin. Während eines Praktikums bei der Vereinigung „Aides“ für HIV-Positive wandelte sich die Artige jedoch zur Rebellin. „Plötzlich habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass diese Menschen – Drogensüchtige, Prostituierte, Homosexuelle – unter der Diskriminierung leiden. Da kam für mich nur noch ein Einsatz in einer NGO infrage“. Als sie aber ihre Abschlussarbeit am Pariser „Institut für internationale Beziehungen und Strategien“, IRIS, den muslimischen Feministinnen widmen wollte, meinte die Direktorin: „Sarah, irgendeinmal musst du dich entscheiden: Entweder bist du Feministin oder du bist Muslima.“

Nicht der Koran, sondern die patriarchale Gesellschaft macht die Frau zum Opfer.

Sarah Zouak ist im Pariser Vorort Ivry aufgewachsen; Arabisch und Französisch sind ihre Muttersprachen, in Marokko hat sie alle ihre Ferien verbracht. Als Studentin in Paris lebte sie Frankreichs Laizismus, zu Hause den Islam. Mit „Lallab“ gründete Zouak 2015 Frankreichs erste multikulturelle Frauenbewegung für Musliminnen, aber auch für säkulare Französinnen und Lesben, die sich anderswo ausgeschlossen fühlen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/17