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Wenn das Gestern das Heute überfällt

Dieser schmale Band hat es in sich. Die Autorin Andrea Kern, 1989 in St. Pölten geboren, entwirft darin Alltag. Alltag in Österreich, in einer Schule, in einer Provinzbiografie. In der Schule gibt es keinen ruhigen Ort, die Stimmen hallen durch das Gebäude, auch das Lehrerzimmer ist kein stiller Ort. Wer hat da heute zu Angelika, der Hauptperson dieser Geschichte, gesagt, sie solle doch mehr aus sich machen. Nein, nicht beruflich, eher so mit Kajal.

In Erinnerung an ihr berufliches Geräuschemeer schminkt sich die engagierte Lehrerin an ihrem Geburtstag, denkt an ihrem 35. Geburtstag. Dann der Anruf der Eltern aus der Provinz, aus jenem Ort, den die beiden nie verlassen werden. Ihr war das nicht geglückt und heute ist sie vielleicht sogar froh darüber. Da ist er wieder, der Gedanke an den Missbrauch und an den Täter, Vincent Müller, den sie zufällig auf der Straße sah.

Googeln, den googeln, der ihr das angetan hatte? Die Eltern schweigen und wenn sie reden, dann nur über belangloses: Wird Angelika am Geburtstag mit ihrem Mann Erich „schön“ essen gehen?

Vincent war als Fremder ins Dorf ihrer Kindheit gekommen, konnte gut erzählen und hörte sich gern reden. Da saß dann auch der Vater mit am großen Tisch und hörte dem langhaarigen Fremden zu. Angelika beobachtete diesen Neuen, den Müller, genau. Schaute er sie etwa wirklich länger an als alle anderen? Wie hat er sich damals gesehen? Das erfährt Angelika bei einem Treffen als erwachsene Frau in einem mittelmäßigen Cafe. Sie sei so stark, so unabhängig, so revolutionär gewesen, damals in dem kleinen Dorf, das einfach zu klein für sie gewesen sei. Was redet da einer, der Falsches getan hatte: Er erzählt wortreich von sich, seiner Einsamkeit, von der mutigen jungen Frau, die ihn damals so fasziniert hatte. Er hatte es gewollt und sie doch auch? Nicht?

„Das Drängeln der Wörter aus ihrem Mund verstummte, plötzlich wollte sie ihn nicht mehr in Schuld waschen. Er tat ihr leid, wie er sich da in seine Unschuld schlang, sie davon überzeugen wollte. Seine Worte begannen gerade in seinem Mund zu wachsen …“

Eine Geschichte von Schuld, Begehren, Grenzen, Wegsehen und dem Nachmittagskaffee in einer brüchigen Idylle, die es überall zwischen lauten Wirtshausgeschwätz gibt. Eine Frau stellt sich ihrer Geschichte, ohne darin zu zerbrechen, ohne aber auch selber weiter in Lügengewändern durch ihr Leben haschen zu müssen. Es wird gut und das ist noch lange nicht das Ende.

Andrea Kern: Kindfrau
Roman
Wien: Picus 2014

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

2 thoughts on “Wenn das Gestern das Heute überfällt”

  1. Leonie Stauffer sagt:

    Ein äußert schwieriges Thema, welchem sich diese junge Autorin psychologisch feinsinnig und vor allem sprachgewaltig widmet. Immer mehr verschwimmen Täter und Opfer, Schuld und Unschuld – am Ende wusste ich selbst nicht mehr, wem ich „meine Absolution“ geben sollte. Man merkt, dass selbst bei scheinbar „eindeutigen Themen“ Schwarz und Weiß zu Grau wird.

  2. Irmgard Brigitte Lammerhuber sagt:

    Ich habe das Buch von Andrea Kern „Kindfrau“ gelesen. Es hat mich in seinen Bann gezogen. Ich konnte es nicht weglegen ohne zu wissen wie es Angelika schaffen wird mit ihrer Vergangenheit zu recht zu kommen. Es ist ihre große Chance mit den Ereignissen aus ihrer Kindheit, vor allem ihre verdrängten Erlebnisse aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, bevor sie selbst Mutter wird. Ihre Eltern und ihr Umfeld haben versagt. Es wurde nicht geredet, nachdem die Eltern, die Polizei, der Ort von der verbotenen Liebe erfuhr, wurden nicht ihre Gefühle, Erlebnisse, die Ursache ihrer verbotenen Liebe ergründet, sondern nur über sie geredet oder alles todgeschwiegen. Die Eltern sind sprachlos. Sie verstecken sich im Alltagsgeschehen. Genauso läuft es meistens ab. Verdrängen ist die Taktik.
    Die Schuldfrage stellte ich mir beim Lesen. Kann ein Mädchen mit 12 Jahren überhaupt Schuld sein? Nein. Es ist ganz normal, dass dieses Mädchen Liebe, Geborgenheit, Verständnis sucht, gerade in diesem Alter und besonders beim Nichtverständnis, der Kühlheit in der Beziehung der Eltern zu ihr. Wurde sie vom eigenen Vater auch missbraucht?
    Ist Vincent Schuld? Ja er ist der Erwachsene. Bei ihm liegt die Verantwortung. Trotzdem konnte ich seine Gefühle nachvollziehen. Er fühlt sich geschmeichelt. Ein Mädchen begehrt ihn. Er missbraucht ihre Gefühle nicht im negativen Sinn. Er spricht auf ihre Gefühle an und nimmt sie als Mensch mit Gefühlen und Wünschen wahr. Er gibt ihr Geborgenheit. Aber er hätte die Gefühle eines Mädchens im Alter von 12 Jahren nicht mit Sexualität beantworten dürfen.

    Andrea Kern schafft es, über die Gefühle der Protagonisten nachzudenken und sich in diese Personen hinein zu fühlen.
    Wie geht es mit Erich, ihrem Mann weiter. Er liebt seine Frau, er schätzt ihr Ruhe und Verschwiegenheit. Aber kennt er sie? Ist es genug seinen Partner/ seine Partnerin zu lieben, sollten wir nicht die Gefühlswelt, die Gedanken kennen, uns voll und ganz auf die Menschen, die wir besonders lieben, uns voll einlassen? Erich ist der typische Ehemann, gut charakterisiert, nett, aber oberflächlich. Ich glaubte ihn beim Lesen schon immer zu kennen.
    Ich kann das Buch nur empfehlen. Lesen und Nachdenken. Andrea Kern ist eine genaue Beobachterin, sie erkennt die Gefühlswelt der Menschen von denen sie schreibt.
    Es ist erstaunlich, dass eine junge Autorin bereits in ihrem Debütroman derartig wortgewaltig, einfühlsam und spannend mich als Leserin mitreißen konnte.

    Ich bin gespannt was wir noch von ihr lesen werden.

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