11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Wenn sich Gefühle, Zellen und Ansichten spalten

Sie liebt ihre Arbeit und er, Erik, liebt sie. Das erzählt er im Prolog: „Ich liebe sie, aber sie darf nie erfahren, wie sehr; würde sie das Ausmaß meiner Liebe ahnen, wäre sie weg.“ (S. 5) und betont gleichzeitig, wie fragil ihre Beziehung ist. Von einem vermuteten Leben und einer vermuteten Liebe ist hier die Rede und das ausgerechnet zu einer Frau, einer Wissenschaftlerin, die so gar nichts von Vermutungen hält. Sie hingegen hält sich an ihrer Forschung, ihrer Arbeit, dem Institut fest: Da gibt es Sicherheit, die der Forschung und die der sicheren Distanzen, niemand wagt es hier, ihr zu nahe zu kommen. Beide, Erik und die Protagonistin, werden immer wieder von den Erinnerungen an Leo, den Ex gequält, Leo, der sie ausgenutzt hat, der sie zu illegalen Handlungen zwang, Leo, der schließlich in einer Höhle starb. Oder besser gesagt, umkam und noch einen anderen Höhlenforscher mit in den Tod nahm. Ja, da war sie krank gewesen, wollte nicht mit. Aber, Schluss mit den Gedanken an Leo, der sie auch mit der Nachbarin betrogen hat und immer auf Toleranz machte. Die alte Dame, selbst Forscherin, selbst Ärztin, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, bringt ihr geordnetes Instituts-Dasein ordentlich durcheinander: Sie erzählt davon, dass sie gemobbt wurde, dass man sie aus dem Institut hinausgeekelt hat. Jetzt steht sie vor ihr, mit zwei jungen Männern, Jugendlichen, ach so, Zwillinge sind das, ach so, aus Afghanistan. Ach so, sie soll helfen. Verflucht, sie will ihre Ruhe.

Irgendwo hatte ich ein Maßband, ich suchte danach, maß ihre Fußlänge, Beine, Taille, Arme. Den Hals nicht vergessen, ermahnte mich die alte Dame. Zum ersten Mal konnte ich in diesem Raum wieder lachen: Ich habe nicht vor, ihnen maßgeschneiderte Hemden zu kaufen. Pulli und Shirt finde ich passender. Trotzdem müssen sie jetzt duschen, bevor die anderen kommen. Hier sind Badetücher, Handtücher. Und lassen Sie bitte das Fenster offen. (S. 63)

Naomi, die wissenschaftliche Assistentin, die nicht mehr schläft und kaum mehr isst, bleibt in ihrer Isolation, will ihre Chefin nicht enttäuschen und ihren wissenschaftlichen Lehrer rehabilitieren. Ein gemeinsames japanisches Essen verändert alles: Die Asisstentin genießt den Reis – kaum mehr jemand vermag Reis richtig zu kochen – sowie die anderen Köstlichkeiten, sie nimmt ihre Heimat in sich auf, wird müde und schläft zufrieden ein, auch ein wenig betrunken vom guten Shake. Dieser Roman verstört und versöhnt, er spaltet und er verbindet, die Forschung, die Natur und das Forschungslabor. Auch die Menschen finden zueinander, kränken sich, verstoßen und versöhnen sich. Dazwischen heftige Integrationsfragen: Was dürfen junge Männer ablehnen, die Frau am Steuer, das Essen der unverheirateten, kinderlosen Frau, die medizinische Hilfe einer Zahnärztin? Elisabeth Reichart setzt auf diese Beziehungsspaltungen noch die Riesenpilze aus dem Wienderwald drauf, die das Sicherheitssystem des Labors zum Schrillen bringen. Nun endlich, ein Forschungsdurchbruch, diese schwarzen Pilze: Wie treten sie mit der Wissenschaftlerin in Resonanz? Pilze, Resonanz, verseuchte Pilze, die Wissenschaftlerin wird im Institut brutal niedergeschlagen. Und wo ist diese ominöse alte Wissenschaftlerin geblieben und die illegalen Zwillinge aus Afghanistan? Naomi kehrt nach Japan zurück, die Sehnsucht nach diesem phantastisch gekochten japanischen Reis hat gesiegt, die Protagonistin reflektiert im Krankenhaus ihre Verletzungen, die alte Dame hat mit ihrem Sohn Frieden geschlossen, den Zwillingen geht es gut. Noch einmal Erik, der Nähe nicht aushält, der ein Muster an Resilienz ist:

Ich werde dir ganz altmodische Briefe schreiben. Briefe können deine Ohren nicht schmerzen. Ich werde dir Blumen schicken. Keine Rosen, die könnten dich an Leo erinnern. (S. 217)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: die Phantasien der genialen Reichart, die geniale Verbindung von Phantasie und Realität, die feinen Skizzen besonderer Menschen, Freude an exakter Arbeit, Interesse an bizarren Forschungen, Seitenhiebe auf Machismo in der österreichischen Forscherwelt, Innenwelten, Liebe zu den Momenten, in dem alle Masken versagen.

 

Die Autorin wurde 1953 in Oberösterreich, Steyregg, geboren; sie studierte Germanistik in Wien und Salzburg, Auslandsaufenthalte in den USA und in Japan, zahlreiche Auszeichnungen.

 

 

Elisabeth Reichart:
Frühstück bei Fortuna.
Salzburg: Otto Müller Verlag 2016.
217 Seiten.

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.