11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Wer die Kinder kriegen muss und wer in die Stadt ziehen darf

Ein Bub, der Norbert, und ein Mädchen, die Martha, und ein Leiterwagen. Die Ich-Erzählerin sitzt da drinnen, ihre Schwester, Josefa, setzt sich zu ihr und bringt das Gefährt ins Wanken. Die Kinder müssen warten, bis sie von der Großmutter gerufen werden, da, der Vater kommt mit einem Bündel am Arm vor die Tür: „Das ist Kathi!“ – Norbert grantelt: „Schon wieder kein Bub“. Die Kinder spielen gern draußen, der Krampus erschreckt sie, später vergessen sie ihn und sogar den Nikolaus wieder und kehren in ihre eigene Welt zurück, in der es im Spiel Schnaps für den Buben und ein Kracherl für das Mädchen gibt, die Ich-Erzählerin gibt die Kellnerin. Die Kindheit lässt sich ruhig an, viel gibt es zwischen den Mostbirnbäumen und bei den Nachbarn zu beobachten, manches merkt sich die Anni, die Ich-Erzählerin, sehr lange. Etwa den Besuch des Pfarrers, der ihr vorschlägt, doch ins Kloster zu gehen; der Vater hätte sie gern als Hoferbin. Bernadette, die verstorbene Schwester, soll, so der Pfarrer, doch ihr Schutzengel sein; Anni widersetzt sich diesen Vereinnahmungen: Ich möchte mir einmal die Welt anschauen.

Die Schwestern verlieren sich nicht aus den Augen, sie entwickeln sich unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Linz ist die erste größere Station des Weggehens, hier treffen sich Katharina und Anna manchmal und vergleichen sich in all ihrer Unterschiedlichkeit. Der Vater hat den Hof halten können, die Mutter ist schweigsam, seltsam geworden, vielleicht ja auch der Vater, der noch nie viel gesprochen hat. Als die Mutter stirbt, beschleunigt sich das Geschehen: Unterschiedlichkeiten werden deutlicher abgesteckt, der Vater wird noch seltsamer, wäscht er sich noch? Die Geschichte vom Gehen und Bleiben geht in die nächste Generation über: Da wollen die Töchter einfach alles, Kinder, Karriere und auch noch in die Politik gehen? Erfolgreich sein und doch nie Zeit für den Vater haben?

Erinnerungen an die Mutter vor und nach ihrem ersten Schlaganfall dominieren die Gespräche, plötzlich hat sie exotische Speisen zu kochen begonnen, sie, die früher so pragmatisch war. Die Ich-Erzählerin ist in der Beratung für Frauen tätig und das mit großer Leidenschaft. Was also mit dieser Schwangerschaft? Wieder tauchen die Erinnerungen an die Mutter auf, die sechs Kinder hintereinander viele Nächte durchs Haus getragen hat, darauf hoffend, dass das Tragen die Schreier beruhigt und der Vater schlafen kann. Kinder, der Hof, das war alles Frauensache. Die Töchter entdecken eine große Liebe der Mutter, sie selbst hat nie vom Mischa erzählt und auf dem Hochzeitsfoto so gar nicht glücklich ausgesehen. Kein Lächeln entdecken die Töchter auf den Hochzeitsfotos der Eltern, sie suchen es im Gesicht ihrer Mutter.

Dann schließlich sind die Rollen verteilt: Josefa übernimmt den Hof, Anna wird Sozialarbeiterin und Katharina Politikerin. Die Treffen werden seltener, dafür heftiger, glauben die Schwestern wirklich, dass Josefa keine anderen Pläne gehabt hätte? Sie waren kluge Mädchen, hatten alle ihre Träume, so wie die Mutter.

Das Wohnhaus sollte umgebaut werden. Es würde viele Räume geben, eine Heizung, Warmwasser, ein Badezimmer und eine moderne Küche. Warum sind wir jetzt reich, fragte ich Vater. Wir sind nicht reich, sagte er. Ich mache Schulden bei der Raiffeisenbank. Ganz viele Schulden.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Besinnlichkeit, Familien- bzw. Frauengespräche, Emanzipation in unterschiedlichen Stadien, Heimat ungeschönt, die Brutalität des Landlebens, nicht, dass das Stadtleben sanfter wäre, feine Beobachtungen, kleine Szenen mit großer Aussagekraft.

 

Die Autorin, Jahrgang 1963, lebt mit ihrer Familie in Leonding bei Linz. Sie hat die Literaturakademie Leonding absolviert, zahlreiche Texte in Literaturzeitschriften veröffentlich und hat den Literaturpreis für Prosa des Forums Land Niederösterreich erhalten.

 

 

Christine Mack:

Solange wir träumen.

Roman.

Picus 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.