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Wer sind die Frauen, die unsere Eltern pflegen?
Sie kommen großteils aus der Slowakei, Ungarn sowie Rumänien und betreuen in Österreich alte Menschen in ihren Wohnungen. Sie kochen, putzen, bügeln, helfen beim Anziehen, bei der Körperpflege und begleiten zum Arzt. Wer sind diese Frauen, die an ihrer Arbeitsstelle wohnen und schlafen und rund um die Uhr in Bereitschaft stehen?

Unsere Mutter kann nicht mehr alleine leben“, waren sich Inge Kronberger und ihre Schwester einig. Die Versorgung durch Heimhilfe und mobile Krankenpflege war für die 75-Jährige nicht mehr ausreichend. Und dann gab es noch das Versprechen der Töchter, ihre Mutter nie in ein Heim zu geben. Die Lösung? Eine 24-Stunden-Betreuung in den eigenen vier Wänden. Über die Empfehlung von Bekannten lernte Frau Kronberger die Rumänin Dorica kennen.

Die 52-Jährige, vertreten durch eine Vermittlungsagentur, war auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle. Frau Kronberger, die 40 Kilometer entfernt von ihrer Mutter lebt, hatte anfangs Bedenken. Wie wird die Mutter auf eine fremde Person im Haus reagieren? „Da sie nur begleitende Betreuung braucht, war Doricas ,Schnellsiedekurs‘ in Sachen Pflege ausreichend.“ Mittlerweile sind Dorica und die alte Frau „richtig zusammengewachsen“. Inge Kronberger kommt jede Woche zweimal zu Besuch. Einfach zum Nachschauen, wie sie sagt. „Hineinschauen kann man ja in niemanden.“ Das Wort Kontrolle vermeidet sie.

Ulrike M.* musste hingegen „von heute auf morgen“ eine Lösung für den alten Vater finden. Der 88-Jährige war schwer gestürzt. Nach zwei Operationen war klar, dass er Tag und Nacht eine intensive Pflege nötig brauchen wird. Im Krankenhaus bekam Frau M. 17 Seiten mit Agentur- und Vereinsadressen in die Hand gedrückt. „Zuerst war ich echt verzweifelt“, meint die Schuldirektorin rückblickend über ihre Suche nach zwei gut ausgebildeten Krankenschwestern. Sie telefonierte sich durch die Listen, machte Notizen, verglich Angebote und Preise und strich Adressen durch. Letztlich verließ sich Ulrike M. bei der Wahl auf ihr „Bauchgefühl“. Doch auch nach Wochen Angewöhnungszeit „fanden eine von den beiden Pflegerinnen und ich nicht zueinander“. Ein Anruf bei der Agentur genügte. Binnen Stunden kam eine neue ins Haus. „Mit ihr bin ich sehr zufrieden.“

BÖHMISCHE SCHWESTERN
Die 24-Stunden-Betreuerinnen kommen zum Großteil aus der Slowakei, Ungarn und Rumänien, um in Österreich 14 Tage rund um die Uhr Hilfsbedürftige zu betreuen. „Böhmische Schwestern“ wurden die ersten Frauen genannt, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 illegal zur Arbeit in österreichische Privathaushalte gebracht wurden.

Maria R.* war eine dieser „Schwarzarbeiterinnen“ in den 90er-Jahren. Die Diplomkrankenschwester wurde, damals 23 Jahre alt, von einer Agentur vermittelt. „An der Grenze sprach unser Fahrer jedes Mal von Durchreise und Urlaub in Kroatien.“ Die Erinnerungen an die Grenzübertritte sind für die 40-Jährige heute noch unangenehm. Zwei Jahre arbeitete sie damals bei einem gebrechlichen Ehepaar „wie eingesperrt“ in dessen Wohnung. Ihre Angst, aus dem Haus zu gehen, war groß – und berechtigt. Während eines Heimataufenthaltes wurden sie und ihre Arbeitgeber von einer Nachbarin angezeigt. „Ich kenne Frauen, die damals mit fünf Jahren Einreiseverbot belegt wurden, die Familien der Betreuungspersonen zahlten Strafe.“ Mittlerweile ist Marias Ausbildung als Diplomkrankenschwester in Österreich nos­trifiziert. Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung sind seit dem EU-Beitritt der Slowakei 2004 kein Thema mehr.

Im Jahr 2007 wurde in Österreich die 24-Stunden-Betreuung im Hausbetreuungsgesetz, dem Hausgehilfen- und Hausangestelltengesetz sowie in der Gewerbeordnung geregelt, um Pflegebedürftigen die Inanspruchnahme von Hilfe „bei der Haushalts- und Lebensführung“ zu ermöglichen. Anfangs waren den PersonenbetreuerInnen alle Tätigkeiten verboten, die den Gesundheits- und Krankenpflegeberufen vorbehalten waren. Das hatte sich in der Praxis als völlig unpraktikabel erwiesen. Verbände wechseln, Medikamente reichen, Versorgung bei Inkontinenz – all das gehört mittlerweile zu ihrem Berufsalltag. Wobei die Frage der Haftung bis heute weitgehend ausgeblendet wurde.

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Zurzeit leben schätzungsweise 44.000 bis 50.000 Frauen als 24-Stunden-Kräfte legal in Österreich. Nicht überraschend ist, dass darunter kaum Männer zu finden sind. „Diese Zahlen beziehen sich auf die Haushalte, die um Förderung angesucht haben“, erklärt Mag.a Manuela Hiesmair vom Institut für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung an der Universität Linz, die eine Befragung von 24-Stunden-Betreuungskräften in Oberösterreich durchgeführt hat.

Die Sozialwirtin nennt Pflegestufe 3 und die Einkommensgrenze von 2.500 Euro netto als Voraussetzung für den staatlichen Zuschuss für 24-Stunden-Betreuung. Eine Betreuerin wird in den Haushalt der pflegebedürftigen Person aufgenommen. Ihre wöchentliche Arbeitszeit beträgt mindestens 48 Stunden und nach 14 Tagen muss eine ebenso lange Periode Freizeit gewährleistet sein. Währenddessen kommt eine zweite Betreuerin ins Haus. Die Fahrtkosten, abhängig von der geografischen Lage des Heimatortes der Pflegerin, und der Betrag für ihre Sozialversicherung sind von der zu pflegenden Person zu tragen. Ebenso die Ausgaben für den täglichen Bedarf.  Die Gebühren für Vermittlungsagenturen variieren.

Vermittelt werden Pflegekräfte von Agenturen, im Internet, durch informelle Netzwerke und die großen österreichischen Wohlfahrtsträger wie Hilfswerk oder Caritas. „Viele Angehörige sind bereit, Zuzahlungen zu leisten oder bestehendes Vermögen für die Bezahlung der Pflegekräfte heranzuziehen“, so Sozialwirtin Hiesmair. Die Frauen arbeiten zum Großteil selbstständig. Ihr Tagsatz beträgt je nach Aufwand und Ausbildung im Durchschnitt zwischen 50 und 75 Euro. Doch Diplomkrankenschwester Maria R. kennt die Dumpingpreise auf dem Pflegemarkt und Rumäninnen, „die bereit sind, für 25 Euro am Tag zu arbeiten“.

Die Arbeitsbedingungen sind von Gesundheitszustand und Charakter der Pflegeperson und den Wohnverhältnissen abhängig. „Ich kenne Frauen, die jede Nacht auf einer kaputten Couch in der Küche schlafen mussten, keine Minute Freizeit hatten und als Reinigungsfrauen missbraucht wurden“, sagt Waltraud Eder, diplomierte Krankenschwester. In der persönlichen Beziehung liegen viele mögliche Konflikte. Das kann die Sprache sein, die kulturellen Unterschiede oder die Speisen, die zu fett, zu süß oder zu scharf zubereitet sind. „Würdigung und Respekt vor dieser Arbeit, Gespür und Erfahrung für diese Arbeit“, meint Waltraud Eder, seien wesentliche Voraussetzungen, dass „das Arrangement zwischen Arbeit und persönlicher Nähe“ funktionieren kann.

CARE-ARBEIT
„Gönnerhaft“ empfindet Dr.in Doris Pfabigan vom Institut für Pflege- und Versorgungsforschung, UMIT Wien, die kontrovers geführte Diskussion über gekaufte Pflege. „Sie reicht von ‚Diese Frauen sollen froh sein, dass sie bei uns einen Job haben‘ bis zur Einschätzung, dass es sich um Ausbeutung von weiblicher Arbeitskraft handelt.“ Ihrer Meinung nach ist das Thema Pflege auf politischer Ebene durch die 24-Stunden-Betreuung „in den halbprivaten Bereich verschoben, weit weg von Mindestlöhnen und Tarifsätzen“.

Als ausgebildete Krankenschwester, die jahrelang in der mobilen und stationären Altenpflege tätig war, kennt Doris Pfabigan den Wunsch der Angehörigen, „die pflegebedürftigen Angehörigen sicher versorgt zu wissen“. Verständlich ist der Wunsch, sie keinem institutionellen Rhythmus unterwerfen zu wollen: Mutter muss in der Früh nicht mit dementen Menschen an einem Tisch sitzen. Vater muss nicht auf die Toilette gehen, nur weil die Pflegekraft gerade Zeit hat. „Durch Bedürftigkeit entsteht viel Unsicherheit. Da geben Lebensgewohnheiten und vertraute Umgebung viel Schutz“, so die Expertin. Um das Zuhause zu erhalten, nehmen alte Menschen einiges in Kauf. Auch eine fremde Frau an ihrer Seite.

Aus gesellschaftspolitischer Sicht lehnt Doris Pfabigan die 24-Stunden-Betreuung aber ab. „Diese sogenannte Care-Arbeit, die nach wie vor zwischen den Geschlechtern ungerecht verteilt ist, wird von Frauen an Frauen weitergegeben, die ökonomisch schlechter gestellt sind.“ Ihrer Meinung nach ist mit den aktuellen Tagsätzen für Frauen im Pflegebereich deren Armut im Alter vorprogrammiert. „Pflegepersonal braucht Wertschätzung durch entsprechende Gehälter.“ Doris Pfabigan fordert dringend die Diskussion über „eine grundsätzlich andere Sorgekultur, die nicht mehr nur auf Kosten von Frauen gehen darf“.  

* Name der Redaktion bekannt.