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Werde ich zur Schmugglerin?

„Happiness is a choice“ lese ich auf einer großen Reklametafel, die sich beim Stauen zum Kairoer Flughafen in meinen Blick drängt. Und weil fünf Millionen Autos ihre Zeit brauchen, um von A nach B zu kommen, schenkt mir diese Fahrt ausreichend Reflexionszeit. Kann man sich tatsächlich dafür entscheiden, glücklich zu sein? So von jetzt auf gleich? In jeder Situation? Oma gestorben? Ich bin glücklich. Haus abgefackelt? Ich bin glücklich. Das Herz ans andere Ende der Welt teleportiert? Ich bin glücklich. Das soll funktionieren?

Dabei muss ich an meine zweite „Tochter“ denken, die gerade das Für und Wider einer Fernbeziehung abwägt. Die gewünschte Nahbeziehung, um die sie sich jahrelang bemühte, hat sich nie erfüllt, weshalb sie schmerzhaft Abschied davon nahm. Wie ich von ihrem Vater nach 18 Jahren. Und jetzt also das andere Extrem? Ich sehe ein glückliches Gesicht, wenn ich mit ihr videochatte, nach langen Monaten des Zweifels wieder Lebendigkeit und Strahlen in ihren Augen. Doch war das eine Entscheidung? Wohl eher ein Loslassen -Müssen, um Platz für das Entstehen von Glück zu machen. Denn auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die mit einem Lächeln graue, wahlweise stürmische Gedanken wegwehen – nachhaltig ist diese Ablenkung selten.

Nachhaltiges Glück entsteht, wenn man seine Organe zum Lächeln bringt, würde ihr Bruder, „mein“ Ältester, sagen. Wie ich das mit meinem Magen (eine extragroße Portion Jakobsmuscheln) oder meinen Lungen (acht rauchfreie Tage) erreichen kann, wusste ich immer. Doch mein Herz wollte und wollte nicht lächeln. Das ging über Jahre, und allmählich vergaß ich, mich darum zu bemühen. Erst als im Juni des vergangenen Jahres in meiner Brust etwas zu strahlen begann, fiel es mir wieder ein.

Auf Facebook lese ich: „Glück ist, wenn die Katastrophe Pause macht.“ Bei mir fingen mit dem Strahlen meines Herzens die Katastrophen erst an. Es ging Schlag auf Schlag, und ich fühlte mich sehr schlecht dabei, trotz allem glücklich zu sein. Auch das war keine Entscheidung, sondern ein Zustand, der nach allen Verwerfungen übrig blieb, wenn ich müde ins Bett ging. Und von dem eine unglaubliche Kraft ausging, die mich bis heute trägt.

Wenn ich meiner Tochter in die Augen sehe und ihre Unbeschwertheit erlebe, erkenne ich mein eigenes Strahlen wieder. Sie und ich haben dem Glück einen Platz in unserem Leben leer geräumt, in dem wir uns gegen das Unglück entschieden haben. Doch ist das gleichbedeutend mit „Happiness is a choice“? Die Stunden des Zweifels, der Ungewissheit, der Unstoppbarkeit der Gedanken gibt es trotzdem. Die Stunden, in denen weder Maturavorbereitung noch Spaziergänge im weißen Strand, tamilische Volksfeste oder das Eintauchen in die Wellen des Indischen Ozeans davon ablenken können.

Mauritius ist eine Insel der Seltenheiten – man denke an die blaue Briefmarke. Vielleicht ist es auch deshalb verboten, Muscheln und Korallen nach Europa zu importieren. Doch sollte ich den Schlüssel zum Tor der Glückserkenntnis finden, wird er eingeschmuggelt.

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