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HellseherInnen, HellschmeckerInnen, HellfühlerInnen, SchamanInnen, KartenlegerInnen und OrakeldeuterInnen bieten heute vielfältig ihre Dienste an. Im großen Supermarkt der Sinnversprechen könnte ein bisschen Vernunft nicht schaden.

Mindestens 36 riesige Regalmeter misst die Esoteriksektion in der Thalia-Buchhandlung in der Wiener Landstraße. Da geht es um Chakren, Channeln und Geistheilen. Um Engel, Edelsteine und Earthing. Um Orakel, magische Kräuter und Astralwelten. Man findet die fantastischsten Bücher wie „Toröffnung in die fünfte Dimension“, „Im Einklang mit der göttlichen Matrix“ oder auch „Das Evangelium der Maria Magdalena“. Die Fülle an Titeln und Themen ist wahrlich erschlagend, und das Thalia-Angebot ist noch bescheiden im Vergleich zu dem der Fachhandlungen wie beispielsweise „777“ oder „OM“ in Wien. Keine Frage, unter dem Begriff „Esoterik“ versammeln sich alte Weisheiten und neue Produkte zu einem sehr bunten Supermarkt der Sinnversprechen. Versuchen Sie’s mit Botschaften von Lady Gaia oder mit denen des Meisters Kuthumi – alles ist verschieden, und doch ist alles eins. Vor allem aber ist es: geheimnisvoll.

GEHEIMES WISSEN FÜR ALLE.
Das Wort Esoterik bedeutet eigentlich „nach innen gerichtet“. Es bezeichnet ein „verborgenes Wissen“, das nur einer ausgewählten Gemeinschaft zugänglich ist. Weil esoterische Lehren sich mit dem befassen, was jenseits des anerkannten Wissens und der gängigen Meinung liegt, haftet ihnen oft der Ruch des Unheimlichen und des Ausgestoßenen an. Das hat eine lange Tradition. Die Kirche verfolgte solche Lehren oft als Häresie, und weil man gern mit dem Verbotenen spielt, gehören Hexenkult und Satanismus in jedes gute Buchregal der Esoterik.
Heute neu ist allerdings, dass ein großer Teil des „Geheimwissens“ für alle offen, leicht verdaulich und vor allem käuflich ist. Zwar spielt Esoterik immer noch mit dem Zauber des Geheimen, der besonderen medialen Begabung der Hellsichtigen und Hellhörigen, doch gleichzeitig kann man all diese Fertigkeiten angeblich auch per Handbuch lernen, und für die schnelle Hilfe sorgen Edelsteinmischungen, das Kartenset „Sorgenfrei in Minuten“ oder die Wunderkerzen „Spellbreaker“ („Zauberauflöser“).
Eines der Merkmale der Esoterik ist, dass sie „eklektizistisch“ ist, sich also ihre Vorstellungen aus allen möglichen Versatzstücken und Traditionen zusammenbauen kann und auch scheinbar Gegensätzliches in sich vereint. Doch weil sich vieles davon so gut verkaufen lässt, ufern Angebot und die Inhalte der Esoterik immer weiter aus, die Grenzen zu Psychologie, Wellness, allgemeiner Lebenshilfe und alternativen Heilmethoden ist kaum noch zu ziehen. Die Übergänge zum Alltäglichen sind fließend, und vielleicht kann man sagen, dass das normale Leben derzeit immer esoterischer wird.

SEHNSUCHT NACH RELIGION.
Ganz einfach als Unsinn abtun lässt sich die Esoterik nicht. Hinter dem Glauben an Energiefelder und Geister, an Schamanenkunst und Engelbotschaften steckt ja ein ernstes Anliegen – denn es geht um Spiritualität, um Wachstum, um Heilung und Schicksalsbewältigung und auch um das Ungenügen einer kalten, wissenschaftlichen Vernunft. Man könnte die Masse an esoterischen Angeboten auch als ein ungeheures Trostbedürfnis deuten, als eine verzweifelte Suche nach Halt, Hoffnung und Sinn. Denn klar ist, dass die Esoterik in Europa zum Teil an die Stelle der traditionellen Religionen tritt. Vor einigen Jahren schon kursierte die These von einem neuen „Megatrend Spiritualität“ (Paul M. Zulehner), und dieser Trend war den Kirchen verständlicherweise nicht ganz geheuer. Offensichtlich bauen sich die Menschen jetzt ihren Glauben als „Auswahlspiritualität“ oder „Sehnsuchtsreligion“ aus verschiedensten Versatzstücken zusammen. Weil heute die Kirchen und die Tradition unseren Glauben nicht mehr notwendig festlegen, kann man wählen. „Das ist nicht unbedingt schlecht, sondern auch eine Chance“, sagt die Kölner Theologin Saskia Wendel.

WO BLEIBT DIE FREIHEIT?
Esoterik bedient ein religiöses Bedürfnis. Umgekehrt lässt sich aber auch die katholisch-christliche Religion nicht scharf von der Esoterik abgrenzen. Wo wäre denn der genaue Unterschied? Ist die Mystik nicht sehr nahe am Alleinheitsglauben? Sind Reliquienanbetung, der Glaube an blutende Heiligenbilder und Marienerscheinungen oder Lourdes-Wunder wirklich so weit entfernt von magischen Zauberritualen und esoterischen Lichtheilungsversprechen? Mancher Wunderglaube beruht auf einem „magischen Missverständnis“, meint Saskia Wendel. Er folgt einer „Do-ut-des-Spiritualität“ („do ut des“ [lat.]: „ich gebe, damit du gibst“), die so tut, als könne man durch bestimmte Handlungen Heil erwirken, frei nach dem Motto „Ich schmeiße unten ein Werk rein und oben kommt die Gnade raus“.
Aber so einfach funktioniert das nicht. Im Gegensatz zum pantheistisch-esoterischen Denken geht das christliche Weltbild von einem personalen Gott aus, dessen Gnade ein Geschenk ist und auf Freiheit beruht. „Die Freiheit Gottes besteht darin, dass er mich in meine Freiheit setzt, also mich frei handeln lässt“, sagt Wendel.
Die Gesetze der Magie und der Esoterik kennen diese Form der Freiheit nicht. Ihnen zufolge handeln wir vorherbestimmt oder gelenkt durch Geistenergien. Wir sind Teil eines Ganzen und können nur versuchen, das Schicksal zu beeinflussen.

MODE, ABER NICHT MODERN.
Esoterik ist in Mode, aber eine moderne Sache ist sie ganz und gar nicht. Gerne beruft sie sich auf alte und älteste Zeiten, und es ist, als wolle ein Teil der Gesellschaft lieber wieder zu einer verspielten Vielgötterei zurückkehren und zu einem verzaubert-schillernden Weltbild, denn die Esoterik ist ein eigenartiges Mischgebilde: Sie ist fantastisch und tut doch wissenschaftlich, sie gibt Heilsversprechen und schürt zugleich Ängste, sie ist autoritätshörig und doch aufsässig, sie ist streng, dann aber auch wenig dogmatisch, sie ist zugleich kritisch und leichtgläubig. Aberglaube heißt ja nicht falscher Glaube, sondern „zu viel Glaube“.
Es ist ein wesentliches Merkmal der Esoterik, dass sie zwischen Geist und Materie, Denken und Sein nicht unterscheidet. Doch nur weil ich mir vorstellen kann, Berge zu versetzen, versetze ich noch keine Berge. Nur weil ich Energie spüre, muss es diese Energie nicht unbedingt geben. Und dass Feuer rot glüht, bedeutet deshalb noch nicht, dass alles, was rot ist, auch „Feuer“ enthält. Das esoterische Weltbild aber tut so, als gebe es die Einhörner, die Feen und das untergegangene Atlantis wirklich, als könne man tatsächlich mit Engeln telefonieren.
Zwischen Himmel und Erde gibt es vieles, was wir nicht wissenschaftlich erklären können. Und natürlich bewirkt der Glaube etwas, er kann Berge versetzen – aber doch nur im bildlichen Sinn. Das Verhältnis von Glaube und Wissen, von Erfahrung und Welt, von Leiden und Erlösung ist komplizierter, als die meisten esoterischen Angebote nahelegen.