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Wie fair ist Fair Trade?
Angemessene Arbeitsbedingungen, gerechte Bezahlung, Rücksicht auf Ökologie – das sind die Kernpunkte von Fair Trade. Wie aber sieht die Realität des Fairen Handels aus? Und wie sehr kann ein westliches Konzept im globalen Süden überhaupt funktionieren? Ein Lokalaugenschein bei Fair-Trade-Projekten in Ghana.

Bitte nennen Sie Ihre Mission!“ Esther Owusu-Mensah, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei Kuapa Kokoo in Ghana, der größten Fairtrade-Kakaokooperative der Welt, macht bei unserem Besuch klar, dass sie hier die Spielregeln vorgibt. Und dass sie und die versammelten führenden Mitglieder der Kooperative vor den BesucherInnen aus Europa nicht buckeln werden.

MACHTGEFÄLLE
Es ist eine wohltuende Abwechslung zu dem, was wir bei anderen Fair-Trade-Projekten in Ghana erlebt haben, wo wir uns gelegentlich allzu sehr emporgehoben fühlten. „Kuapa Kokoo ist eine der am weitesten fortgeschrittenen Kooperativen, ihr Selbstbewusstsein vorbildhaft“, bestätigt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, unseren Eindruck, dass auch in Projekten des Fairen Handels nicht immer auf Augenhöhe agiert wird. „Das Machtgefälle zwischen Westen und Süden ist eindeutig da. Das ist nicht zu leugnen. Ein kleiner Bauer in Ghana hat gar keine Macht. Ist er in einer Kooperative, dann hat er schon etwas mehr Macht. Der Fairtrade-Mindestpreis dient auch dazu, das Machtgefälle zu reduzieren“, ergänzt Kirner. Der Mindestpreis kommt dann zum Zug, wenn der Weltmarktpreis so tief sinkt, dass eine nachhaltige Produktion aus dem Verkaufserlös nicht mehr aufrechterhalten werden könnte. Steigt der Weltmarktpreis über den Mindestpreis, so erhalten die Genossenschaften den höheren Marktpreis. Eine faire Vorgangsweise für die ProduzentInnen.

640.000 Säcke Kakao produziert Kuapa Kokoo jährlich. Und dennoch haben viele der Far­merInnen noch nie Schokolade gegessen.
Bei unserem Besuch bekommen sie von einem dänischen Fair-Trade-Importeur erstmals welche überreicht. Eine Geste, die zwar angenommen wird, aber auch zur Feststellung führt, dass es eine Verbesserung wäre, wenn die Schokolade­produktion hier im Land stattfände, damit auch die Kinder später einen Job hätten.

„Die Wertschöpfung vermehrt im eigenen Land zu halten, ist sicher wünschenswert. Allein bei der Schokoladeproduktion ist es schwer machbar. Das sehen wir bei einer Kakaokooperative in Peru. Die Logistik stabil zu halten und die Temperaturschwankungen auszugleichen, ist noch nicht gelungen“, so Kirner. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, ein Gefühl des Kolonialen, und die Erinnerung an den Führer einer Sklavenburg an der Küste wird wach. Der meinte, seit dem Handel mit SklavInnen habe sich nicht viel geändert.

Der Nutzen von Ghana gehe nach Europa. Früher mit den SklavInnen und heute mit Rohstoffen wie Kakao, von denen europäische Firmen profitieren. Kuapa Kokoo ist immerhin allein in ghanaischer Hand, im Gegensatz zu den anderen von uns besuchten Fair-Trade-Projekten, bei denen westliche Firmen in irgendeiner Form mitmischen. Die Eigenständigkeit ist ein Fortschritt, und es bleibt zu hoffen, dass er um sich greifen wird. Damit der Faire Handel seinen heute noch gelegentlich kolonialen Beigeschmack verliert.

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Auf lokalen Märkten wie dem „Nkurakan Market“ im Süden Ghanas sind Bananen eine wichtige Einkommensquelle für Frauen.

LUXUS VERSUS BASIS
Wir gut genährten, gebildeten WesteuropäerInnen haben aber wohl auch andere Ansprüche als die Menschen im Land selbst. Für sie ist es erst einmal wichtig, dass sich die Lebensbedingungen ganz konkret im Alltag verbessern. „Mit dem Geld, das ich verdiene, kann ich die Krankenversicherung zahlen.“ – „Durch die Arbeit hier kann ich Essen und Kleidung für meine drei Kinder verdienen.“ – „Der Vater bekennt sich nicht und gibt kein Geld für meinen Sohn. Mit dem Geld von hier kann ich ihn zur Schule schicken. Vielleicht wird er einmal Arzt.“ Das erzählen die Frauen im Fair-Trade-Glasperlenprojekt in Krobodan und freuen sich sichtlich.

Genug Einkommen für die Basisversorgung zu haben, ist viel für die Frauen und erscheint dem westlichen kritischen Geist gleichzeitig zu wenig. Wissen die Frauen überhaupt, dass sie hier mehr profitieren als bei irgendeinem konventionellen Job in ihrem Land? Und warum reden sie nicht auch darüber? Von fairen Arbeitsbedingungen, umweltgerechter Produktion, Mitbestimmung, den Prinzipien von Fair Trade eben. Oder ist das alles etwa gar nicht der Fall? Doch, ist es wohl schon. Auch wenn Fair Trade kein geschützter Begriff ist, gibt es schließlich verschiedene Konzepte, um Kontrolle für Fair-Trade-Produkte zu gewährleisten.

Ist ein Produzent nicht Mitglied einer der beiden großen Fair-Trade-Organisationen, obliegt dem Importeur die Verantwortung für den Fairen Handel. Nur ist ein besseres Einkommen einfach die Grundvoraussetzung für ein besseres Leben.

Joshua Nyumuah, Leiter von Krobodan Beads, erzählt uns, dass das Einkommen für die Frauen durch die Arbeit bei Krobodan nun viel höher sei, da sie nicht nur am lokalen Markt ihre Produkte verkaufen, sondern auch für den Export, darunter eben auch für den Fair-Trade-Export. „So viel zu verdienen ist eine große Chance für die Frauen, denn manche haben überhaupt keine Schulbildung.“

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Christiane Tetteh, 45 Jahre, Witwe: „Mit der Perlenproduktion kann ich genug Geld für Kleidung und Essen für meine drei Kinder verdienen.“

Die Glasperlen werden mittels einer Technik, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, mit lokalen und recycelten Materialien produziert. Altglas wird fein im Mörser zerstampft, in Formen verteilt und anschließend im Lehmofen zu Glasperlen geschmolzen. Masken schützen vor dem feinen Glasstaub. Ob die Arbeiterinnen die Masken immer tragen? Oder nur um sie uns vorzuführen? Kleine Kinder laufen daneben ungeschützt herum. Die kritische Stimme wieder. Ist diese Frage wichtig genug? „Die Arbeitsbedingungen sind bessere, da die Frauen etwa nicht mehr unter der Sonne arbeiten müssen und Waschräume zur Verfügung haben“, erklärt uns Joshua Nyumuah. An die Möglichkeit, dass es keine Waschräume geben könnte, hat der westliche Geist gar nicht gedacht.

HILFE FÜR ALLEINERZIEHERINNEN
In der Perlenproduktion in Krobodan profitieren hauptsächlich Alleinerzieherinnen von Fair Trade, ebenso in der Korbproduktion „Peter Agandaa Fair Baskets“, die wir uns in Bolgatanga, im Norden Ghanas, ansehen. In beiden Handwerksproduktionen werden Einkommensbedingungen geschaffen, die es den Frauen erlauben, in ihrer Dorfgemeinschaft zu bleiben, statt in die Stadt abwandern zu müssen. Die Rate an Alleinerzieherinnen ist hoch in Ghana, da sich viele Väter der Verantwortung entziehen, Heiraten teuer ist und Männer tendenziell früh sterben, sodass viele Frauen jung als Witwen zurückbleiben.

Und da es hier die Tradition der Vielehe gibt, sind beim Tod eines Mannes gleich mehrere Frauen mit ihren Kindern betroffen. „Manche brechen die Schule ab, um in den Süden zu gehen, weil ihr einziger Gedanke ist, was sie essen sollen. Besonders junge Frauen werden verrückt in der Stadt und nehmen Drogen“, erzählt Geschäftsführer Peter Agandaa. Dass Frauen sich und ihre Familien ausreichend versorgen können, ist daher auch oberstes Ziel dieses Fair-Trade-Betriebs.

Die Chancen dafür stehen gut, da die Nachfrage nach den Körben enorm ist. Allein 2013 wurden 12.000 Körbe hauptsächlich für den Export produziert, das ist das Doppelte vom Vorjahr. Dass dabei die Qualität sehr wichtig ist, davon konnte sich Peter Agandaa bei einem Besuch in dänischen Fair-Trade-Geschäften überzeugen. „Ich wusste dadurch, dass die Kritik stimmt, die von den Importeuren an der Qualität geäußert wurde. Und zurück in Ghana bin nun ich die Autorität und nicht mehr die Importeure.“ Ein eindeutiger Gewinn an Augenhöhe.

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Von der Fairtrade-Prämie wurde auf der Bananenplantage Volta River Estates Ltd. eine Schule finanziert.

AUF AUGENHÖHE?
Weniger ausgeglichen wirkt die vom Importeur aufgewendete Geldsumme zur Hebung der Motivation.  Auch wenn ein Fahrrad einen großen Gewinn an Lebensqualität bedeuten mag, ist zu fragen, ob das im Sinne der demokratischen Idee von Fair Trade ist. Und ob es nicht auch im Handwerksbereich eine freiwillige Prämie in adäquater Höhe geben könnte, so wie sie für Lebensmittel vorgeschrieben ist. Im Fall von konventionell angebautem Kakao in Ghana etwa beträgt die Prämie zehn Prozent des Mindestpreises, der an die Kooperative geht.

Die Kooperative Kuapa Kokoo etwa hat mittlerweile mit dem Geld der Prämie nach gemeinschaftlicher Abstimmung ein Computerzentrum, einen Schulblock mit regensicherem Dach, ein Spitalgebäude, Trinkwasserversorgung für die Gemeinde und einiges mehr finanziert. Mit einer derartigen Summe ließe sich auch in der Korbproduktion einiges erreichen, etwa das gewünschte Schutzhaus, damit die Flechterinnen nicht immer wieder in der Hitze kollabieren. Oder ein Lagerraum, der die Situation vieler ArbeiterInnen nachhaltig verbessern würde, denn hätte man einen Lagerraum, könnte man das Elefantengras, aus dem die Körbe geflochten werden, einkaufen, wenn der Preis günstig ist.

MENSCH UND NATUR
Häufig wird angenommen, dass Fairtrade-Lebensmittel automatisch auch biologisch  angebaut werden. Das ist nicht der Fall. Die Bananenplantage Volta River Estates Ltd. in der wasserreichen Voltaregion verkauft Fairtrade-Bananen in konventioneller und in biologischer Qualität. Hier waren wir erstaunt, zu hören, dass ursprünglich der gesamte Anbau nach Regeln der ökologischen Landwirtschaft erfolgte, aber nun zu 70 Prozent wieder auf konventionellen Anbau umgestellt wurde. Die Arbeit beim Bioanbau sei zu schwer, wurde uns erklärt, da weniger Unkrautvernichtungsmittel und keine schweren Maschinen eingesetzt werden dürfen. Daher seien viele ArbeiterInnen davongelaufen. Gleichzeitig hieß es, dass es auch keinen ausreichend großen Markt für Biobananen gebe.

Vielleicht war ein Grund für die Umstellung auf konventionellen Anbau aber auch, dass es bei Bioanbau von Bananen leicht zu Pilzbefall der Früchte kommt. „Mehr ‚bio‘, vor allem bei Bananen, wäre zwar wünschenswert, bei Fairtrade steht aber immer der Mensch im Vordergrund, nicht die Ökologie“, so Kirner. Konkret heißt das etwa, dass zum Schutz der ArbeiterInnen strengere Auflagen beim Einsatz von Pestiziden gelten.

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Zwei von mehr als 350 Korbflechterinnen eines Fair-Trade-Projekts in Bolgatanga/Nordghana.

WENIGER GIFT
Dass es gesünder sei, auf einer Fair-Trade-Plantage zu arbeiten, da die meisten Pestizide nicht zum Einsatz kommen, wurde uns daher auch als ein wesentlicher Vorteil in Sachen Arbeitsbedingungen von der Bananenplantage Volta River Estates Ltd. genannt. Frauen erhielten auch denselben Lohn wie Männer und verdienten mehr als das Mindestgehalt. Frauen bekommen außerdem sechs Wochen vor und sechs Wochen nach der Entbindung Mutterschaftsurlaub.

Viele der genannten Faktoren entsprechen den Richtlinien der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und können auch in konventionellen Betrieben vorgesehen sein. In Fairtrade-Betrieben werden sie aber auch wirklich eingehalten – durch die Kontrollen von Fair Trade Labelling Organizations (FLO). Die Kontrolle findet jährlich statt und dauert im Fall der Bananenplantage Volta River Estates mindestens drei Tage. Verschiedene InspektorInnen überprüfen dabei die Einhaltung sämtlicher Fairtrade-Standards von Umwelt bis Finanzen. „In seltenen Fällen gibt es grobe Beanstandungen“, weiß Kirner. „Kinderarbeit bei Kakao ist ein großes Thema, manchmal die Verwendung der Prämie, am häufigsten aber sind Beanstandungen bürokratischer Natur, wie das Führen von Einkaufslisten oder dass Versammlungen nicht dokumentiert werden.“

Solche Beanstandungen haben ihren Grund vielleicht aber auch darin, dass ein westliches Konzept in den globalen Süden transferiert wurde. Augenscheinlich transferiert wurde eine westliche Vorstellung von Kinderbetreung beim Obstexporteur Blue Skies, wo ein spezieller Raum dafür eingerichtet wurde. Der wurde noch nie in Anspruch genommen, denn in Afrika ist Kinderbetreuung Familiensache. Die afrikanische Variante der Kinderbetreuung hingegen wird erfolgreich in der Bananenplantage Volta River Estates angeboten: Die Mütter bekommen dort sechs Monate lang täglich eine Stunde frei zum Stillen. Die Babys sind während der Arbeitszeit im Betrieb in der Obhut von Familienangehörigen.

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Körbe aus gefärbtem Elefantengras.

MEHR GELD
Trotz fairer Bezahlung wird den Frauen auf der Bananenplantage angeboten, zusätzliches Geld zu verdienen, wenn sie Seifen produzieren. Das Gleiche haben wir bei der Kakaokooperative Kuapa Kokoo gehört. Verdienen die Frauen trotz allem nicht genug? Zusätzliches Geld reduziere die Kämpfe in der Familie, weil es zu wenig Geld gebe, erklärt man uns. Frauen machten die meiste Arbeit, das Geld wandere aber in die Taschen der Männer. Frauen würden durch zusätzliche Geldeinnahmequellen gestärkt.

Dennoch bleibt die Frage im Raum, ob die Mindesteinkommen für das Leben grundsätzlich ausreichen – und wenn dem nicht so ist, ob das dann Fairer Handel sein kann. Kirner: „Die Einhaltung des Mindestlohns ist schon ein Fortschritt. Häufig reicht der aber nicht zum Leben. Seit einigen Monaten haben wir daher einen großen Fokus auf ,living wages‘, also Einkommen, von denen man wirklich leben kann. ,Living wages‘ sollen Standard werden, das wird aber noch ein weiter Weg sein. Ein Schritt nach dem anderen.“