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Wie hat das HELFEN Ihr Leben verändert?

Eine ehrenamtliche Helferin aus Übersee, eine Friseurmeisterin, eine Pensionistin und eine Lehrerin haben eines gemeinsam: Sie veränderten durch ihre Hilfe das Leben von Flüchtlingen. Vier Frauen erzählen, wie das Helfen auch ihr Leben verwandelte.
Mona Weinberger (36) hilft Flüchtlingen im Ort.

„Ich kann ihre Probleme nicht lösen, aber für sie da sein.“

Perfekte Mutter bin ich keine. Aber als ich sah, dass es Frauen gibt, die hochschwanger flüchten, eine Bootsfahrt überleben und ihre Kinder unter den widrigsten Umständen auf die Welt bringen müssen, habe ich auch mein eigenes Nicht-perfekt-Sein akzeptiert“, sagt Mona Weinberger. Dabei sieht sie ihrem 14 Monate alten Sohn Valentin zu, wie er mit Schokoladenfingern den Fußboden bemalt. Mit ihrem Engagement in der Flüchtlingshilfe begann die 36-jährige Lehrerin aus Neuhofen an der Krems in ihrer Karenz vor mehr als einem Jahr, als die Initiative „Herberge Neuhofen“ gegründet wurde. Gemeinsam mit 100 weiteren Ehrenamtlichen packt sie kräftig an. Weinberger gibt Deutschkurse, liest mit den AsylwerberInnen und ist vor allem Ansprechpartnerin. „Ich kann ihre Probleme nicht lösen, aber ich kann für sie da sein. Ich denke, das ist die Aufgabe.“ Vertrauensvoll erzählen ihr die Flüchtlinge ihre tragischen Geschichten, auch jene über ihre Liebsten, die sie verloren haben. Insofern lernte Mona Weinberger, sich emotional abzugrenzen, um nicht selbst auszubrennen. Unterstützung bekommt sie von ihrem Lebensgefährten, der wie sie halbtags arbeitet. Seit Kurzem wohnt sogar ein junges syrisches Pärchen bei ihnen im Haus. Die Schwierigkeit im Alltag bestehe darin, ihnen beizustehen, ohne ihnen die Selbstständigkeit zu nehmen, sagt Weinberger.

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Oft geht es drunter und drüber in der Familie von Mona Weinberger (2.v.l). Damit das Zusammenleben mit ihren neuen Mitbewohnern Lorans und Najlaa funktioniert, wird viel und offen miteinander geredet. Lorans (Name von der Redaktion geändert) wird in Syrien verfolgt und muss deshalb anonym bleiben.

MANCHES MÜSSEN SIE LERNEN
Auch Probleme sieht sie seither gelassener. „Diese Menschen haben so grauenhafte Sachen erlebt, dass ich bei den Erzählungen oft glaube, ich lese ein Buch.“ Negative Erfahrungen mit Flüchtlingen hat Weinberger in Neuhofen noch nie gemacht. Über Themen, die ihr naheliegen, diskutiert sie offen. Dazu gehört die muslimische Kopftuchtradition genauso wie österreichische Verhaltensregeln, etwa, dass Männer auch Frauen zur Begrüßung die Hand geben. „Manche Regeln müssen sie lernen, wenn sie hier leben wollen“, sagt Weinberger. Plötzlich wird die Haustüre aufgesperrt und der junge syrische Mitbewohner steht mit seiner schwangeren Freundin im Raum. Weinbergers Sohn Valentin läuft auf ihn zu, der Mann schließt das Kind herzlich in seine Arme.

Aloisia Karl (49) bildet eine junge Afghanin zur Friseurin aus.

„Man muss Gottvertrauen haben“

Aloisia Karl (links) traute sich und gab Fariba Tadschik eine Lehrstelle. Mit dieser Chance schaffte die Afghanin den Sprung in die Arbeitswelt.

Aloisia Karl (links) traute sich und gab Fariba Tadschik eine Lehrstelle. Mit dieser Chance schaffte die Afghanin den Sprung in die Arbeitswelt. © Robert Gortana

Am Anfang war ich auch sehr skeptisch“, kann sich Aloisia Karl gut erinnern. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, seit die Mühlviertlerin ihre Unterschrift unter den Lehrvertrag der 24-jährigen Afghanin Fariba Tadschik setzte. Seitdem bildet sie die junge Frau zur Friseurin und Stylistin in ihrem Salon in Walding aus. Tadschik war zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre lang in Österreich. Mit ihrem Bruder, aber ohne Eltern, war sie hierhergekommen. Nach dem Erhalt ihres positiven Asylbescheids musste sie binnen vier Monaten aus dem Flüchtlingsheim in Rottenegg ausziehen und einen Job suchen. Die Idee, sie als Lehrling zu vermitteln, hatte schließlich ihr Caritas-Betreuer. Ihm fiel eine Jobanzeige des AMS auf. Was für ihn logisch war, sah Aloisia Karl damals noch anders: „Wie stellen Sie sich das vor?“, seufzte die Friseurmeisterin. Tadschik könne doch kein Wort Deutsch. Nur „Grüß Gott“ und „Danke“! Dennoch ließ sie sich darauf ein. Ihr Bauchgefühl war ausschlaggebend. Neun Monate später hatte Fariba Tadschik ihren ersten Arbeitstag. Und wieder war Karl nervös: Wie wohl die BewohnerInnen der 4.000-Seelen-Gemeinde auf die junge Afghanin reagieren würden? Doch schon bald erhielt sie begeisterte Anrufe von Menschen, die ihr mitteilten, wie großartig sie es fänden, dass sie dem Mädchen eine Chance gibt. Trotz schwieriger Umstände bewältigte Tadschik die erste Klasse der Berufsschule. „Sie ist sehr engagiert. Natürlich braucht sie länger, bis sie versteht, was ich meine. Aber sie ist froh, da sein zu dürfen“, sagt Meisterin Karl. „Ohne Job hätte sie keine Wohnung bekommen. Ich freue mich, dass ich ihr auf diese Weise helfen konnte.“

Christine Hulatsch (67), Patin einer jungen Afghanin mit Kind

„Nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Freude verändert dich“

Leicht war es für Christine Hulatsch (rechts) nicht, eine Beziehung zu der jungen Afghanin Khaleda Fani und ihrem kleinen Sohn Moshtaba aufzubauen. Heute sind sie eine Familie.

Leicht war es für Christine Hulatsch (rechts) nicht, eine Beziehung zu der jungen Afghanin Khaleda Fani und ihrem kleinen Sohn Moshtaba aufzubauen. Heute sind sie eine Familie. © Luiza Puiu

Khaleda Fani war 17 Jahre alt und schwanger, als sie vor zwei Jahren flüchtete. Völlig alleine machte sie sich auf den Weg von Afghanistan nach Österreich. Kontakt zu ihrer Familie hat sie keinen, sie flüchtete aus ihrer Zwangsehe. Ihren Sohn Moshtaba bekam sie in Baden bei Wien, dann kam sie nach Traiskirchen. Heute hat sie einen positiven Asylbescheid und lebt mit ihrem zweijährigen Spross in einer eigenen Wohnung. Es ist ein Leben, das Khaleda Fani dank der Hilfe einer engagierten Wienerin geschafft hat. Christine Hulatsch wurde über die Organisation „connecting people“ Patin der jungen Afghanin. Heute haben die beiden einen sehr engen Kontakt. Eine Beziehung, die erst wachsen musste. „Es war am Anfang nicht leicht. Khaleda vertraute niemandem. Ich glaube, sie konnte mit einer emanzipierten älteren Dame nichts anfangen“, erzählte die 67-jährige pensionierte Lehrerin. Hulatsch lernte mit Khaleda Fani Deutsch und unterstützte sie bei den Arztbesuchen und Amtsgängen. Das Vertrauen Fanis wuchs. Die Patenschaft beschäftigt Hulatsch sehr: „Es ist nicht nur die Verantwortung, die dich verändert, sondern die Freud’, die du hast, wenn du einem Menschen hilfst.“

Katie Letheren (28), Helferin im Post-verteilerzentrum Linz

„Es hat mir ermöglicht, glücklich zu sein“

Katie Letheren kam aus den USA nach Österreich, um das zu tun, was sie glücklich macht: helfen. In den acht Wochen im Flüchtlingslager in Linz erlebte sie viel Schmerz und Verzweiflung - aber auch viel Dankbarkeit.

Katie Letheren kam aus den USA nach Österreich, um das zu tun, was sie glücklich macht: helfen. In den acht Wochen im Flüchtlingslager in Linz erlebte sie viel Schmerz und Verzweiflung – aber auch viel Dankbarkeit. © Rotes Kreuz/OÖ

Oft scheint es unerträglich. Aber solange ich Menschen helfe, werde ich immer das lieben, was ich tue.“ Genau diese Liebe bewegte Katie Letheren dazu, im September ihre Heimat und ihr Leben in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire zu verlassen, um bei der Flüchtlingshilfe in Österreich mitanzupacken. Bereits mehrmals arbeitete sie in der globalen Hilfe, zuletzt in der Verwaltung einer ländlichen Klinik in der Kalahari-Wüste in Namibia. Nachdem sie an der Harvard-Universität an einem Intensivprogramm für Public Health teilgenommen hatte, begann für Letheren das Warten auf ihren nächsten Job. Jeden Morgen sah sie in den Fernsehnachrichten Menschen in Syrien, aber auch in Europa leiden. Freiwillige HelferInnen baten dringend um mehr internationale Hilfe. Nach Wochen ohne Aussicht auf einen Job, entschied sie sich, zu gehen. „Dieser Schritt war ein Kinderspiel für mich. Wenn ich nicht helfen kann, fühle ich mich, als würde ich meine Tage nicht sinnvoll verbringen“, sagt Letheren. Die Entscheidung, wann und wohin die 28-Jährige gehen würde, flatterte kurze Zeit später in ihren Postkasten. Ihr Bruder Douglas, der als professioneller Tänzer arbeitet, schrieb von seinem Vorhaben einer Welttournee. Sein Plan war eine Show in Budapest, der seiner Schwester mitzufahren, in Europa zu bleiben und von dort einen Weg in die Flüchtlingshilfe zu finden.

DANKE, ÖSTERREICH
In Ungarn angekommen, begrüßte das Land Katie Letheren mit vielen Hindernissen. Organisationen wiesen sie ab, weil sie kein Ungarisch sprach, oder teilten ihr mit, die Grenzen ohnehin bald schließen zu wollen. In den Nachrichten hörte Letheren von der großen Hilfsbereitschaft Österreichs und schrieb sofort an das Rote Kreuz Wien. Zwei Tage später saß die junge Amerikanerin im Bus von Budapest nach Linz und konnte im Flüchtlingslager im Postverteilerzentrum Linz endlich helfen. „Diese Menschen machen gerade etwas durch, was keiner erleben sollte. Sie haben ihre Liebsten, ihr Zuhause und ihre Arbeit verloren. Sie sagten zu mir, dass sie zum ersten Mal wieder Hoffnung hatten, als sie in Österreich ankamen. Danke, Österreich, dafür, ihnen das zu ermöglichen.“ Schmerz, Angst und Verzweiflung sah Letheren, vor allem aber auch eines: große Dankbarkeit. Die Menschen kamen nur mit ihren Kleidern am Leib und manche mit ihren Kindern an der Hand. Obwohl sie nichts besaßen, bekam Letheren Geschenke für ihre Hilfe – die Hälfte eines Schokoladenriegels oder auch die Gebetsperle eines 78 Jahre alten Irakers. Er sucht wie 80.000 andere Flüchtlinge Asyl in Österreich.

Katie Letheren hat nie bereut, ihr Leben der Hilfe anderer Menschen zu widmen. Sätze, die mit „Könnte ich“, „Hätte ich“ und „Sollte ich“ beginnen, hat sie gänzlich aus ihrem Vokabular gestrichen, denn die seien nur ein Weg zum Unglücklichsein. „Das Helfen hat es mir ermöglicht, glücklich zu sein. Ich bin glücklich, dass ich leben kann, um zu arbeiten, und ich arbeite, um zu leben.“ Nach acht Wochen wurde das Lager im Postverteilerzentrum Linz geschlossen. Ihr Weg führte Katie Letheren weiter auf die griechische Insel Lesbos, wo sie mithalf, eine Notfallambulanz für die mit dem Boot ankommenden Flüchtlinge aufzubauen. Wohin sie danach geht, weiß sie noch nicht.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/16 – von Sophia Lang