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Wie viel Geld macht glücklich?

Wenn die einen immer mehr und die anderen immer weniger haben, wird definitiv keiner mit seinem Leben zufriedener. Das ist bekannt. Warum sorgen wir dann nicht für mehr Ausgleich, sondern lassen noch mehr Ungleichheit zu?

Wie glücklich ist Dietrich Mateschitz?
Eine seltsame Frage, werden Sie denken. Der Mann, der es mit einem relativ süßen, relativ ungesunden Dosengetränk zum reichsten Mann Österreichs gebracht hat, lebt jedenfalls sorgenfrei. Zumindest ganz anders als jene Putzfrau georgischer Herkunft, die unsere Büros instand hält und die österreichische Staatsbürgerschaft gerne hätte. Sie muss nachweisen, dass sie drei Jahre lang ein stabiles Mindesteinkommen von rund 1.100 Euro im Monat hatte, damit wir sie als eine der Unseren nehmen. Dabei hat sie einen gültigen Asylbescheid, hat zwei Kinder geboren und jobbt auf mehreren Arbeitsplätzen. Wie ungleich die Chancen verteilt sind. Oder ist Herr Mateschitz einfach der Tüchtigere, der Durchsetzungsfähigere, der Kreativere?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in einem Bericht im Mai dieses Jahres festgestellt, dass die Kluft zwischen sehr gut und sehr schlecht Verdienenden in Europa wächst. Besonders stark wird das Gefälle aber zwischen denen, die Vermögen gehortet haben, und jenen, die nicht mehr als den Lohn ihrer Arbeit besitzen. Die OECD sagt, mit Blick auf die Zukunft, dass ein zu großes Auseinanderdriften zwischen den Reichen und den Armen die Entwicklung eines Landes und seiner Wirtschaft hemmt. Aus dem einfachen Grund, dass ärmere Familien ihren Kindern Bildung nicht ausreichend finanzieren können. Das führt zu einem Verlust an Qualifikation und zu einer unmittelbaren Hürde für die Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt. Es ist also, sagt die OECD, unvernünftig, wenn Geld und Vermögen ungleich verteilt sind. Langfristig auch für die Vermögenden. Denn ihr Geld „arbeitet“ nur, wenn es eine reale Wirtschaft gibt, die produktiv ist, und wenn es Menschen gibt, die genügend Geld haben, sich die Güter des täglichen Lebens und die Investitionen in Bildung, Vorsorge und Gesundheit leisten zu können.

Die ökonomische Forschung hat längst auch Belege, dass Menschen, die im Grunde alles haben, deren Bedürfnisse also befriedigt sind, durch jeden weiteren Euro mehr, den sie auf dem Konto haben oder irgendwo „anlegen“, subjektiv nicht glücklicher werden. Im Gegenteil. Dann beginnt die Sorge, dass das alles plötzlich auch wieder weg sein könnte. Statt nun dafür zu sorgen, dass alle genug haben, hortet jeder noch ängstlicher das Seine. Dabei hat das letzte Hemd keine Taschen.

Wer etwas hat, ist kaum dazu zu bringen, wieder etwas abzugeben. Ungleichheit vergrößert sich. Es gibt einzelne Vermögende, die einen Gutteil des Erworbenen der Gemeinschaft zurückgeben, beispielsweise durch Stiftungen. Die meisten Vermögenden sorgen aber dafür, dass das einmal Erworbene die Existenz der Nachfahren sichert und sich dabei noch vermehrt. Oder sie träumen, wie ein Eigentümer von Google, davon, mit ihrem Geld und ihren Maschinen die Welt nach ihren Maßstäben zu verändern. Während die wenigen Vermögenden die Stars der Gazetten werden, verschwinden die Habenichtse in der berühmten grauen Masse. Kann in einer solchen Welt jemand wirklich glücklich leben? 

Die KapitalismuskritikerInnen, beispielsweise der Ökonom Thomas Piketty, sagen, es liege im System, dass die Ungleichheit durch die Konzentration des Kapitals bei wenigen immer größer werde. Daher laufen kapitalistische Systeme auf eine Selbstzerstörung hinaus. Nach dem Zusammenbruch fängt es neu an. Unsere Großeltern haben das noch erlebt, manche sogar zweimal, nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Von linker Seite fordert man Reichensteuern, Vermögenssteuern, Erbschaftssteuern, um der wachsenden Ungleichheit entgegenzusteuern. Von rechter Seite beklagt man genau das als Hemmnis für Entwicklung und setzt auf Leistung als Triebfeder, den eigenen Status zu verbessern.

Wir reden also meistens über „Wegnehmen“ und „Verdienen“. Sollten wir aber die Frage nicht anders stellen? Was kann überhaupt gutes Leben, und zwar gutes Leben für alle, sein? Dafür brauchen wir Geld, aber es macht nicht glücklich, maximal unabhängig. Wir brauchen zum Glück des guten Lebens die Ergänzung der Gemeinschaft. Das Wir. Dieses nährt sich von Zeit, Zuwendung und selbstlosem Einsatz. Wir sollten nach einer neuen Kultur des Wohlstandes fragen. Für alle.

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at