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Wir haben keinen Fährmann mehr
Sasa Stanisic: Vor dem Fest

Wer kennt schon Fürstenfelde in der Uckermark? Was? Uckermark. Ja, das ist die ostdeutsche Provinz, aus der u. a. auch Angela Merkel stammt. Mit einem Lächeln hat sie in einem sehr medienwirksamen Interview von ihrer „uckermärkischen Verstocktheit“ erzählt. Zurück auf Anfang. Also in die Uckermark, einen Tag vor dem alljährlichen Annenfest, also hinein in den 25. Juli. Übrigens: Die heilige Anna ist die Schutzpatronin der Gewerbetreibenden, das Geld soll doch auch hier mehr werden!

Sasa Stanisic, 1978 in Visegrad, Bosnien-Herzegowina geboren, 1992 nach Deutschland emigriert, hat für seinen Roman „Vor dem Fest“ den Leipziger Buchpreis 2014 erhalten. Dass er Geschichten und darin wohl dosiert auch Geschichte erzählen kann, hat er mit seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gezeigt: Große Töne und Gesten, komplizierte und selbstverliebte Metaphern sowie Geschwätzigkeit sind seine Sache nicht.

Vielleicht hat er sich ja auch in sich, diese „uckermärkische Verstocktheit“, die stets ein feines Lächeln beinhaltet, das man nur still für sich in die Welt lächelt. Stanisic reiht gekonnt wie präzise Episode an Episode, stellt höchst spezielle Charaktere vor, nie bloß. Große Menschen mit weiten Herzen oder eben gerade auch nicht. Wo sonst, wenn nicht in der Poesie oder eben in der Uckermark wäre es möglich, einer Persönlichkeit wie der 90-jährigen Malerin Frau Kranz zu begegnen. Sie heißt Frau Kranz, den ganzen Roman lang und sie ist nachtblind und hat alle hier porträtiert. Jetzt steht nur mehr eine Nachtansicht von Fürstenfelde an. Man will Frau Kranz ja auch unterstützen.

Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit dem Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist.

Hier darf jeder zuerst einmal tun. Dass dabei eine 18-Jährige eher zufällig den Selbstmord von Rentner Schramm verhindert, der so eigentlich ja auch nicht geplant war, erscheint, je tiefer man lesend in den Erzählverlauf eintaucht, völlig normal. Stanisic erzählt hinter dem erzählenden „wir“ hervor: Man ist höflich, antiquiert, es gibt immer den Herrn Schramm oder Rentner Schramm und dann eben auch noch die Frau Kranz: „In Wilfrieds Schramms Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen.“

Diese Nacht vor dem Fest will ausgestanden sein, Fragen tauchen auf, „Wer kriegt den Biertisch vorn am Scheiterhaufen?“ Der Fährmann fehlt und die Menschen sind traurig über seinen Tod und darüber, dass das Dorf keinen Fährmann mehr hat: Er hat viel zusammengehalten, war neben Malerin Frau Kranz eine wichtige Konstante in Fürstenfelde und drumherum ja auch. Der Scheiterhaufen brennt, die Auktion kann beginnen, die FKK-Runde spielt Volleyball und der Fährmann ist wieder zurück in seinem Fürstenfelde. Aber das kann warten.

Sasa Stanisic: Vor dem Fest.
Roman. München: Luchterhand 2014.
ISBN 978-3-630-87243-8.
€ 20,60

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

One thought on “Wir haben keinen Fährmann mehr”

  1. Holzer Gertraud sagt:

    Sehr geehrte Frau Repolust!

    Ich habe mir grad ausgedruckt wie Sie Ihre Leidenschaft für Bücher beschreiben. Das ist super. Und gilt auch für mich.

    Weiterhin alles Gute und ich freue mich immer auf Ihre Lesezeichen in Welt der Frau.

    glg
    Holzer Gertraud

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