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In Kolumbien herrscht seit über 50 Jahren ein bewaffneter Konflikt. Die Gewalt trifft vor allem Frauen und Mädchen. Täglich und auf völlig unterschiedliche Weise fallen sie ihr zum Opfer ? innerhalb und außerhalb der Familie. Mit Hilfe aus Österreich suchen sie Auswege aus der Spirale der Gewalt und fordern ihre Rechte ein.

Der Mann zerrt das Mädchen hinters Gebüsch. Sie schreit, aber es ist niemand da, der ihr hilft. Sie geht weinend nach Hause, erzählt es ihrer Mutter, aber diese glaubt ihr nicht. Auch die Lehrerin in der Schule nicht. Schließlich vertraut sie sich einer Freundin an, die sie zur Schulpsychologin begleitet. Hier trifft sie endlich jemanden, der ihr hilft. Mit der Rückendeckung der Schulpsychologin hat sie die Kraft, den Fall anzuzeigen. Und am Ende wird der Täter gefasst.
Diese Szene aus einem Theaterstück führt eine Mädchengruppe in einem Stadtviertel in Medellín/Kolumbien vor.

»WIR SIND KEINE OBJEKTE ZUM ABGRAPSCHEN!«

Die täglich erlebte Gewalt war der Auslöser für das Entstehen der Theatergruppe. Anfangs versuchten die vier Mädchen im Alter zwischen acht und zehn Jahren, diese Gewalt durch selbst erfundene Rollenspiele zu verarbeiten. Als eine von ihnen vom Stiefvater vergewaltigt wurde, reichten die Rollenspiele nicht mehr aus. Valentina, eines der Mädchen aus der Gruppe, vertraute sich ihrer Mutter an. Valentinas Mutter, selbst seit Jahren in Frauengruppen aktiv, unterstützte die Eigeninitiative der vier Mädchen und half ihnen, verschiedene Organisationen anzuschreiben und um professionelle Hilfe zu bitten. »Vamos Mujer« hat als Erste geantwortet. »Sie haben uns Hilfe geschickt, Begleiterinnen und eine Psychologin.« Kurz und bündig erklärt die inzwischen zwölfjährige Valentina, was die vier Mädchen zum Handeln bewogen hat: »Hier glauben die Leute, dass die Frau ein Objekt ist, das man abgrapschen und missbrauchen kann. Wir wollten nicht, dass das so weitergeht.«

GEWALT IM UMFELD.

Die Organisation »Vamos Mujer« (»Vorwärts, Frau«) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen der innerfamiliären Gewalt gegen Mädchen und Frauen, insbesondere im Zusammenhang mit der politischen Gewalt im Land. Die meisten Übergriffe passieren dort, wo die Mädchen und Frauen eigentlich geschützt sein sollten: in der Familie, im Wohnviertel, in der Schule. In Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, gab es im vergangenen Jahr etliche Morde an Frauen, davon wurden einige verübt, nachdem die Frauen Anzeige erstattet hatten.
Die Fälle von sexueller Gewalt an Mädchen und Frauen sind laut staatlichen Stellen gestiegen. Doch in den Anlaufstellen gehen die Beamten mit Anzeigen wegen innerfamiliärer Gewalt völlig unangemessen um. Denn sie sind oft der Meinung, dass innerfamiliäre Gewalt eine Privatangelegenheit sei. So sind Sprüche wie »La ropa sucia se lava en casa« (Die schmutzige Wäsche wird zu Hause gewaschen) üblich. Damit werden die Frauen ein weiteres Mal zu Opfern. »Vamos Mujer« arbeitet in der Stadt Medellín, in den Slumvierteln am Stadtrand und mit Frauen in ländlichen Regionen des Departements Antioquia.

»VAMOS MUJER« ALS KOMPETENTE BEGLEITERIN.

Was in Medellín vor zwei Jahren als Aufarbeitung eines Gewaltakts begann, hat sich inzwischen zu einem umfangreichen Prozess mit einer Mädchengruppe entwickelt. Diese ist mittlerweile auf 41 Mädchen zwischen vier und sechzehn Jahren angewachsen. Sie setzen sich mit ihren Rechten auseinander und lernen, diese auch einzufordern. Sie erarbeiten Theaterstücke und führen sie in Schulen und vor Mädchengruppen anderer Stadtviertel auf. Diesen erklären sie, wo und wie sie sich vor Missbrauch, Gewalt und Diskriminierung schützen können. Zugleich verteilen sie Informationen an die Bevölkerung und machen auf die Situation und Rechte der Mädchen aufmerksam. In regelmäßigen Treffen können sich die Mädchen und Jugendlichen über ihre Situation austauschen und haben so auch eine Anlaufstelle im Fall von Übergriffen. Sofia, 10 Jahre, sagt: »Ich habe gelernt (?), dass alle Kinder Rechte haben, nicht nur die reichen, und dass wir in einer gemeinsamen Welt leben.«

GEWALT HINTERFRAGEN.

»Vamos Mujer« begleitet viele Frauen- und Mädchengruppen wie jene von Valentina. Ihre Arbeit trägt dazu bei, dass Gewalt an Frauen in der Familie wie im bewaffneten Konflikt von der Gesellschaft abgelehnt und als Straftat gerichtlich verfolgt wird. Sie setzt in einer Gesellschaft, in der Gewalt zum Alltag gehört, einen Prozess in Gang, der diese tägliche Gewalt hinterfragt. Insbesondere wird die fest verankerte Idee, Frauen wären dazu bestimmt, aufgrund ihres Geschlechts Gewalt zu erdulden, infrage gestellt. In Einzel- und Gruppensitzungen für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen sowie in Workshops setzen sich die Betroffenen mit den Themen Frauenrechte und Selbstwertgefühl auseinander. Auf diese Weise werden gesellschaftliche Muster hinterfragt und aufgebrochen. Durch die Unterstützung bei der Erarbeitung selbstständiger Einnahmequellen gewinnen die Frauen finanzielle Unabhängigkeit und werden zusätzlich in ihrem Selbstwert gestärkt. So erhalten die Frauen die Möglichkeit und die Kraft, aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Aufgeklärt über ihre Rechte als Frauen und Bürgerinnen und begleitet von einer Rechtsberaterin, sind sie imstande, selbstbewusst ihre Rechte einzufordern.

DER PREIS DES ENGAGEMENTS.

Während »Vamos Mujer« sich mit innerfamiliärer Gewalt auseinandersetzt, macht die Organización Femenina Popular (OFP), eine der bedeutendsten kolumbianischen Frauenorganisationen, auf die Situation der Frauen im bewaffneten Konflikt klar und unbequem aufmerksam.
Vor drei Jahren flüchtete Yolanda Becerra aus Barrancabermeja nach Bucaramanga, nordöstlich von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, nachdem sie und ihre Familie von Paramilitärs mit dem Tod bedroht worden waren. Als Mitbegründerin und Direktorin der OFP kennt sie die Geschichte vieler Frauen, die Opfer von Gewalt wurden.
Gloria Amparo, die neue Koordinatorin der OFP in Barrancabermeja, meint dazu: »Ich glaube, dass unser Engagement einen hohen Preis fordert, nämlich das eigene Leben. Wir haben zwei Kolleginnen verloren, Esperanza und Yamile ? Sie wurden umgebracht. Eine Kollegin von uns ist im Exil, viele wurden vertrieben. Auch ich musste mein Haus verlassen. Der Preis ist hoch, aber wir denken, es zahlt sich aus.«

DAS GELD WIRD KNAPP.

Doch dieses wichtige Engagement für die Frauen ist gefährdet. Denn die wirtschaftliche Situation wird immer prekärer. Immer mehr Menschen müssen sich mit informeller Arbeit über Wasser halten. Die Zeit für ehrenamtliches Engagement wird immer knapper. Eine Frauengruppe der OFP begegnet diesen Hindernissen kreativ. Alle sieben bis vierzehn Tage bereiten sie ein »Sancocho«, eine typisch kolumbianische Speise, zu und verkaufen sie. Mit dem Geld können sie für ihre Familien günstige Nahrungsmittel aus dem Großhandel besorgen. Projekte zur Prävention von Gewalt können sie kaum mehr finanzieren.
Diese beiden Frauenorganisationen sind Beispiele, wie auf vielfältige Weise ein gemeinsames Ziel verfolgt wird: Frauen und Mädchen die Kraft und die Möglichkeit zu geben, aufzustehen und sich zu wehren. Die Katholische Frauenbewegung unterstützt sie dabei mit Spendengeldern der Aktion Familienfasttag.

KOLUMBIEN ? ein vergessener Krieg

In Kolumbien mit seinen 45 Millionen EinwohnerInnen herrschen seit fünf Jahrzehnten bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Zivilbevölkerung sitzt zwischen den Fronten der Rebellen der linksgerichteten Gruppen FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und ELN (Nationales Befreiungsheer) sowie der rechten Paramilitärs und der Armee. FARC und ELN entstanden zwischen 1948 und 1958, als sich Liberale und Konservative einen Bürgerkrieg lieferten. Die FARC als älteste und größte Guerillagruppe bekämpft seit Anfang der 1950er-Jahre gewaltsam die Staatsmacht. Seit 1984 sind alle Friedensverhandlungen gescheitert.
Der aktuelle Präsident, Juan Manuel Santos, führt als ehemaliger Verteidigungsminister die Politik seines Vorgängers, Álvaro Uribe, weitgehend fort. Dieser regierte acht Jahre lang und es gelang ihm, durch rigoroses militärisches Vorgehen die Rebellengruppen stark zu dezimieren und ihre Führungsstruktur zu schwächen. Menschenrechtsorganisationen
beklagen, dass die Paramilitärs bis heute Unterstützung von den kolumbianischen Sicherheitskräften bekommen. Die UN kritisiert zudem, dass das Militär mindestens 2.000 Menschen ? meist junge Männer ? getötet und als FARC-Rebellen deklariert habe, um Erfolge im Kampf gegen die Guerilla vorzutäuschen.
Neben dem Sudan ist Kolumbien das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen der Welt. Seit 1985 beträgt ihre Zahl bereits weit mehr als 3,2 Millionen. Allein 2009 hat sich
die Zahl um weitere 290.000 Flüchtlinge erhöht. 75 % davon sind Frauen und Kinder. Soziale Strukturen brechen so auseinander und die verbleibenden Familienstrukturen sind sehr fragil, die Menschen kämpfen um ihr tägliches Überleben und finden sich oft in der neuen Lebenssituation in den Slums nicht zurecht.
Sexuelle Gewalt gehört neben Vertreibung, Entführung und Ermordung zur Realität von bewaffneten Konflikten. Es wird von insgesamt 489.687 vergewaltigten kolumbianischen Frauen in den Jahren 2001?2009 (im Durchschnitt 149 Frauen/Tag)  berichtet. Viele der betroffenen Frauen zeigen aus Angst, ein weiteres Mal bedroht und missbraucht zu werden, den Täter nicht an. Zudem haben sie kein Vertrauen in die Polizeibehörden und die Justiz, da sie ihnen tatsächlich nur mangelnden Schutz bieten.

AKTION FAMILIENFASTTAG 2011

Unter dem Motto »Teilen macht stark« führt die Katholische Frauenbewegung wieder in der vorösterlichen Fastenzeit ihre Aktion Familienfasttag durch.Mit Ihrer Spende unterstützen Sie beispielsweise:
> Alphabetisierung von Mädchen und Frauen sowie Schulung in Hygiene, Biolandbau und Kräuterheilkunde in Indien,
> Bildungsprogramme zur Stärkung von Frauen im Kampf gegen Gewalt in der Familie wie im bewaffneten Konflikt in Kolumbien,
> Trainings in Gesundheitsvorsorge, Ernährung und Einkommensbeschaffung für Not leidende Menschen auf den Philippinen.Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Beilage zu diesem Heft. In dieser Ausgabe von »Welt der Frau« finden Sie auch einen Erlagschein zur Unterstützung der Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung. Bitte verwenden Sie ihn, damit Frauen ihre Probleme selbst meistern und die Lebenssituation der Familie nachhaltig verbessern können.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/ 2011 – von Roswitha Just, Katharina Wegan, Milena Müller-Schöffmann