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Die Familie Kaan-Kielmansegg-Rose hat gleich zehn KünstlerInnen in ihren Reihen. Sie malen, designen, fotografieren und filmen, sechs haben die Kunst sogar zu ihrem Beruf gemacht.

Auch künstlerische Berufe sind nicht gerade familienfreundlich«, erzählt Dorothea Kaan. Sie hat neben zwei Kindern auch noch zwei akademische Ausbildungen vorzuweisen. »Kunst wird leider vielfach noch als etwas gesehen, was man eher als Hobby, allenfalls als zweites Standbein hat.« Dennoch lassen sich die acht Frauen und zwei Männer (einer allerdings erst neun Jahre alt) ihrer Familie nicht von ihrem künstlerischen Weg abbringen. Für sie ist Kunst vor allem eines: Freiheit oder ein »freier Raum«, wie es die Fotografin Ida Kielmansegg ausdrückt.
Den Grundstein zur Entfaltung dieser freien Kreativität legte neben zwei Urgroßmüttern die heute 82-jährige Jelka Kaan. Sie ist ihren sechs Kindern und 15 Enkelkindern ein Beispiel für unermüdliches kreatives Schaffen. »Künstlerisch tätig zu sein ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung«, sagt sie. »Und Kreativität ist mit einer Familie durchaus vereinbar.« »Nicht immer«, widerspricht ihre Tochter Dorothea. »Denn es ist ganz und gar nicht leicht, gleichzeitig Kinder zu betreuen und ernsthaft zu malen.« Dennoch steht das Ausleben der Kreativität ganz oben auf der Prioritätenliste. Dorothea Kaan: »Kreativität ist ganz eng mit der Lebenskraft verbunden ? und genau so ein Bild hat uns meine Mutter immer geboten: innere Stärke, Schaffensdrang, Lebendigkeit.« Ähnlich sieht es ihre Schwester Lisa Kielmansegg: »Filmische Arbeit, Schreiben von Gedichten, Singen, Tanzen und Malen ? all das sind Prozesse des ,Gebärens?, etwas ins Leben bringen.«
Lisa, Dorothea und all ihren Geschwistern brachte Mutter Jelka Kaan jedenfalls schon im Vorschulalter die Maltechniken bei, weckte ihr Interesse fürs Basteln, Singen, für Farben und Formen. Im Laufe der Zeit hat Jelka Kaan selbst etliche Ausstellungen im In- und Ausland gehabt sowie zahlreiche Kurse besucht und gehalten. »Ich hatte das Glück, dass meine Kinder in einer Zeit aufgewachsen sind, in der elektronische Medien nicht so präsent waren. Daher war genug Zeit und Bedarf, sich kreativ zu beschäftigen.« Eine Leidenschaft für Kunst und Kultur, die vielen Mitgliedern der Großfamilie bis heute geblieben ist. Und die nach wie vor Zusammenhalt und Gemeinsamkeit schafft.

Ana Kaan, 25

Enkeltochter von Jelka
Aufgewachsen in Graz, lebt und arbeitet derzeit in Mailand. Absolvierte die Kunstuniversität in Linz, die Modeschule Hetzendorf in Wien sowie die Domus Academy in Mailand. Arbeitet als Mode- und Accessoiredesignerin.
Kunst ?
»Die Kunst ist frei, zweckentbunden, existiert abseits gesellschaftlicher Zwänge und Ideale und ist der feinste Sensor der Menschheit.«
Lebenscredo ?
»Vielfalt.«
Inspiration ?
»Viele meiner Entwürfe sind von alten Handarbeitstechniken, Tracht und Couture inspiriert. Dazu mischen sich zeitgenössische Einflüsse aus Kunst, Mode und Fotografie.«
Familie
? »Ich bin mit meiner Familie sehr eng verbunden. Es findet stets viel Austausch statt. Die künstlerische Arbeit der anderen empfinde ich als Bereicherung.«

Jelka Kaan, 82

Mutter von Christine, Lisa, Dorothea
Besuchte die Grazer Kunstgewerbeschule, bevorzugte Techniken sind Aquarell, Ölmalerei und Collage. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Jelka Kaan ist sechsfache Mutter, seit 16 Jahren Witwe und Großmutter von15 Enkelkindern.
Kunst ?
»Kunst ist mir ein Bedürfnis und Freude. Malen oder Klosterarbeiten, aber auch das Versinken in einem Buch über Ikonen gehören zu meinem Leben.«
Lebenscredo ?
»Ich bin religiös ? das hat mein Leben von Kindheit an erleichtert. Ich will mich über das Gute freuen und über das Schlechte nicht jammern.«
Inspiration
»Ich bin von Kindheit an eine Sammlerin. Ich liebe Antiquitäten, aber auch das Skurrile. Wenn ich reise, fotografiere ich viel.«
Familie ?
»Bedeutet mir alles. Wobei ich mein Temperament in Schranken halten muss. Ich bemühe mich, mich nicht in die Beziehungen oder Erziehungsstile meiner Kinder einzumischen.«

Ida Kielmansegg, 25

Enkeltochter von Jelka
Hat die Prager Fotoschule Österreich abgeschlossen, studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft.
Als Fotografin hatte sie bereits mehrere Ausstellungen. Zurzeit arbeitet sie in einer Galerie und macht freie Foto- und Videoprojekte.
Kunst ?
»Kunst ist für mich wie ein Zimmer, in dem alles passieren darf. Ob ein enges oder weites Zimmerverständnis da ist, ist ganz egal. Wichtig ist für mich, dass es diesen freien Raum in der Gesellschaft gibt.«
Lebenscredo ?
»Ich glaube daran, dass alles in einem Zusammenhang steht.«
Kreativität ?
»Es ist das Bedürfnis nach diesem freien Raum, in dem ich alles machen kann. Es ist mein Arbeits-, Party-, Trauer-, mein Träum- und Lernzimmer.«
Infos: www.idakielmansegg.com

Herta Kaan, 53

Schwiegertochter von Jelka
Studierte Textiles Gestalten an der Akademie der bildenden Künste und Französisch in Wien. Mehrere Auslandsaufenthalte. Verheiratet, zwei Kinder, unterrichtete viele Jahre Textiles Werken und Bildnerische Erziehung am Gymnasium. Liebt dasMeer, gute Küche, Fotos, Filme, Literatur und Textilien (fast) aller Art.
Inspiration ? »Ich sammle Bilder in meinem Kopf, fotografiere, kann an keiner Auslage oder keiner Zeitschrift vorbeikommen, ohne darin eine Möglichkeit zur (textilen) Umsetzung zu sehen.«
Kreativität ?
»Die Kreativität ist nicht nur für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Das ,Schaffen mit den eigenen Händen? steht in keinem Vergleich mit Virtuellem aus der Medienflut oder Schnellgekauftem von der Stange.«
Familie ?
»Sie steht (auch heute noch) ganz fest für Liebe, Geborgenheit, Zusammenschluss und Rückhalt. Aber ich stehe der Großfamilie auch kritisch gegenüber, weil sie speziell von uns Frauen so viel abverlangt.«

Katrin Rose, 25

Enkeltochter von Jelka
Geboren in Graz, aufgewachsen in Wien. Absolvierte etliche Kurse in Malerei und Modellieren, darüber hinausautodidaktisch. Materialien: Acryl, Schwarz- und Rötelstift, Pastellkreiden.
Lebenscredo ?
»Momentan: ,Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub? ? von Antoine de Saint-Exupéry.«
Inspiration ?
»Jede Sinneswahrnehmung und jedes Gefühl inspiriert mich.«
Kreativität ?
»Kreativität spielt in meinem Leben eine große Rolle, weil sie allgegenwärtig ist und einem das Leben erleichtert. Sie reicht von der Zweckentfremdung von Gegenständen, weil das Geld nicht ausreicht, bis zu neuen Wortkreationen, um sich besser auszudrücken.«
Familie ?
»Bedeutet für mich Rückhalt, Zusammenhalt, Vielfalt! Konstruktive Kritik, Rückzugsgebiet, Reibfläche, Geborgenheit, Spaß, Hilfe, Liebe und Vertrauen.«

Lisa Kielmansegg, 50

Mutter von Ida
War von 1980 bis 2000 als Tischlerin, Bergbäuerin und Mutter beschäftigt. 2008 schloss sie das Studium an der Filmschule Wien ab, seither freischaffende Filmemacherin.
Kunst ?
»Künstlerisch tätig zu sein empfinde ich als Grundhaltung in meinem Leben. Es gibt den Alltag und es gibt das kreative Gestalten ? doch man kann sie nicht voneinander trennen.«
Lebenscredo ?
»Ich liebe die Meditation ? sie hilft mir meine Gefühle zu klären, das Denken nicht zu wichtig zu nehmen und die Fülle in der Stille zu erleben.«
Inspiration ?
»Alles, womit ich gerade in Resonanz gehen möchte, inspiriert mich.«
Familie ?
»Eine große Familie ist eine wunderbare Möglichkeit, Menschen kennenzulernen und zu lieben, mit denen man sich im Leben sonst vielleicht nicht befreundet hätte.«

Christine Rose, 57

Mutter von Katrin
Studierte Rechtswissenschaften, war an der Wirtschaftsuniversität und in der Bundesverwaltung tätig, malt nebenberuflich. Liebt Natur und Kultur in jeder Form. Erste Ausstellung mit Aquarellen 2003 in Wien. Seit 2005 auch aktiv beim Tanz/Biodanza.
Lebenscredo ?
»Das Leben hat recht.«
Inspiration ?
»Mich inspirieren die Natur, ein Kinderlächeln, ein Streicheln auf der Hand, interessante Architektur, Ideen meiner Schwestern und Brüder ? und Musik! Aber auch Hoppalas.«
Kreativität ?
»Kreativität ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt meiner Existenz. Das bezieht sich nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Beziehungen.«
Familie ?
»Familie steht für mich für Unterstützung, Inspiration, Rückhalt, Pflicht, Stärke, Aufgabe, Geben und Nehmen.«

Benjamin Kaan, 24

Enkelsohn von Jelka
Geboren in Klosterneuburg, nebenberuflich als Fahrradbote und Einsatzfahrer beim Roten Kreuz tätig. Seit 2009 studiert er Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Unternahm bereits ausgedehnte Reisen u. a. nach Marokko, Syrien oder Thailand. Dabei entwickelte er seine Begeisterung für Fotografie.
Inspiration ?
»Inspirierend finde ich alles im Leben, was ehrlich, echt, original ist. Alles, was sich von Oberflächlichkeit abhebt.«
Kreativität ?
»Kreativität bedeutet für mich Freiraum. Man kann seinen Gefühlen, Sinnen, Trieben nachgehen und dann das Ergebnis betrachten.«
Familie ?
»Familie bildet für mich die Basis von allem. Sie bedeutet Vertrauen und Rückzugsort.«

Dorothea Kaan, 46

Mutter von Jakob
Lebt in Wien, verheiratet, zwei Kinder. Studierte Gemälderestaurierung an der Universität für angewandte Kunst sowie Technische Physik an der TU Wien.
Interessiert sich für Singen, Modegeschichte, Handarbeitstechniken und Energiearbeit. Malt derzeit vor allem großformatige Ölbilder, davor Aquarelle und Pop-ups.
Kunst ?
»Ist Teil des ,Kreativseins? ? und das ist wie Trinken für mich: ein elementares Bedürfnis. Das Schaffen passiert zuerst in mir, die materielle Umsetzung wird dann für alle sichtbar.«
Lebenscredo ?
»Ein Spruch von Teilhard de Chardin: Wir sind keine menschlichen Wesen mit einer spirituellen Erfahrung, sondern spirituelle Wesen mit einer menschlichen Erfahrung.«
Familie ?
»Familie ist für mich ein Ort, der es schafft, mich gleichzeitig vor besonders große Herausforderungen zu stellen, und mir trotzdem ein intensives Gefühl der Sicherheit vermittelt.«

Jakob Kehrer, 9

Enkelsohn von Jelka
Lebt, bastelt und erfindet in Wien. Fotografiert seit seinem fünften Lebensjahr, bevorzugt mit Nintendo DS Kaleidoskop-Technik. Interessiert sich für alles, was er wahrnimmt, und versucht dann, manches handwerklich umzusetzen. Sein Ideenreichtum und Tatendrang bescherten ihm einen Sonderstatus in der Schule. Er darf nun offiziell während des Unterrichts basteln. Schließlich will er Erfinder werden ?
Inspiration ?
»Ich lese jeden Tag die Zeitung, beobachte alles. Meine Lieblingsserie: ,Phineas und Ferb? ? zwei Kinder, die ständig urcoole Sachen bauen und erfinden.«
Kreativität ?
»Ich bin jeden Tag kreativ. Manchmal nerve ich meine Eltern damit. Aber ich muss einfach immer was Neues erfinden. Sonst wäre mir langweilig.«
Familie ?
»Ich liebe meine Familie.«


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/ 2011 – von Susanna Sklenar