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„Wir sind die Gefragten!“

Der weltberühmte Wiener Psychiater Viktor Frankl prophezeite: „Das 21. Jahrhundert wird der Sinnfrage gewidmet sein.“ Welche Frage seine Witwe Eleonore Frankl und Enkelin Katja stellen? Keine. Sie antworten dem Leben lieber.

Eine stille Altbauwohnung in Wien-Alsergrund. Alles hier ist in die Jahre gekommen: die Möbel, der Schwarz-Weiß-Fernseher, ja sogar der 70 Jahre alte Philoden­dron im Wohnzimmer, der zu einem imposanten Baum emporgewachsen ist. „Diese Pflanze, unser einziges Hochzeitsgeschenk, symbolisierte unsere Ehe“, postuliert Elli Frankl (90) und blickt auf das Gemälde ihres 1997 verstorbenen Mannes, des Wiener Psychiaters Viktor Frankl. Ihre Hände stecken in den Hosensäckeln. Ihre Daumen ruhen lässig auf der Schnalle des schwarzen Designergürtels. „Moschino“ steht in goldenen Lettern darauf.

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Elli Frankl und Enkelin Katja Ratheiser vor dem Gemälde ihres Mannes bzw. Großvaters. Beide sind dankbar für Viktor Frankls emotionales Vermächtnis an sie und die Welt.

Sonst trägt Elli Frankl kein Geschmeide. Eine „Schmuckfrau“ oder gar ein „Waserl“ war sie nie. Dafür unkonventionell, wild, unerschrocken, spontan und bekannt für ihr „loses Mundwerk“. Die „Bravheit“ ihres älteren Bruders habe sie zu allerlei Schabernack inspiriert. Schon am ersten Schultag wurde sie nach Hause geschickt, weil sie Knaben ohrfeigte und der Lehrer neben ihr nicht zum Reden kam. Ihr Bruder habe sich geschämt, doch Kardinal König, einem engen Freund der Familie, habe sie noch als Erwachsene versprechen müssen, „immer so goschert zu bleiben“, sagt die Witwe.

Dass sie auf der Straße seelsorgerisch wirkte und Ratsuchenden den Spiegel vorhielt, hätten ihr die Leute gedankt. „Nur Viktor pflanzte mich: ,Wen hast du diesmal vor der Sinnkrise gerettet?‘“ Stolz hängt sie sich bei Enkelin Katja Ratheiser (45), die gerade zu Besuch ist, ein und marschiert in das „Urkundenzimmer“. Inmitten unzähliger Auszeichnungen hängt auch der „Lifetime Achievement Award“, den auch Mutter Teresa und Prinzessin Diana bekamen. 

EINBRINGEN STATT VERZWEIFELN
Der jüdische Arzt Viktor Frankl erhielt diesen Preis, weil es ihm mit der Begründung der Logotherapie gelungen war, ein brillantes Selbsthilfekonzept im Umgang mit Leid zu entwerfen. Leid, das zu jedem Leben gehört und ihm erst Form gibt. Sein Ansatz, wonach jeder Mensch nach Sinn strebt, „weil dieser unsere primäre Motivationskraft ist“, funktioniert, indem man das Schicksal zum Verbündeten macht, sich mit ihm aussöhnt und erkennt, dass auf jedes Tief ein Hoch folgt. Diese Haltung gebe Würde zurück und mache bewusst, dass wir alles Nötige in uns tragen, um uns einzubringen und das Leben zu gestalten. Sobald es gelinge, leidvolle Ereignisse in einen größeren Kontext zu betten, ließe sich „das Schwere“ leichter ertragen.

Viktor Frankl erprobte dieses Konzept am eigenen Leib – in den vier Konzentrationslagern, die er überlebte, und nach seiner Freilassung am 27. April 1945. Um nach der Ermordung seines Vaters, seiner Mutter, seines Bruders und seiner ersten Frau Tilly „nicht nach dem Strick zu greifen“, verfasste er als „Häftling 119.104“ in nur neun Tagen einen Augenzeugenbericht und leitete daraus eine Überlebensstrategie ab, die weltberühmt wurde. Nachdem er das Grauen überstanden hatte, müsse da wohl noch eine Aufgabe auf ihn warten, dachte Frankl und sah diese in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Dieser Bestseller, er wurde zwölf Millionen Mal verkauft, preist die „Trotzmacht des Geistes“ und den bedingungslosen Glauben an einen letzten Sinn, auch wenn dieser oft verborgen bleiben mag.

Dass das 21. Jahrhundert der Sinnfrage gewidmet sein werde, erahnte Frankl bald. Ob er auch die Geschäftemacherei mit „Sinn“ gewittert hatte? Allein in Deutschland spielen Sinn-Ratgeber, Pilgerreisen, Workshops et cetera jährlich 25 Milliarden Euro Umsatz in die Kassen, so das Magazin „Focus“. 

Der Suche nach Substanz und Geist stehen Lebensentwürfe ohne echte Tiefen, ausgeprägte Höhen und stimmiges Sein gegenüber. Mit Verdrängung, Zynismus und Verzweiflung versuchen viele, der Sinnleere und dem existenziellen Vakuum zu entfliehen. 

FRAGEN DES LEBENS
„Viktor wu?rde sich im Grab umdrehen, wu?sste er, wie falsch manche seinen Ansatz auslegen!“, seufzt Elli Frankl. Die „heilsame Begegnung“ zwischen Menschen sei ihm u?ber alles gegangen. „Was sind hier fu?r bedeutende Größen gesessen! Was haben wir gelacht! Hier konnten alle sein, was sie urspru?nglich waren: freie Menschen mit Vorzu?gen und Nachteilen, die wir alle haben.“ Diese Anteilnahme könne man nicht lernen. Sie mu?sse von innen heraus kommen, sagt sie und legt die Hand auf ihr Herz. Elli Frankl weiß, wovon sie spricht. Sie, die schärfste Kritikerin ihres Mannes, ist schließlich am Erfolg der Logotherapie beteiligt. Wenn er, „der Seelenarzt mit dem grandiosen Einfu?hlungsvermögen“, ihr, der Arzthelferin, seine Gedanken diktierte, tippte sie diese erst in die Schreibmaschine, wenn ihr die Sätze schlu?ssig vorkamen. War das nicht der Fall, musste er sie so lange umformulieren, bis sie sie verstand. Nur so konnte sicher sein, dass auch „einfache Menschen“ begreifen, wie sich Leid in eine „sinnvolle Leistung“ verwandeln lässt.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 03/16 – von Petra Klikovits