11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Wir sind eins, ich bin zwei
Sie teilen den genetischen Bauplan, den Mutterleib, die Kindheit, und sie haben es nicht immer leicht, ihren eigenen Weg zu gehen. Das Leben von Zwillingen ist ein Tanz zwischen Symbiose und Selbstentfaltung.

Stellen Sie sich vor, Sie treffen jemanden, den Sie noch nie zuvor gesehen haben. Einen Menschen, der Ihnen fremd und gleichzeitig total vertraut ist. Der aussieht wie Sie, lächelt wie Sie und sogar dieselben Redewendungen benutzt. Eine faszinierende Vorstellung? Oder eine unheimliche? Es gibt Menschen, die genau das erleben. Menschen, die gar nicht wussten, dass sie als Zwilling geboren wurden, die erst als Erwachsene jene zweite Hälfte finden, mit der sie monatelang zusammen waren, deren Herzschlag sie gehört und deren Nähe sie gefühlt haben.

Zwillinge haben seit jeher fasziniert. Mythen und Geschichten ranken sich um dieses seltsame Doppelwesen. Im Mittelalter glaubte man, die gleichen Geschwister würden sich eine Seele teilen. Je nach Kulturkreis wurden sie entweder als besonders göttliche und segenbringende oder aber als widernatürliche, wenn nicht gar mit dem Bösen in Verbindung stehende Wesen angesehen. Da wie dort bezweifelte man, dass es bei der Zeugung mit rechten Dingen zugegangen sein könne.

VIELLEICHT VON ZWEI VÄTERN
Dass die Zeugung eineiiger Zwillinge genauso verläuft wie jede andere, weiß die moderne Medizin längst. Zweieiige Zwillinge stellen die große Ausnahme dar, da sie aus zwei verschiedenen Eizellen entstehen. Sie müssen nicht einmal beim selben Geschlechtsakt gezeugt worden sein, in seltenen Fällen haben zweieiige Zwillinge sogar unterschiedliche Väter. Eineiige Zwillinge hingegen stammen aus ein und derselben befruchteten Eizelle, die dann sozusagen beschließt, sich zu zwei Embryonalanlagen zu entwickeln. Je nach Zeitpunkt dieses Prozesses haben die Embryos einen eigenen Mutterkuchen oder müssen sich einen mit dem Zwilling teilen. Wenn die Teilung sehr spät geschieht, bewohnen die Embryos sogar ein und KLEIN_01_140103 WdF Zwillinge 0 Kopiedieselbe Fruchtblase. Bei zwei Prozent aller Zwillinge ist das der Fall. Eine so späte Teilung ist oft nicht mehr vollständig. Das Ergebnis sind siamesische Zwillinge.

So gut erforscht diese Zusammenhänge sind, so unsicher bleiben die Antworten auf die Frage nach dem Warum der Zwillingsentstehung. Möglicherweise liegt es an einer Mutation im Erbgut, oder ein mechanischer Impuls führt dazu, dass aus einem Zellhaufen, der normalerweise das frühe Stadium eines einzelnen Wesens darstellt, zwei eigenständige mit einer völlig identischen Erbanlage werden.

EINZIGARTIGKEIT MIT FRAGEZEICHEN
Ob Mysterium, Zufall oder Laune der Natur: Die Faszination, die diese Zweiheit im Einssein ausübt, hat nicht nur eine biologische, sondern auch eine psychologische, wenn nicht gar eine philosophisch-spirituelle Dimension. „Das, was wir uns als Menschen zuschreiben, nämlich dass jeder und jede von uns einzigartig und etwas Besonderes ist, wird infrage gestellt“, erläutert Frank Michael Spinath. „Wir glauben, unsere Biografie sei hochgradig individuell. Aber dann stoßen wir auf Zwillinge, die gleich nach der Geburt getrennt wurden und als 40-Jährige feststellen, wie ähnlich ihr Leben verlaufen ist. Wie selbstbestimmt sind wir also wirklich?“

Der Professor für differenzielle Psychologie an der Universität des Saarlandes widmet sich mit Leib und Seele der Zwillingsforschung: „Sie erlaubt uns eine Reihe spannender Einsichten in die Persönlichkeit des Menschen.“ Dabei geht es um die uralte Frage: Was ist vererbt, was anerzogen? Welche Teile unserer Persönlichkeit sind durch unsere DNA vorprogrammiert, welche ein Resultat der Erziehung und Umwelt? ZwillingsforscherInnen suchen gezielt nach Eigenschaften, in denen sich eineiige Zwillinge mehr ähneln als zweieiige oder herkömmliche Geschwister, und ziehen daraus Rückschlüsse auf die Bedeutung des genetischen Bauplans für die psychische Entwicklung.

NICHT DIE GENE ALLEIN
Seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert nahm die Zwillingsforschung nicht nur Einfluss auf das Bild des Menschen, sondern diente auch dazu, die eine oder die andere gegenteilige These zu untermauern. So wurden ihre Ergebnisse herangezogen, um zu beweisen, dass alles in den Genen liege und es daher Rassen oder Geschlechter gebe, die anderen überlegen seien. Umgekehrt diente die Zwillingsforschung auch dazu, die Behauptung zu stützen, dass fast ausschließlich Umwelteinflüsse den Menschen zu dem machten, was er ist.

Diese polaren Sichtweisen gehören der Vergangenheit an. „Mittlerweile hat man sich vom ,Entweder-oder‘ gelöst“, so Frank M. Spinath. „Wir wissen, dass sowohl Gene als auch Umwelt die Persönlichkeit des Menschen beeinflussen. Jetzt geht es darum, herauszufinden, wie die einzelnen Faktoren zusammenspielen.“ Die Forschung an Zwillingen ist dafür ein methodischer Zugang, und ihre Ergebnisse können Licht in so manche grundlegende Frage des Menschseins bringen. Erkenntnisse darüber, wie Zwillinge selbst sich fühlen, sich verhalten und ihr Leben führen, sind ein wenig beachtetes Nebenprodukt dieser Forschungen.

Nur wenige Studien beschäftigen sich gezielt mit der Frage, was es bedeutet, niemals allein, sondern stets Teil eines Duos zu sein. Wie es sich anfühlt, ständig im Mittelpunkt zu stehen – weil Zwillinge nun einmal etwas Besonderes sind –, andererseits kaum als Individuum wahrgenommen zu werden, weil es ja immer noch den „Klon“ gibt. Was es bedeutet, ständig verglichen oder auch verwechselt zu werden und sich nicht nur von den Eltern abnabeln zu müssen, sondern auch vom Zwillingsgeschwister, mit dem man Mutterbauch, Kinderzimmer, Kleidung und Schulbank geteilt hat.

Bekannt sind extreme Beispiele von Zwillingsbeziehungen, wie etwa das der Britinnen Alice und Nellie Clarke, die im Jahr 2000 ihren hundertsten Geburtstag feierten und kurz danach verstarben. Sie hatten nie geheiratet und angeblich keine einzige Nacht ohne einander verbracht. Letzteres galt auch für die Brüder Chang und Eng, auf deren Geburt im Jahre 1811 in Thailand, dem damaligen Siam, auch der Name „siamesische Zwillinge“ zurückgeht. Chang und Eng waren vom Brustbein bis zum Bauchnabel zusammengewachsen. Im Gegensatz zu Alice und Nellie heirateten sie, und jeder von ihnen bekam zahlreiche Nachkommen.

Zunächst wohnten die beiden Familien unter einem Dach, später trennten sie sich, angeblich, weil die Ehefrauen der Zwillinge zu streiten begonnen hatten. Die beiden Brüder lebten fortan nach einem strengen Zeitplan: drei Tage im Haus der einen Familie, drei Tage im Haus der anderen, wobei der Hausherr jeweils den Ton angab und der „Gast“ sich seinem Willen beugen musste. Was an den Lebensgeschichten von Alice und Nellie, Chang und Eng deutlich wird, zeigen auch moderne Forschungsergebnisse: In der Zwillingspaarbeziehung ist zwischen totaler Symbiose und einem hohen Grad an Unabhängigkeit alles drin. „Manche finden es ein Leben lang toll, Zwilling zu sein, andere erleben ein Hin- und Hergerissensein, wieder andere brechen den Kontakt völlig ab. Das kommt ganz auf die Persönlichkeit an. Manche sind eben konkurrenzorientiert, andere anlehnungsbedürftig. Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, welchen Einfluss das Zwillingsdasein auf die psychische Entwicklung nimmt“, sagt Spinath.

DISTANZ IST GESUND
Zwillinge lernen später sprechen als Einlinge, manche Zwillingspaare entwickeln sogar ihre eigene Sprache. Oft erkennen Zwillinge sich im Spiegel oder auf Fotos nicht selbst, sondern glauben, das Zwillingsgeschwister vor sich zu haben. Insgesamt weisen sie leichte Entwicklungsrückstände auf, die sich aber im Laufe der Jahre meist geben. Auch wenn es kaum systematische Studien gibt, so weiß man, dass Zwillinge im Durchschnitt seltener und später heiraten als Einlinge und dass die Selbstmordhäufigkeit unter ihnen geringer ist als in der Gesamtbevölkerung. In Sachen Partnerwahl gehen Zwillinge tendenziell ihre eigenen Wege und finden unterschiedliche Menschen attraktiv. Dass Zwillinge Zwillinge heiraten, ist selten.

Klar ist, dass die Herausforderungen an die eigene Identität und Individualität für Zwillinge vielschichtiger sind als für andere Menschen. Wie leicht ihnen die Abnabelung fällt, hängt auch damit zusammen, wie sie von Eltern, Geschwistern und Umwelt wahrgenommen und behandelt werden. „Die Umwelt versucht, ein Paar zu sehen. Zum Beispiel wurden meine Schwester und ich mit 18 in der Schule von einem Lehrer immer gemeinsam geprüft“, erinnert sich Marianne Enzlberger. „Das war furchtbar. Jede von uns wollte ein eigener Mensch sein und als solcher wahrgenommen werden.“

Die Soziologin ist selbst eineiiger Zwilling und hat sich in ihrer Dissertation mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie rät Zwillingseltern dringend, ihre Kinder nicht gleich anzuziehen, sie beim eigenen Namen anstatt „die Zwillinge“ zu nennen und als Vater oder Mutter öfter mit jeder bzw. jedem einzeln etwas zu unternehmen. Für die Persönlichkeitsentwicklung sei es entscheidend, die Individualisierung zu fördern, meint Marianne Enzlberger. Sie empfand Ähnlichkeit mit und Nähe zu ihrer Schwester Gabi manchmal als beklemmend. Heute ist sie froh über eine gesunde Distanz: „Schließlich kann man nicht als Paar durchs Leben gehen. Jede muss ihre eigene Aufgabe bewältigen.“