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Der Begriff „Bildung“ steht derzeit hoch im Kurs, und immer mehr Menschen studieren. Besonders Frauen profitieren vom Ausbildungsboom, sie erzielen bessere Qualifikationen denn je. Doch Bildung ist mehr als Ausbildung, und sie muss mehr sein als bloßes „Humankapital“.

Eigentlich ist es ein komisches Wort. Als hätten wir beim Lotto oder Roulette auf die richtige Zahl oder beim Poker auf die passende Karte gesetzt und könnten jetzt glücklich das Preisgeld heimholen. Frauen, so heißt nämlich ein sehr beliebtes Schlagwort der letzten Jahre, seien „Bildungsgewinnerinnen“. Als hätten wir das große Los gezogen. Oder als seien nach jahrtausendealter Macht der männlichen Muskelkraft nun im Berufsleben endlich Kopf, Herz und Kommunikation gefragt, und da können Frauen locker mithalten. Die Statistiken belegen, dass Frauen, obwohl sie so lange von Universitäten ferngehalten wurden, gerade in der höheren Bildung rasch aufholen konnten und zahlenmäßig bei den MaturantInnen und Studierenden die Männer bereits überholt haben. Die Bildung, so scheint es, wird weiblich. Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, gab einer großen Studie von 2007/2009 über Lebensverläufe junger Menschen in Deutschland den vielsagenden Titel „Frauen auf dem Sprung“. „Die Wirtschaft ist auf die meist hervorragend ausgebildeten Frauen angewiesen, denn bald werden entsprechend geschulte Männer fehlen“, schreibt sie. „Eine neue Zeit hat begonnen.“

WISSENSGESELLSCHAFT
Was aber ist Bildung überhaupt und warum ist sie so eminent wichtig? „Für mich ist Bildung Freiheit“, sagt Elisabeth Mayer. Sie ist die Tochter von Weinhauern in der Wachau und die Erste in der Familie, die studiert. Ihre älteren Brüder haben nach der Schule eine Lehre absolviert und arbeiten als Elektriker, ihre jüngere Schwester hat es ihr nachgemacht und ist an eine Fachhochschule gegangen. Elisabeth Mayer war immer schon ein nachdenkliches Kind, „in meinem Kopf rattert es eigentlich ständig“, sagt sie, und während eines Au-pair-Aufenthaltes in Paris reifte die Idee, Soziologie zu studieren – nicht unbedingt naheliegend, wenn man in Weingärten aufgewachsen ist. Doch Elisabeth Mayer ist ehrgeizig, sie will vorankommen, und ihre Eltern sind stolz und unterstützen sie. Das Studium, das sie an der Universität Wien absolviert, gibt ihr die Möglichkeit, sich „geistig zu entfalten“. Mayer seufzt, wenn sie das sagt. Es klingt wie eine Erleichterung, als gäbe es da ein Ventil für all das Rattern im Kopf und einen Weg, zu wachsen.
Bildung basiert auf Wissen, und das galt immer schon als großes Gut. Es genießt hohes Ansehen und verleiht bisweilen Macht. Bildung trägt zur Selbstentfaltung bei und zu Eigenständigkeit, sie ist ein Menschenrecht. In den letzten Jahrzehnten steht der Begriff „Bildung“ aber auch aus anderen Gründen hoch im Kurs. Denn mittlerweile leben wir in einer sogenannten „Wissensgesellschaft“. Der Reichtum vieler westlicher Staaten beruht immer weniger darauf, dass sie Gegenstände herstellen und verkaufen. Manche sprechen bereits von „immaterieller Arbeit“, weil wir in der „Ersten Welt“ eben nicht mehr mit den Händen etwas Greifbares herstellen, sondern mit dem Kopf etwas Unsichtbares wie etwa Computerprogramme oder Pharmaentwicklungen. Das Wissen wird jetzt sozusagen zum neuen Rohstoff, wir entwickeln und verkaufen Know-how. Daher betont die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in ihren jährlichen Bildungsberichten auch immer wieder den Wert hoher Qualifikation und fordert, dass der Anteil der AkademikerInnen an der Bevölkerung auf jeden Fall weiter steigen müsse.

DIE UNIVERSITÄT ALS FABRIK
Dass Frauen nun zu „Bildungsgewinnerinnen“ werden, ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen – wie ja schon Jutta Allmendinger sagte, braucht die Wirtschaft die gut qualifizierten Frauen. Aber was geschieht, wenn diese ökonomische Sicht den Bildungsgedanken leitet? Die Hochschulen haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Viele Berufe, die man früher über eine Lehre und Arbeitspraxis erlernt hat, sind jetzt akademisch. Journalistik kann man studieren und Touristik, Marketing und Management, Pflegewissenschaft und Kommunikationsdesign. Das ist durchaus sinnvoll und eröffnet vielen überhaupt erst die Möglichkeit eines Studiums. Doch gleichzeitig geht der Trend dahin, das Lernen immer stärker zu verschulen, effizienter zu machen und auf künftige Arbeitspraxis hin auszurichten, nicht nur an den Fachhochschulen, sondern auch an den Universitäten. Gerade durch die „Bologna-Reform“, mit der die europäischen Hochschulsysteme angeglichen werden sollten, sei ein Fast-Food-Studium entstanden, das Bildung auf bloße Ausbildung reduziert, sagen KritikerInnen. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht sogar von einem „System der Unbildung“. Man habe den Universitäten den Geist ausgetrieben, sie seien zu reinen Lernindustrien geworden.

WISSEN IM WETTLAUF
Zudem hat auch ein großer Wettlauf eingesetzt, denn je mehr Menschen die Matura und ein Studium absolvieren, desto höher werden nun die Anforderungen auch für einfache Arbeiten und desto mehr fallen diejenigen zurück, die schlechte oder keine Schulabschlüsse haben. Sie – und das sind in Österreich nicht wenige – werden zu „BildungsverliererInnen“. Früher einmal ergab die Kombination der Merkmale „weiblich, katholisch, vom Land“ die schlechteste Prognose für einen Bildungsaufstieg, heute sind es die Merkmale „männlich, Migrationshintergrund, im Problembezirk einer Großstadt aufgewachsen“, konstatiert der Soziologe Heinz Bude.
Auch diejenigen, die den Wettlauf schaffen, haben ihre Schäfchen noch lange nicht im Trockenen. Es ist nicht immer leicht, eine dem akademischen Abschluss angemessene Arbeit zu finden, und gerade Frauen arbeiten oft in Jobs, für die sie eigentlich „überqualifiziert“ sind. „Wenn beim Fußballspiel alle aufstehen, um eine bessere Sicht zu haben, sieht im Endeffekt keiner mehr etwas“, fasst Heinz Bude den Sachverhalt, dass der exklusive Wert des Studiums sinkt, lakonisch zusammen. In seinem Buch „Bildungspanik“ beschreibt er, wie die Mittelschicht, aus Angst, den Anschluss zu verlieren, immer mehr Lerndruck auf ihre Kinder ausübt. Bude wirbt für mehr Gelassenheit, es gebe eben Löwen und Füchse. Die Bildungslöwen mögen mächtig sein, aber die Füchse sind schlau, und sie müssen nicht unbedingt eine Universität absolvieren, um gut durchs Leben zu kommen.

WAHRE WERTE
„Bildung ist eines der wesentlichen Merkmale für die Beurteilung des Humankapitals, welches einer Gesellschaft zur Verfügung steht“, heißt es auf der Homepage von Statistik Austria. Vergleicht man diese Definition mit der von Elisabeth Mayer, „Bildung ist Freiheit“, dann sieht man, wo das Problem liegt.
Es ist gut, dass Ausbildung so sehr an Kredit gewinnt und dass Frauen davon profitieren. Ausbildung ist eminent wichtig. Aber wir sollten mehr sein wollen als bloßes „Humankapital“. Dazu muss man einen leidenschaftlichen Begriff von Erkenntnis haben, für den auch nicht unbedingt ein Studium notwendig ist. [Bildung braucht die richtige Nahrung, sie braucht Freiraum und vor allem Zeit. Denn sie hat etwas mit Formung und Entfaltung zu tun. Sie ist wie ein Garten. Sie bedarf der Pflege, Disziplin, Geduld und Offenheit dafür, was sich entwickelt. Es gibt genug weise und sehr gebildete Menschen, die nie eine Universität besucht haben.] Gerade Frauen, die historisch so lange keine Studienmöglichkeiten hatten, wissen das. Sie erkämpften sich gegebenenfalls ihre Kenntnisse, wie etwa die englische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft (1759-1797), die aus sehr einfachen Verhältnissen stammte, sich selber Deutsch und Französisch beibrachte und Bildung für Mädchen propagierte. Ihre geheimen Nachfolgerinnen sind heute vielleicht genau diejenigen Frauen, die sich das Recht und die Zeit nehmen, das zu lernen, was sie wirklich wissen wollen.