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Wo sind meine Hobbys?
Etwas freie Zeit. Jetzt könnten sich die Sehnsüchte melden. Denk ich mir.

Heute ist frei. Ausschlafen, faulenzen. Ich will Sie nicht langweilen mit der Aufzählung, was man an einem Feiertag dennoch alles arbeiten könnte. Also schreibe ich jetzt nicht über Bügeln, Kochen, Saugen, Spazieren mit dem Hund oder so. Sondern darüber, was man sich an einem solchen Tag selbst Gutes tun kann. Meine Kinder sind schon relativ groß und haben ganz andere Ansprüche an mich als früher. Jetzt zum Beispiel schlafen sie noch, am Abend sind sie meistens in ihren Zimmern. Gemeinsame Ausflüge sind nicht mehr so der Hit, und Spieleabende machen sie nur noch mir zuliebe.

Gut. Das ist ja schön. Einerseits. Wie oft habe ich mir gedacht, dass ich überhaupt keine Zeit für mich hätte, dass ich meine vielen Hobbys schon seit Jahren nicht mehr ausübe. Andererseits aber sitze ich jetzt da und drehe Däumchen. Bis zum großen Frühstück sind es bestimmt noch zwei Stunden. Ich könnte lesen, aber das mache ich immer. Ich könnte laufen, aber das war ich erst gestern. Ich könnte in die Luft schauen und genießen, aber das habe ich die letzten zwei Abende gemacht. Ich könnte nicht ins Kino gehen, das hat noch geschlossen. Ich kann auch nicht alleine Volleyball spielen. Und im Hallenbad ein paar Runden schwimmen reizt mich im Moment gar nicht. Wo sind jetzt die vielen Hobbys?

Ich habe einmal gelesen, dass man sich irgendwann wieder seiner Sehnsüchte bewusst werden müsse. Ich denke nach. Ich weiß schon, das geht nicht so schnell. Das ist mitunter konsequente Arbeit. Obwohl man seine Sehnsüchte doch intuitiv kennen müsste. Denk ich mir. Mir fallen nur meine großen Sehnsüchte von früher ein: Familie und von zu Hause aus arbeiten. Die habe ich mir erfüllt. Und ich bin ja auch zufrieden damit. Mir fehlt nichts. Im Gegenteil, es kommt sogar wieder freie Zeit zurück. Vielleicht bin ich in einer Übergangsphase. Denk ich mir. Damals, als mein erster Sohn zur Welt kam, gab es keine Übergangsphase. Er wirbelte alles durcheinander. Von einem Tag auf den anderen war mein Leben ein anderes. Jetzt verändert sich auch etwas. Aber so langsam, dass ich länger brauche, um es zu bemerken. Und um zu reagieren. Jahrelang hat sich alles um die Kinder gedreht, und jetzt soll es plötzlich wieder um mich gehen? Das ist schon ein bisschen viel verlangt. Darauf muss ich mich erst vorbereiten.
Ich drücke mir einen Kaffee herunter und hole mein Tagebuch. Sehnsüchte, schreibe ich mit Fragezeichen. Kein Stift kratzt übers Papier. Ich komme mir unendlich uninteressant vor, weil da keine Worte aus mir rausfließen. Vielleicht bügle ich jetzt doch lieber, dann ist wenigstens das erledigt.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Verena Halvax