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Lebenszeit ist ein Geschenk, aber sie ist begrenzt. Wofür sollten wir unsere Kraft, unsere Fähigkeiten, unsere Leidenschaften einsetzen? Um möglichst „schnell“ zu leben? Oder bewusst „langsamer“? Oder ist Lebensqualität vom Tempo völlig unabhängig?

Wenn man einen Film über Ihr Leben drehen würde, was wären darin die wichtigsten Szenen aus den zurückliegenden Lebensjahren? Die Kindheit – war sie unbeschwert, welche Narben hat sie hinterlassen? Der Einstieg in das Berufsleben – welche Pläne haben sich erfüllt? Die Hochzeit – sind wir tatsächlich schon 20 Jahre verheiratet? Die Geburt der Kinder – sind sie wirklich alle schon erwachsen? Freundschaften – kann es sein, dass es schon fünf Jahre her ist, dass wir uns das letzte Mal getroffen haben? Sind die Zeiten, in denen Sie am liebsten auf Zeitlupe oder Stopp gedrückt hätten, selten gewesen?
„Wenn Sie zurückblicken auf Ihr bisheriges Leben, was bedauern Sie mehr: bestimmte Dinge getan zu haben, die sich später als falsch herausgestellt haben? Oder bedauern Sie es mehr, bestimmte Dinge nicht getan zu haben?“ Als die Zeitschrift „Psychologie Heute“ im Jahr 2008 diese Frage 60 Erwachsenen stellte, gaben 75 Prozent von ihnen an, eher zu bedauern, etwas unterlassen zu haben. Zum Beispiel in ihrem Leben zu wenig Bildung erworben zu haben. Andere reute es, dass sie Chancen nicht ergriffen, auf Liebesbeziehungen verzichtet und anderen Menschen nicht genügend Zeit gewidmet hatten oder Karrieremöglichkeiten ausgeschlagen hatten. Wie ein roter Faden zog sich durch alle Antworten die Erkenntnis: Es ist schlimmer, etwas im Leben nicht getan, eine Chance ungenutzt gelassen zu haben, als Fehler zu machen oder mit einem Projekt erfolglos zu sein. Nicht genutzte Chancen, Zögerlichkeit, Mutlosigkeit oder falsche Rücksichtnahme scheinen wenig förderlich für ein Leben, in dem es möglichst wenig zu bereuen gibt.
Die Zeit scheint schneller zu vergehen, je älter wir werden. „Ein Kind, ein Jugendlicher hat noch viel Zeit vor sich. Im Alter kommt man unter Druck, weil die Lebenszeit weniger wird, dabei will man noch so vieles machen und entscheiden, in einer Welt, in der es so viele Möglichkeiten gibt“, meint der Münchner Zeitforscher Karlheinz A. Geißler. „Wer nicht unter Zeitdruck kommen will, muss sich mit dem Tod anfreunden, muss mit seiner Endlichkeit Frieden schließen.“

LEBENSZEIT IST JETZT
„Zeit ist die Form, die durch das Leben fließt. Zeit ist die Bedingung für Leben. Zeit ist Lebenszeit. Doch Lebenszeit ist begrenzt. Irgendwann erreichen wir ihr Ende. Irgendwann leuchten die Sterne ohne uns. Deshalb ist es so wichtig, zu begreifen, dass Leben nicht später stattfindet, sondern jetzt“, formuliert Uwe Böschemeyer in seinem neuen Buch „Machen Sie sich bitte frei“. Das Glück, die Traurigkeit, der Kampf, Zorn und Geduld, die Arbeit und die Muße. Wir wissen, alles braucht seine Zeit. „In dem Maße nun, in dem wir darauf hören, was unsere Seele hier und jetzt von uns will, leben wir in der Zeit, sind wir uns selber nah, finden wir unseren Rhythmus, füllen wir uns unsere Lebenszeit aus.“
Lebenszeit ist weder Vergangenheit noch Zukunft. Weder Erinnerung noch Erwartung. Lebenszeit ist hier, jetzt, in diesem Augenblick. Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi spricht dann von „Flow“, wenn unsere Konzentration auf das fokussiert ist, was uns gerade wichtig ist. Flow ist der Zustand, der mit Freude, innerem Engagement, Begeisterung und hoher Selbstmotivation verbunden ist.
Doch nicht immer können wir uns aussuchen, wofür wir unsere Lebenszeit einsetzen wollen. Oft kommen Aufgaben auf uns zu – in der Familie, im Beruf oder im öffentlichen Leben – die darauf warten, übernommen zu werden, und zwar von uns. Da lässt uns das Leben keine Ruhe. Wir können nicht ausweichen, obwohl wir, besieht man es recht, keine Lebenszeit dafür übrig hätten. „Wir haben nicht die Zeit, sondern wir sind die Zeit“, formuliert Karlheinz A. Geißler. Zeit vergeht nicht. Sie entsteht. Und zwar jeden Tag aufs Neue. Doch lässt sie sich weder dehnen noch vermehren. „Multitasking“ – das heißt mehrere Dinge schnell auf einmal zu erledigen – macht langsamer und müder, sagen NeurobiologInnen. Sind uns die unterschiedlichen Geschwindigkeitsstufen zwischen „schnell“ und „langsam“ verloren gegangen? „Langsamkeit, Pausen oder Warten dürfen nicht als Zeitverlust, sondern sollen als notwendiges Gegengewicht zu Beschleunigung und Tempo gesehen werden“, so Geißler. Oder ist die Verteilung der Zeit die Herausforderung?

VON DEN VIER LEBENSSÄULEN
Die Psychotherapeutin Helga Obermair empfiehlt deshalb einen regelmäßigen „Lebenszeitservice“. Sie meint damit, die Aufmerksamkeit auf die Balance zwischen den vier Lebenssäulen „Gesundheit“, „Beziehungen“, „Beruf und Geld“ und „persönliche Weiterentwicklung“ zu legen. „Schaut man mit dem Blick von oben auf diese Lebenseckpunkte, wird sehr schnell klar, welcher Bereich vorherrscht, welcher vernachlässigt ist oder nicht mehr hinterfragt wird.“ Die vier Aspekte sind verbunden wie zu einem Netz, das immer wieder auf seine Tragfähigkeit überprüft werden sollte. „Es geht nicht darum, in alle vier Bereiche gleich viel Lebenszeit zu investieren, sondern zu einer Aufteilung zu finden, die den persönlichen Bedürfnissen am besten entspricht.“ Die Arbeitszeit den Energien anzupassen, die Freizeit mit allen Vorlieben zu gestalten und nicht auf jene freie Zeit zu vergessen, in der die echte Erholung passiert. „Das sind Stunden, in denen nur das, was im Moment Freude macht, geschehen soll.“ Lohnt sich das? „Ja, weil in dieser Zeit neue Ideen, neue Ziele und neuer Antrieb entstehen können“, meint Helga Obermair. „Menschen bekommen sehr viel Lebensenergie, wenn sie sich weiterentwickeln.“
Für die Theologin Petra Steinmair-Pösel gehört zu einem lohnenden Leben das Bewusstsein um die Endlichkeit der eigenen Zeit. Im Gespräch (s. Seite 19) betont sie die Verantwortung, die sich für jeden von uns daraus ergibt, „Zeit und Energie bewusst einzusetzen und den eigenen Lebensstil kritisch in den Blick zu nehmen“. In der Verknüpfung von sozialer Kompetenz und Empathie, gepaart mit Beruf und Tätigkeiten, die Freude machen, können wir eine eigene Zeitkultur entwickeln. Und wie wäre es, dabei öfter mal die Stopptaste zu drücken, um nach der Ausgewogenheit der Zeitressourcen zu fragen?

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben hinzuzufügen.