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Woher kommt die Kraft

Um die Tiefen des Lebens ertragen zu können und aus Krisen gestärkt hervorzugehen, müssen wir uns auf den Weg zu uns selbst machen. Drei Frauen erzählen, warum sie heute mutiger denn je nach vorne blicken.

Barbara Pachl-Eberhart (41): „Wenn ich ganz ich selbst bin, bin ich stark“

Ich weiß nicht, ob ich wirklich stark bin. Aber seit der Karwoche 2008 weiß ich, was Urkraft ist“, sagt Barbara Pachl-Eberhart, Autorin des Bestsellers „vier minus drei“. Vor sieben Jahren verlor die Wienerin ihren Mann Heli und die gemeinsamen Kinder Thimo (6) und Valentina „Fini“ (2). Das Auto, in dem die drei saßen, kollidierte mit einem Zug. Heli Eberhart verstarb noch an der Unfallstelle, Fini später während einer Notoperation. Ihren hirntoten Sohn ließ Pachl-Eberhart schließlich bewusst gehen, indem sie die künstliche Beatmung abstellen ließ – erfüllt von der Zuversicht, dass ihre Kinder in Sicherheit sind, dass alles Sinn macht und sie gegen den Tod nicht länger aufbegehren muss.

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Wie nahe sind Sie sich selbst?

Dass diese Hingabe möglich war, verdankt sie einem Bewusstsein, das in den Tagen des sukzessiven Abschiednehmens in ihr gereift war. Immer wieder hatte sie sich zu Spaziergängen durch den Krankenhauswald aufgerafft. Dabei versprach sie ihrer Tochter – sie war die Einzige mit Überlebenschancen – im stummen Zwiegespräch eine prächtige Zukunft. Disneyland, Berge voll Eis. „Das Leben ist doch so schön!“ Insgeheim flehte sie aber: „Bitte verlass mich nicht!“ 

Irgendwann in diesen Tagen meldete sich eine neue Erkenntnis zu Wort. Das Leben sei wirklich schön, „auch für mich. Sogar wenn meine Tochter sterben sollte“. In der dritten Nacht nach dem Unfall wurde Fini notoperiert. Pachl-Eberhart ging wieder in den Wald und wurde, so erzählt sie, auf einmal von einer nie gekannten Kraft erfasst. „Ich war wie berauscht von etwas wie Glückseligkeit. War luftig, leicht, froh wie niemals zuvor. Ich wusste überhaupt nicht, wohin mit dieser Energie und diesem Licht.“

Was tun Sie, wenn der Schmerz kommt?  

Was tun Sie, wenn der Schmerz kommt?

DIE GROSSE ANGST
Für ihren Körper sei dieser Strom kaum aushaltbar gewesen. Also gab sie ihm Ausdruck, fing an zu rennen und das Pippi-Langstrumpf-Lied zu singen. Ganz laut, als trällere ihr Kind aus ihr heraus. Diese Kraft deutete sie so: „Meine Tochter ist gerade aus der Narkose erwacht, sie lebt!“ Zurück im Spital erfuhr Pachl-Eberhart, dass Fini während der OP gestorben war. „Da begriff ich die größere Wahrheit hinter dem rauschhaften, paradoxen Glücksgefühl: So also fühlt sich Sterben an, so die Begegnung mit Gott, wenn er einen durchdringt.“ Die Fachliteratur bezeichnet solche Erlebnisse als „Mitsterben“. Heute sagt Pachl-Eberhart: „Gott rutschte damals in mich hinein und lebt seither aus mir heraus.“ Das sind ungewöhnliche Worte für eine Frau, die Spirituellem bis dahin wenig Bedeutung beigemessen hatte. Früher lebte Pachl-Eberhart lieber nach Plan. Vorwärtskommen assoziierte sie mit unermüdlichem Strampeln. Zwar hatte sich schon während ihres Querflötenstudiums gezeigt, dass diese Rechnung nicht aufgeht: Trotz ihres Bisses verpatzte sie damals eine entscheidende Prüfung, schmiss alles hin. Nach ihrer Ausbildung zur Volksschullehrerin stellte sie fest, dass auch dieser Beruf nicht der richtige war. Sie wollte gar nicht unterrichten, sondern lieber „blödeln und unterhalten“ – und wurde Clown. Kurz darauf auch Mutter. In beiden Rollen versuchte sie beharrlich, „alles Dunkle, das nicht schön war, auszusperren“.

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Bedingungslose Selbstliebe: Wie spüren Sie die?

BEDINGUNGSLOSE LIEBE
Ein anstrengendes Unterfangen. Die „größte Urangst“ ihres Lebens, „eines Tages von Traurigkeit und Ohnmacht verschluckt zu werden“, saß ihr stets im Nacken. Mit dem Tod ihrer Familie holte diese Angst sie ein. Das Undenkbare war plötzlich Realität. „So seltsam es klingt: Das war fast so etwas wie eine Erlösung.“ In den Wochen nach dem Unfall verließ Pachl-Eberhart kaum ihr Bett. „Es war für mich ein Mutterbauch, den ich am liebsten nie mehr verlassen wollte.“

In dieser Geborgenheit fing sie an, ihren „weichen, weiblichen Teil“ auszugraben, entwickelte eine bedingungslose Liebe und Fürsorge zu sich selbst und erkannte: „Das Haus meines Lebens ist zwar zusammengefallen, aber ich selbst bin nicht verloren. Ich habe keinen Plan mehr. Doch ich kann auf das, was kommt, vertrauen.“

Das Spendenkonto, das Freunde für sie eingerichtet hatten, ermöglichte ihr eine Zeit des Atemholens. Pachl-Eberhart stellte sich der „Schwerstarbeit des Trauerns“. 

Wie ein „wasserscheues Kind“ habe sie sich gefühlt, doch je ausgiebiger sie in den zuvor verdrängten Gefühlen badete, umso mehr entdeckte sie, dass sie in der Lage war, auch die dunkle Seite des Lebens zu meistern. „Als Clown hatte ich gelernt, winzigste innere Regungen wahrzunehmen und auszugestalten. Das tat ich auch jetzt, mit anderen Vorzeichen.“ Sie sprach alles aus, was sie fühlte, schrieb es nieder, um nicht zu verhärten. „Wie ein trotziges Kind rief ich: ‚So, du blödes Leben, jetzt mute ich mir dich mal zu und zeige dir, wie ich wirklich bin!‘ “Im Wort „eigen-tlich“ fand sie einen Schlüssel für den gelungenen Dialog mit dem Leben. Sie begann, alles auf ihre „eigene Weise“ zu tun, in ihrem „ur-eigenen Tempo.“ Statt weiterhin Kraft zu verschwenden, um gefallen zu wollen, setzte sie nun auf die Kraft, die ihr verlässlich den Weg wies. 

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Ihr Beruf als Clown – wie hat der geholfen?

DER CLOWN IN UNS
Ohne Scham ließ sie die Liebe zu ihrem jetzigen Mann Ulrich Reinthaller zu, der vier Monate nach dem Verlust ihrer Familie in ihr Leben trat. Ohne Bedenken erklärte sie FreundInnen, wann sie Ruhe brauchte und allein sein wollte. Ohne Druck beschritt sie als Schreibtrainerin und Dialogbegleiterin neue berufliche Wege. Ohne Furcht formuliert sie heute ihren Wunsch nach einem neuen Kind. Ihr nächstes Buch will sie „dem Clown in uns“ widmen, jener Kraftressource, die uns alle, verspielt, mutig und vollständig leben lässt. Für Clowns fließen Freude und Trauer nahtlos ineinander und ergeben in Summe nichts als pure, kraftvolle Lebendigkeit.“

Barbara Pachl-Eberhart

Die Autorin von ,,vier minus drei‘ hat den Verlust ihrer Familie in Buchform verarbeitet, hält Vorträge und ist u.a. Trauerbegleiterin.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/15 – von Petra Klikovits und Carola Malzner

Lesen Sie die Geschichten von Silvia Dirnberger-Puchner und Martina Leibovici-Mühlberger in der September-Ausgabe ab Seite 12. 

In diesem Monat gibt es die Welt der Frau sogar am österreichischen Kiosk!