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So wollen wir gebären

Was brauchen und wünschen sich Frauen für die Geburt ihrer Kinder? Mütter erinnern sich und erzählen über Glücksmomente und Enttäuschungen, über ihr Balancieren zwischen der Sehnsucht nach Natürlichkeit und dem Nutzen der modernen Medizin.

Es war der zweite Geburtstag ihres erstgeborenen Sohnes, an sich schon ein besonderer Tag. Doch nie hätte Petra Auer gedacht, dass er eine für sie unfassbare Bedeutung bekommen würde. Der Spätsommertag im Jahr 2010 begann unspektakulär. Tagsüber war sie mit ihrem Sohn im Tiergarten, erinnert sich die heute 37-jährige Büroangestellte. Es war anstrengend, immerhin war sie hochschwanger. Sie war auch etwas in Sorge, da ihr Ungeborenes zuletzt nicht mehr gut gewachsen war.

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Petra Auer mit ihren Söhnen / Foto: Luiza Puiu

Nach dem Ausflug spürte sie immer wieder Wehen, die sie als nicht stark einschätzte. Das würde noch dauern, war sie sicher. Die Wienerin dachte an ihre erste Geburt: wie langwierig und schmerzvoll sie gewesen war. Damals hatte sie eine eigene Hebamme mit in ihr Wunschkrankenhaus genommen. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich im Kreißsaal zwar sicher und gut aufgehoben fühlen würde, aber auch gehemmt. „Ich hatte meine Entscheidungsfreiheit abgegeben, als ich das Krankenhaus betrat“, erzählt sie. Bei der zweiten Geburt wollte sie vieles anders machen.

Die Geburt eines Kindes gehört zu den prägendsten Ereignissen im Leben einer Frau. Es sind Momente größter Freude und manchmal auch der schmerzvollsten Trauer und Sorge, wenn ein Kind tot oder krank geboren wird. Gebären ist auch eine Phase größter Verletzbarkeit und Intimität. Wie lange ersehnen werdende Eltern diesen Moment. Viele Bilder – schöne und schreckliche – sind in ihrem Kopf. Vor diesem Hintergrund versucht eine schwangere Frau für sich die Fragen zu beantworten: Wie stelle ich mir die Geburt vor, was brauche ich, um sie gut zu meistern? Was hält die geburtshilfliche Versorgung für mich bereit und werde ich damit zufrieden sein?

Ihre Bilder sind andere als jene ihrer Urgroßmutter oder einer Frau in armen Ländern. Für diese Frauen ging und geht es immer noch um ihr Überleben und das des Kindes. Dank der modernen Medizin und hoher Lebensqualität konnte die Mütter- und Säuglingssterblichkeit in reichen Ländern auf ein sehr niedriges Niveau gesenkt werden.
Frauen hierzulande haben daher andere Erwartungen. Zufriedenheit mit der Entbindung gehört heute zu den Qualitätskriterien der Geburtshilfe dazu. Diese Ansprüche hätten sich in den letzten Jahrzehnten gehoben, stellen ExpertInnen fest: Zu Recht – denn das körperliche und psychische Erleben einer Geburt habe große Auswirkungen auf die weitere Gesundheit der Frau.

DAS „RICHTIGE GEBÄREN“
Doch es gibt auch überhöhte Bilder und zugleich hitzige ideologische Debatten um das „richtige Gebären“ entlang der Frage, wie viel Medizin und Überwachung ein an sich natürlicher Prozess braucht.
Was sagen inmitten dieser ungelösten Streitfrage die Frauen? Die aktuelle Studie „Psychosoziale Einflussfaktoren auf Geburtsmethoden und Zufriedenheit“ unter der Leitung des Wiener Programms für Frauengesundheit liefert Anhaltspunkte. In ihr wurden über 1.800 Wöchnerinnen aus sieben Wiener Spitälern befragt, wie sie eine natürliche Geburt und eine Entbindung per Kaiserschnitt bewerten und wie zufrieden sie waren. Diese Frauen stellen klar: Sie sind mit überwiegender Mehrheit für eine natürliche Geburt. Nur 1,5 Prozent wünschten sich tatsächlich eine Entbindung per Bauchschnitt, auch wenn keine medizinischen Gründe für Kaiserschnitt vorlagen.

Wie auch immer die Geburt verläuft, zügig oder komplikationsreich, vaginal oder per Sectio, Gebärende wünschen und schätzen eine einfühlsame Betreuung durch ihre GeburtshelferInnen. Sie wollen mitbestimmen, wie die Geburt abläuft. Zudem wollen sie Information über Maßnahmen, die gesetzt werden. Das geht etwa aus einer Übersichtsarbeit hervor, die die kanadische Pflegewissenschaftlerin Ellen Hodnett im Jahr 2002 erstellt hat, ebenso aus der Studie „Greater Expectations?“ eines Forscherinnenteams der Universität Leeds aus dem Jahr 2003, für die über 1.000 Frauen vor und nach der Geburt befragt wurden.

Die meisten Frauen in Österreich wollen in einem Krankenhaus gebären, doch manche überlegen sich Alternativen. Nur circa 1,4 Prozent der Frauen wählen aber tatsächlich diesen umstrittenen Weg und wollen ihr Kind zu Hause oder in einer Hebammenpraxis zur Welt bringen. Zwei Meinungen stoßen hier aufeinander: Die einen warnen davor, dass Hausgeburten zu riskant seien, da immer Notfälle auftreten könnten, die anderen befürchten, dass in einem Krankenhaus zu schnell in den Geburtsprozess medizinisch eingegriffen wird.

„Geburt ist etwas ganz Natürliches“, sagt etwa die 42-jährige Sigrun Schöttl, die zwei ihrer drei Kinder daheim geboren hat. Ihr erstes Kind sollte zwar auch zu Hause zur Welt kommen, sie musste aber wegen nachlassender Wehen doch noch im Krankenhaus gebären, was sie auch als schön erlebte. „Die beiden Hausgeburten hatten für mich aber eine ganz andere Qualität, nicht zuletzt deswegen, weil wir eine sehr erfahrene Hebamme an unserer Seite hatten“, erzählt die Seelsorgerin am LKH Kirchdorf. „Die 100-prozentige Sicherheit gibt es nirgends, Leben ist immer ein Risiko“, sagt sie zum Thema „Gefahren einer Hausgeburt“. „Eigentlich beginnt das Leben mit einem Wunder.“