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Zu Hause bleiben und Lachs essen

Wer Doris Knechts „Wald“ gelesen und danach gleich zu Marlen Haushofers „Die Wand“ gegriffen und auch diesen Epochen-Roman gelesen hat, sollte erst einmal einen Tag Lesepause machen, bevor sie oder auch er sich an das vorliegende Buch macht. Auch hier ist das Thema „Rückzug“, aber auch „Zeit“, aber auch „Runterfahren“ oder einfach Resettaste-Drücken, eben anders, etwas leichter, was nicht seichter heißen soll.
 
Die große Geschichte hinter der Geschichte um die Fotografin Rebecca, die ihr New Yorker Appartment vermietet und aufs Land zieht, ist die Geschichte ihrer Fotografien, die Geschichte ihrer gescheiterten Ehe, des narzisstischen Ehemanns, des Sohnes, der nicht erwachsen werden will, der Eltern, die unter Demenz – die Mutter – und Starrsinn – der Vater – leiden. Ja, Rebecca zieht aufs Land und denkt nach. Sie lernt einen Kerl kennen, auch das ist nicht das Aufregende. Dass der Kerl aber eine Schwester hat, die an Depressionen leidet, die Kreuze in der Landschaft aufstellt, die das Leben so gefährlich nahe erlebt, während Rebecca einen günstigen Handwerker sucht, das ist die Geschichte hinter der Geschichte.
 
Wo immer diese Rebecca Winter hinkommt, ihre Fotografien waren bzw. sind schon da. „Es ist mir eine Ehre“, haucht man ihr entgegen und erzählt im gleichen Atemzug, dass auch die Mutter schon ein Rebecca-Winter-Fan war. Ihr berühmtestes Werk „Stillleben mit Brotkrümeln“ macht die damals junge Frau berühmt. Damals, der Sohn ein Baby, der soeben eroberte Ehemann bereits auf der Pirsch nach der nächsten Ehefrau, die wiederum zehn Jahre jünger als seine aktuelle Gefährtin sein muss, eine überraschende Einladung, Gäste – da wacht Rebecca auf dem Sofa auf, wo sie erschöpft eingeschlafen war. Das Licht fällt auf die gestapelten Teller, die Brotkrümel, das Geschirrtuch, das an den Rändern ein wenig angebrannt war: Fotos, die die Welt in und außerhalb New Yorks begeisterten. Da ist noch Rebeccas Agentin, die sich zu selten meldet und sich nicht für die neuen Ideen ihrer Auftraggeberin interessiert, Kreuze, Wege, Bäume? Einsamkeit, Wildnis, ein einfaches Leben? Wer will das sehen, wer will das kaufen?
 
Je länger Rebecca über ihr Leben nachdenkt, über ihre Mutter, die im Pflegeheim am Tisch sitzt und ihr Klavierspiel imaginäre Tasten schlagend perfektionieren will, an ihren Vater, der sich stets der strengen Frau unterordnete und seine Tochter stets etwas fremd empfand, desto klarer wird ihr fotografischer Blick: Sie folgt einer Spur, nicht wissend, dass sie damit auch verletzt, an Verschwiegenes stößt, Geheimnisse aufdeckt und an die Öffentlichkeit zerrt. Und dann gibt es noch Sarah, die so gern in England leben möchte und als Ersatz englische Spezialitäten in ihrem Café serviert, die niemand so richtig mag. Unangepasste finden sich, vertrauen einander und bilden die beinahe beste Bande der Welt.
 

„Wo haben Sie denn bloß gesteckt?“ Rebecca wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Auf dem Land? Auf einem Baum? Mit einem Dachdecker? In einem völlig anderen Paralleluniversum, das heimlich, still und leise mehr Realität für sie angenommen hatte als dieses Kristallglas hier, dieser Brunello, diese Menschen, dieser ganze, auf Hochglanz getrimmte Saal?

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Die Gelegenheit, selbst eine Auszeit zu nehmen. Die Möglichkeit, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Die Krümel auf einem Brett interessant zu finden, die eigenen Verwandten einmal ganz scharf und ohne Weichzeichner zu betrachten, sich Gurkensandwiches zu machen, sich mit der 61-jährigen Romanheldin über die Liebe zu freuen.

Die Autorin soll ja die amerikanischen Bestenlisten gut kennen und sie regelmäßig dominieren, sie ist Jahrgang 1952, Zeit, auch ihren Bestseller „Die Seele des Ganzen“ zu erwerben.

 

Anna Quindlen:

Ein Jahr auf dem Land. Roman.

Aus dem Englischen von Tanja Handels.

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

One thought on “Zu Hause bleiben und Lachs essen”

  1. Dani sagt:

    Anna Quindlen hat mit ihrem Jahr auf dem Land einen wunderbaren Roman geschrieben, der den Leser direkt einlädt, selbst eine Zeitlang aus der gewohnten Lebensspur zu treten, zumindest während der Lektüre.
    Ein spannendes Frauenleben unserer Zeit, die Kunst und die Liebe zur Fotografie sowie Erfahrungen abseits des Gewohnten machen die Geschichte der Protagonistin Rebecca Winter zu einem erstklassigen Lesegenuß.
    Hat Leserschaft, Literaturkritiker und mich überzeugt.

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