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Zugabe

Das Leben im Ruhestand als Zugabe sehen…

Beinahe selbstverständlich erwarten wir uns von unserem wohl verdienten Ruhestand, dass er uns das bietet, was wir in unserem gestressten Berufsleben immer wieder aufgeschoben haben. Mehr Zeit für die Familie zu haben, im Haus oder in der Wohnung einiges neu gestalten oder renovieren zu können, endlich die eine oder andere Traumreise machen zu können, zu lesen, wenn man ein gutes Buch findet und nicht erst im nächsten Urlaub, und, und, und… Vieles wartet auf uns.

Und zum Glück reicht es für die meisten von uns hier in diesen Breiten, um auch im Ruhestand einigermaßen gut leben zu können und vor allem, um eine ausreichende Krankenversorgung zu erhalten. Selbstverständlich ist das nicht. Blicken wir nur knappe 1000 km nach Osten, wo in Moldau, Rumänien, der Ukraine und deren Nachbarländern alte und kranke Menschen in ihren baufälligen Häusern krank und schmerzgeplagt alleine und ohne jegliche Altersversorgung leben müssen, angewiesen auf die soziale Hilfe karitativer Organisationen.

Ist es doch auch bei uns noch nicht so lange her, dass Frauen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können und somit auch selber für ihr Alter vorsorgen können. Die Generation unserer Mütter hat oftmals noch in Abhängigkeit vom Ehemann gelebt und war überhaupt nicht für das Alter abgesichert. Diese Frauen hatten oft weder die Kraft und die finanziellen Mittel, noch eine Idee, wie sie für sich selbst gut sorgen könnten. Sie haben es als ihre Pflicht angesehen, immer für die anderen da zu sein. Alle Wünsche, alle Träume wurden auf später verschoben und so haben diese sich oft von selber erledigt.

Meine Mutter ist so eine Beispiel. Ihr Leben lang wollte sie gerne reisen, wollte Neues kennen lernen, war neugierig. Leider hatte sie aber keinen sehr reiselustigen Mann. Dann wurde mein Vater ein Pflegefall und meine Mutter hat ihn aufopfernd bis zu seinem Tod gepflegt. Wenn sie etwas interessiert hätte, dann hieß es, das mache ich, wenn Papa mich nicht mehr braucht. Sie hat es mit letzter Kraft und viel professioneller Hilfe geschafft, dass er bis zu seinem Tod zu Hause bleiben konnte. Aber mit seinem Tod war auch ihr Leben vorbei. Die Kräfte waren aufgebraucht, von einem Tag zum anderen wurde auch sie ein Pflegefall, ihre Träume musste sie mit ins Grab nehmen.

Die Jahre nach 60 als Zugabe zu sehen, in der wir all das anfangen, was wir immer schon hinausgeschoben haben, das funktioniert nicht. Es ist aber eine herrliche Zugabe, um unseren bereits vorher nachgegangenen Interessen und Vorlieben mehr Zeit widmen zu können, und vor allem, um den Blick stärker von außen nach innen zu richten. Kennen wir den Zustand unserer Seele eigentlich noch? Nehmen wir die Zeichen aus unserem Unterbewussten wahr? Spüren wir noch, was uns gut tut?

Ich denke, da könnte sich eine sehr spannende Welt für unseren letzten Lebensabschnitt auftun!

Anneliese Pflügelmayr

arbeitete als Pädagogin und Mediatorin. Zuletzt war sie an der Pädagogischen Hochschule OÖ tätig, wo sie Deutschdidaktik unterrichtete und gemeinsam mit KollegInnen einen Lehrgang für Peermediation aufbaute. Seit einem einjährigen Aufenthalt als Austauschschülerin in den USA engagiert sie sich als Freiwillige für Jugendaustausch und diverse Sozialprojekte. Kommunikation und Begegnung mit Menschen sind ihr wichtig. In ihren Beiträgen wirft sie einen augenzwinkernden Blick auf das Alltagsleben als Seniorin, in dem sich vielleicht auch so manche Leserin wiederfindet.
Ihre Devise: Mit kritischer Distanz und Humor sollte sich doch das Älterwerden etwas leichter bewerkstelligen lassen!

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