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Zum Heulen zumute<br>ab 12 Jahren

Käthe Recheis ist gegangen. Meine Dankbarkeit und Bewunderung für das, was sie der Welt gegeben hat, ist beinah stärker als jede Traurigkeit. Viele, die sie persönlich kannten, erinnern sich an sie:
http://www.stube.at/tagebuch/recheis_erinnerungen_sammlung.htm

Als ich Käthe Recheis – und mir wird warm ums Herz bei ihrem Namen – vor ein paar Jahren das letzte Mal im Rahmen einer „Stube“-Veranstaltung sah, war offen, ob sie etwas aus ihren Büchern lesen würde. Sie entschied sich spontan dagegen. Zu müde, was alle im Saal mit Verständnis aufnahmen. Allein ihre Präsenz und Ausstrahlung an jenem Abend waren für mich beeindruckend.

Ihr Engagement für indigene Völker, ihre Ehrfurcht vor der Natur und ihre Fürsorge für „Indianerkinder“, das alles hat mir bereits als Kind sehr imponiert. Vor über dreißig Jahren hörte ich sie in der vollbesetzten Aula der PÄDAK Linz lesen. „Der Weiße Wolf“ stand für mich jahrelang ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher, ich hab es öfters gelesen und immer wieder mich hineingelegt in die Wälder, die ich im Buch durchstreift habe … Auch „Lena, unser Dorf und der Krieg“ ist für mich neben Nöstlingers „Maikäfer flieg!“ ein unentbehrlicher Beitrag zur österreichischen Zeitgeschichteschreibung.

 

Heute Morgen ist mein Jüngster zu mir ins Bett gekrochen – sonntägliche Langschläferei bietet viele Vorteile – und hat mir von der Pflichtlektüre für den Deutschunterricht erzählt. „Das Geheimnis des Feuers“ von Henning Mankell hat meinen Zwölfjährigen völlig aus der Fassung gebracht. Die wahre Geschichte des afrikanischen Mädchens Sofia Alface, das überlebt hat, passt zur aktuellen Tragödie der Ertrinkenden im Mittelmeer und wie in Österreich mit „Flüchtlingsströmen“, seien sie aus Syrien, Liberia, Somalia und von sonst wo, umgegangen wird. Ich finde es gut und richtig von der Deutschlehrerin, dass sie dieses Buch gerade jetzt, so knapp vor den sehnlich erwarteten Ferien, gewählt hat. Es entkräftet jedes Argument gegen eine herzliche Aufnahme flüchtender Menschen. Dabei ist das Thema in Mankells Kinderroman gar nicht die Flucht (wie beispielsweise Anne-Laure Bondoux´ großartiges „Die Zeit der Wunder“), sondern Begebenheiten und Lebensumstände in Mosambik, vor denen man vernünftigerweise nur davonlaufen kann. Unvorstellbar für unsereine. Die Erlebnisse des Mädchens Sofia waren für meinen Sohn so eindringlich und schmerzlich, dass er tief berührt war.

Ich hab mich erinnert gefühlt an eines meiner frühesten Leseerlebnisse: „Pablito“ von Käthe Recheis zu lesen war unsere Hausübung in der zweiten Klasse Volksschule. Es erzählt vom Indiobuben, der auf die ungeliebte Ziege Uyuni aufpassen muss. Großmutter Yacuma wird Tag für Tag langsamer, Pablito wartet geduldig auf ihre Rückkehr vom Wasserloch. Sie kündigt ihrem Enkel sogar an, dass sie ins glückliche Land gehen und nicht mehr aufwachen wird. Als es schließlich so weit ist und die Großmutter stirbt und Pablito mit dieser Ziege ganz alleine lässt, da war das zu lesen für mich schlichtweg nicht auszuhalten, einfach unerträglich traurig. Ich heulte Rotz und Wasser. Meine Mutter konnte mich kaum trösten. Ich liebe das Buch bis heute heiß.

 

Kinderliteratur mutet jungen Lesern und Leserinnen die ganze Wahrheit über die Lebenswirklichkeiten auf unserer Erde zu. Das ist aufwühlend und bewegend. Ehrlich mitfühlen, mitleiden, sich aber auch mitfreuen können, wenn es gut ausgeht wie bei „Das Geheimnis des Feuers“ oder eben auch „Pablito“, was wünscht man sich mehr von einem Buch?

Zum Weinen, allerdings in einem anderen Sinne, ist die Tatsache, dass viele Recheis-Titel im Buchhandel aktuell nicht lieferbar sind. Die von der Bundesrepublik Deutschland dominierte Kinderbuchbranche scheint allgemein mit Büchern österreichischer Autoren nicht genug Profit zu machen. Da liegt es dann an Buchhändlern und Buchhändlerinnen, wenigstens diejenigen noch in den Backlists der Verlage gehaltenen Bücher auch tatsächlich in den Läden vorrätig zu haben, damit die Verlage wissen: Sie werden nachgefragt und gelesen!

 

 

„Pablito“ ist vergriffen, doch problemlos antiquarisch erhältlich, z. B. über www.booklooker.de.

 

Regulär lieferbar sind unter anderem:

  • „Der weiße Wolf“ dtv-Taschenbuch ISBN 978-3-423-70298-0
  • „Lena, unser Dorf und der Krieg“ dtv-Taschenbuch ISBN 978-3-423-78035-3
  • „Kleiner Bruder Watomi“ dtv-Taschenbuch ISBN 978-3-423-07588-6

 

Pressemeldung zum Tod von Käthe Recheis:
http://ooe.orf.at/news/stories/2713598/

Anne-Laure Bondoux: „Die Zeit der Wunder“ als Taschenbuch bei Carlsen ISBN 978-3-551-31285-3

Henning Mankell:

Das Geheimnis des Feuers

Ab 12 Jahren

ISBN 978-3-7891-4211-6

Oetinger Verlag

Dass die große österreichische Autorin Käthe Recheis die „Geschichten von Paddington“ von Michael Bond aus dem Englischen übersetzt hat, ein warmherziger Bericht einer geglückten Flucht des Migrantenbären, fügt sich hier seltsam harmonisch ein. Sehr sehenswert übrigens ebenso die Verfilmung, die erst vor Kurzem im Kino war und bereits als DVD erhältlich ist.

 

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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