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Zwei Geschichten warten noch
Ein Besuch bei Käthe Recheis, der Kinderbuchautorin.

Käthe Recheis öffnet die Tür des alten „Doktorhauses“ in Hörsching. Im Windfang viele Schuhe, die gehören der Familie ihres Neffen im Obergeschoß. Ich folge der schmalen, kleinen Frau in ihre Wohnung. Im Wohnzimmer eine Garnitur aus Möbeln einer anderen Zeit, in den Vitrinen das schöne Geschirr noch aus dem Besitz der Eltern, ein Klavier, und eine Katze, die sich rasch aus dem Raum stiehlt. Sie mag Besucher nicht so gerne. Sie will Käthe Recheis für sich allein haben.

Die Autorin von rund 60 Büchern für Kinder war eine Zeitlang viel gelesen. Sie machte sich einen Namen, weil sie den Kindern in den Alpen die Amerikaner Nordamerikas näher brachte. In den 1980er Jahren schrieb sie mit „Lena. Unser Dorf und der Krieg“ recht unmittelbar über ihre nähere Heimat und deren Menschen während des Zweiten Weltkrieges. Mir ist unvergessen, wie sie darin vom Schicksal des Vaters eines Bekannten erzählte, der in Hartheim als „lebensunwert“ getötet wurde. Das Buch gehört zur Schullektüre, weil es Kindern aus der Perspektive einer Gleichaltrigen die Geschehnisse erzählt.

Käthe Recheis hat Kaffee gemacht. Sie ist eine verschmitzte, stille, aber auch energische Gesprächspartnerin. Sie erzählt, wie sie den Entschluss fasste, freie Schriftstellerin zu  werden (schon als Kind) und wie sie ihn umsetzte (mit wenig Geld und viel Ausdauer). Sie erstaunt mich mit ihrer Einstellung, dass Schriftsteller-KollegInnen keine Konkurrenz, sondern Freunde sind. „Die Gruppe“ nannte sich der Zusammenschluss von Schriftstellerinnen wie Mira Lobe, Friedl Hofbauer, Lene Mayer-Skumanz, Renate Welsh und vielen anderen. Käthe Recheis ist bis heute dabei. Und stolz darauf, dass es der „Gruppe“ gelungen ist, das Schreiben für Kinder als Literatur salonfähig zu machen. Der österreichische „Literaturpapst“ Hans Weigel hatte ihr damals, als sie begonnen hatte, noch prophezeit, dass sie sich mit Kinderbüchern ins Abseits manövrieren würde.

Nach längerem Erzählen fragt die Käthe Recheis, ob sie sich eine Zigarette anzünden dürfe. Sie zieht die schlanke, lange Zigarette aus dem Etui und zündet sie an. Inhaliert habe sie nie, sagt sie, aber oft habe es geholfen, dem Rauch nachzuschauen, um sich zu konzentrieren und zu forschen, wie eine Geschichte sich weiter entwickeln würde. Heute, sagt sie, hätte sie einfach keine Lust mehr zum Schreiben. Anstrengend sei es, eine Frage der Disziplin. Zwei Geschichten hätte sie noch im Kopf, den Anfang, den Schluss, so wie es immer war, bevor sie zu arbeiten anfangen konnte. Was soll aus denen nun werden? Nichts, die müssten sich einfach damit abfinden, dass sie bleiben müssen, wo sie sind.

Käthe Recheis dämpft ihre Zigarette aus und richtet noch einen kleinen Imbiss in der Bauernstube. Früher lebte sie da mit ihrer Schwester, die schon länger tot ist. Auch ihre beiden Brüder, einer der erste Homöopathie-Arzt Oberösterreichs, der andere Abt des Stiftes Seckau, sind gestorben. In den nächsten Tagen wird sie wieder nach Wien fahren in ihre Wohnung am Donaukanal. Dort helfen ihr immer die jungen Gäste beim Abräumen und Abwaschen, sagt sie, während wir das Geschirr in die Küche tragen. Ich verstehe das. Man kann die alte Dame gut leiden. Sie hat eine springlebendige, jugendliche Seele.

 

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