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Vom Glück einer Reise zu einem alten Mann und in eine längst untergegangene Zeit.

Über zwei, drei Jahre hatte ich ihm immer wieder geschrieben und ihn um ein Interview gebeten. Auf jeden meiner Briefe kam Antwort, er ersuchte ein ums andere Mal um Aufschub. Er gebe eigentlich keine Interviews mehr, aber vielleicht nach dem Winter oder nach seinem nächsten England-Aufenthalt.

Irgendwann schrieb er, ich könne im März zu ihm nach Griechenland kommen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Patrick Leigh Fermor hatte mich eingeladen! Der König der Reiseliteratur, der britische Gentleman-Abenteurer, der während des Zweiten Weltkriegs als junger Major einer englischen Sabotage-Einheit auf Kreta einen deutschen General entführt hatte und zum Helden des griechischen Widerstands geworden war. Als 18-Jähriger hatte er zu Fuß Europa durchquert, später mit Marlene Dietrich auf Londoner Partys getanzt, die Anden durchklettert, Voodoo-Zeremonien auf Haiti beobachtet und mit über 60 die Dardanellen durchschwommen. Über all diese Abenteuer hatte er wunderschöne, gelehrte Reisebücher geschrieben – in seinem Haus auf der schroffen, mythengetränkten griechischen Halbinsel Mani.

Dort empfing er mich. Draußen rauschte die Messenische See, vom offenen Laubengang wehte der Wind den Duft von Fresien ins Haus. Patrick Leigh Fermor, auch mit weit über 90 noch „unverzeihlich gut aussehend“ – wie jemand einmal über ihn geschrieben hatte -, stand zwischen Bücherstapeln, Diwanen und abgetretenen Teppichen. Seine knorrigen Hände waren übereinandergeschlagen auf einen schwarzen Stock gestützt. Er lächelte aus milchig-trüb gewordenen Augen. Über seinem gefurchten Altmännergesicht wellte sich volles, weißes Haar. Er schien mir wie eine Figur aus einer lange untergegangenen Welt.

Zur Begrüßung mischte er zwei Wodka Tonics mit Zitrone. Das Gespräch, das folgte, war beglückend – und qualvoll. Er sah sehr schlecht. Er hörte fast nichts mehr. Nachfragen zu müssen war ihm unangenehm. Mir war es peinlich, ihn in Verlegenheit zu sehen. Die Pausen, in denen wir schwiegen, wurden länger. Irgendwann war die Stille fast normal. Die Haushälterin brachte Knäckebrot mit Avocadoaufstrich. Ein großer, schlanker Kater mit schräg liegenden Augen nahm majestätisch geräuschlos auf einer Armlehne des Sofas Platz.

Abends, am mit Leinen und altem Porzellan sowie Silberbesteck gedeckten Tisch, erinnerte sich Patrick Leigh Fermor an die Lieder, die er als junger Mann während seiner Fußwanderung durch Europa in österreichischen und deutschen Gasthäusern gehört hatte. Er begann mit leicht schwankender Stimme, die schnell an Festigkeit gewann, zu singen: „Lore, Lore, Lore, schön sind die Mädchen von siebzehn, achtzehn Jahr …“ Dann: „Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust ?“ Sein Deutsch war makellos. Er wechselte ins Französische, sang „Chevaliers de la Table Ronde“, dann ein russisches und ein bulgarisches Volkslied. „Ich habe seit Jahrzehnten nicht an diese Lieder gedacht“, sagte er lachend. Er bat mich, auch etwas zu singen. Ein Gespräch war nicht möglich, also sangen wir einander vor. Zwei Stunden lang. Ich dachte kurz daran, das Aufnahmegerät, das ich in meiner Tasche hatte, aufzudrehen. War ich nicht als Journalistin hier? Ich entschied mich dagegen. Ich wollte so tun, als säßen wir hier als alte Freunde.


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Julia Kospach