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Ich weiß etwas, was du nicht weißt: von der unbändigen Freude über erworbenes Wissen.

Es war nicht mehr viel Interessantes übrig. Ich war gerade in einer Galerie für asiatische Kunst, die ihre gesamten Bestände abverkaufte, weil sie zusperren wollte. Ich hatte zu spät davon erfahren. Da war nichts, was meine Fantasie angeregt oder meine Sehnsucht geweckt hätte. Ich bin eine Sammlerin, ich hoffe ständig auf überraschende Entdeckungen. Wenn sie ausbleiben, bin ich enttäuscht. Trotzdem wollte ich nicht gleich wieder gehen. Stattdessen blätterte ich mich zunehmend lustloser durch einen Ständer mit mittelmäßigen japanischen Farbholzschnitten, als mein Blick an einem Kupferstich hängen blieb. Zuerst irritierte er mich einfach durch seine bloße Existenz an einem Ort, an den er so offensichtlich nicht gehörte. Es war in etwa so, wie einem eine Zwetschke in einem Korb Marillen auffallen würde. Nichts daran war auch nur annähernd asiatisch. Ein eindeutig europäischer Kupferstich mit einem – waren das nicht zwei Lamas im Bildvordergrund? – südamerikanischen Motiv. Ein hoher Berg mit schneebedecktem Gipfel, davor eine weite Hochebene mit vier winzigen Figuren und ganz vorne im Bild die Lamas und einige Kakteen.

Ich fragte die Galeristin. Sie sagte, sie habe den Stich einmal gemeinsam mit einer südostasiatischen Sammlung in Bausch und Bogen mitgekauft. Sie habe einige Leute danach gefragt. Niemand habe ihr etwas dazu sagen können. Ich schaute noch einmal. Genauer. Irgendetwas an dem Motiv kam mir bekannt vor. Ich war mir zunehmend sicher, es schon einmal gesehen zu haben. Nur wo? Der Berg, die Lamas, der hohe Ohrwaschlkaktus. Was war das? Auf einmal fiel es mir ein. Ich hatte dieses Bild in einem Buch von Alexander von Humboldt, dem berühmten deutschen Naturforscher, gesehen. In dem Buch ging es um Humboldts legendäre amerikanische Entdeckungsreise der Jahre 1799 bis 1804. Mein Herz begann leise zu klopfen. Ich hielt mir den Stich näher vor die Augen, ich schaute noch einmal. Links unterhalb des Bildrandes stand in winzigen Buchstaben „Drawn by A. de Humboldt“, „Gezeichnet von A. von Humboldt“. Ich fand auch die Jahreszahl 1812 und den Namen des Londoner Graveurs, der den Stich nach einer Originalzeichnung von Humboldt angefertigt hatte. Plötzlich fiel mir auch der Name des Bergs wieder ein. Chimborazo: Humboldt und sein Begleiter Bonpland waren die Ersten gewesen, die einen Besteigungsversuch des über 6.000 Meter hohen Bergs in den ecuadorianischen Anden unternommen hatten. Der Versuch scheiterte, aber Humboldt lieferte der Welt im Anschluss die erste genaue Schilderung der Symptome der Höhenkrankheit.

Ich nahm den Stich, meinen Original-Humboldt-Kupferstich aus dem Jahr 1812 (!), teilte der Galeristin mit gespielter Langweile mit, ich fände ihn ganz hübsch und würde ihn kaufen, zahlte einen Pappenstiel und stürmte auf die Straße. Ich empfand wilde Freude, Triumph, Stolz und unbändiges Sammlerglück. Bis heute. Wie wertvoll der Stich tatsächlich ist? Keine Ahnung. Zu seiner Zeit war Humboldt ein europäischer Superstar. Es waren sicher Hunderte oder Tausende Exemplare dieses Stichs aufgelegt worden. Für mich spielt das keine Rolle. Ich habe ihn mir noch nicht einmal aufgehängt. Es genügt mir, ihn zu besitzen und manchmal daran zu denken, wie ich ihn bekommen habe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Julia Kospach